Jahrgang 
15-26 (1862)
Seite
368
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liche Nebengeſpräche, reizloſe Scherze und Necke⸗ werden ſo viele geſchmackloſeWeiterungen ge⸗

macht, ſo gänzlich gleichgültige Nebendinge geplaudert, daß man dieſen ſtrebſamen Kreis naiver junger Leute recht herz⸗ lich ſatt bekommt und ihn mit Verſtimmung belächeln muß. Es kann keinen Troſt darbieten für dieſes unangenehme

Gefühl, daß uns die Verfaſſerin nicht auch noch den Pfar⸗ bſt und ſchließlich den Profeſſor ſichtbar werden läßt, t das junge Mädchen heirathet.

Dieſe Störung eines einkleidenden Beiwerkes iſt in der That geringer Schade, denn im Allgemeinen muß uian ſich darüüber freuen, und alle Leſer muß es intereſſiren, von einer ſo großen Künſtlerin praktiſche Rathſchläge zu empfangen, wie man vorleſen, ſprechen, betonen und geſti culiren ſoll, ohne ſich in gebildeter Geſellſchaft bloßzu⸗ ſ In der That ſtellen ſich aber die Meiſten bloß, enn auch die Rede, welche das Leben täglich übt,

richtig ausgeführt wird, ſo achte man nur auf rige Erſcheinung, welche gewöhnlich zu Tage tritt, wenn irgend ein ſogenannter wohlunterrichteter Mann, oder noch ſchlimmer, eine Frau in die Lage kommt, zu ir⸗ gend einer Lectüre in einem geſellſchaftlichen Kreiſe aufge⸗ fordert zu werden.

Iſt der Gegenſtand ein bloßer Zeitungsartikel oder Modebericht, ſo pflegt die Production ganz glatt von Stat⸗ teu zu gehn; verlangt man aber eine Abhandlung über irgend eine intereſſante Tagesfrage zu hören, ſo wird die Verlegenheit ſchon größer; noch mehr ſteigert ſie ſich bei einer Novelle, und ganz unüberwindliche Schwierigkeiten bietet der Vortrag einer lyriſchen oder dramatiſchen Pro⸗ duction dar.

Und doch ſollten alle gebildete Perſonen dieſe geſellige Action beherrſchen lernen. Im Gegentheil zieht ſich aber faſt Jeder ängſtlich und verlegen aus der Affaire.

Auf unſeren deutſchen Mädchen- und Knabenſchulen, ſelbſt Gymnaſien mitgerechnet, ſo wie auch in unſern größ tentheils verſchrobenen Inſtituten wird nun zur Zeit noch ſehr wenig, ſo wenig wie nichts, zur Erlernung des Sprach⸗ vortrags in ſeinem ganzen nothwendigen Umfange gethan. Daß man die Zöglinge zuweilen eine Seite vorleſen läßt und dabei einige ſteife Elementarbenterkungen macht, oder ſie ein Gedicht auswendig lernen und declamiren läßt, ge währt nur eine jämmerliche Uebung. Die einzige Alles umfaſſende und zugleich gedankenbildende wäre die, unſere Jugend beiderlei Geſchlechts in der freien Rede nach mo⸗ mentan gegebenen angemeſſenen Themen zu üben. Hier bei findet ſich dann mit einiger Beihülfe der richtige künſt leriſche Vortrag von ſelbſt, denn Jeder wird ſich naturge⸗ mäß bemühen, die eben gefaßten Ideen durch richtige Be tonung und verdeutlichende Gebehrde zur Geltung zu brin⸗ gen. Was dabei gegen die Regeln der Schönheit verſtößt, läßt ſich bald corrigiren.

Wer es erſt gelernt hat, ſeinen eigenen Gedanken durch guten Vortrag Nachdruck zu verſchaffen, wird auch ohne viel Anſtoß dahin zu führen ſein, die Gedanken Anderer, das heißt alſo eine gedruckte Rede oder Dichtung, ohne liu⸗ kiſche Zaghaftigkeit und falſchen Accent vorzuleſen.

Redigirt unter Berantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig. Verl

Uovellen-Zeitung.

Nun ſehe man ſich beim Mangel dieſer Schulſtudien, der beiläufig bemerkt einen unpatriotiſchen Indifferen⸗ tismus verräth, da er Sorge trägt, der Nation um's Him⸗ melswillen keine guten Redner zu bilden, damit England, Frankreich und Amerika unſere Unſelbſtſtändigkeit im freien öffentlichen Sprechen belächeln und eine nationale Talent⸗ loſigkeit nennen, ja, ſie wohl gar unſerer uunvergleichlichen Mutterſprache ſchuld geben können; uun ſehe man ſich bei dieſem Mangel der Bildungsinſtitute nach guten faßlichen Lehrbüchern zum⸗Privatgebrauch um.

Man wird finden, daß viele unſerer beſten Dichter und Claſſiker über dieſen wichtigen Stoff treffliche einzelne Bemerkungen niedergelegt haben, wie das z. B. Goethe im Wilhelm Meiſter that.

Das Publicum aber hat an dieſen Einzelheiten wenig Aushülfe. Eher kann ſie der Bühnenkünſtler nachſuchen und nützen, der es aber, wie ich aus langjähriger Beobach⸗ tung weiß, in der Regel unterläßt. Dieſe Scheu vor der⸗ gleichen Mühwaltungen macht ihn doppelt verlaſſen, denn er hat als Richtſchnur ſelten tüchtige lebende Vorbilder, und da es auch keine Theaterſchulen gibt, ſo bleibt ihm als Anhalt bloß der zweifelhafte Geſchmack des Publicums und eine größtentheils unfähige Kritik. Quälen doch Men ſchen das Theater mit ihren anonymen Raiſonnements, die ſich wegen ihrer großen Albernheit überhaupt geniren ſollten, in der Welt zu ſein. Wenn ſie bloß die Macht hätten, ſich entweder aufzuhängen oder Theaterkritiken zu ſchreiben, ſo würde freilich das Letztere nicht bloß beque⸗ mer, ſondern auch chriſtlicher ſein. Gibt es denn aber bis zum Schäfer oder Thorſchreiber hinauf nicht noch andere nützliche Beſchäftigungen? Warum muß ein Schwachkopf immer gemeinſchädlich wirken, um reputirlich zu erſcheinen?

Doch genug von dieſen arroganten meckernden Ziegen⸗ böcken, die ſich unwiſſenden Menſchen und noch unwiſſen⸗ deren Zeitungsredactionen als Kunſtgärtner empfehlen möchten.

In Ermangelung alſo von tüchtigen Werken geiſtreicher Denker haben verſchiedene deutſche Schulfüchſe nicht umhin gekonnt, über die Geſetze der Proſodie, des Vortrags und der freien Rede ein Reglement aufzuſtellen. Natürlich aber ſind die meiſten dieſer im conceſſionirten Profeſſorſtyl abgegebenen ſteifleinenen Raiſonnements ungenießbar und werden nur auf der Schulbank benutzt, um den angebor⸗ nen Geſchmack der Jugend auszutrocknen.

Dem Publicum ſteht es frei, ſich vor ſolchen Büchern zu hüten.

Da es aber kei wünſchenswerthen Erſatz dafür ſindet, wird es einſte athſam ſein, ſich mit dem Werke der Agneſe Schebeſt aut zu machen.

Es wird auch leicht genug ſein, denn zahlreiche Leſer ſind zu ſehr daran gewöhnt, die kläglichſten Novellen zu verarbeiten, um an den Epiſoden und Familiengeſprächen dieſes Buches Anſtoß zu finden. Allen aber wird es leicht werden, den ihnen zu Theil werdenden Gewinz an Bildung als willkommenen Nothpfennig von der beiläufigen Ein⸗ kleidung zu trennen.

ag von Alphons Pürr in Leipzig. Druck von Gieſeche& Pevrient in Leipzig⸗

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