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ſo wie dem realen Werktagsleben gewidmet, wie die Ro⸗ mane von Alexis, König, Gutzkow und Auerbach. So auch das pſeudonyme Werk dissolving views.
Engliſche Literaten haben ſich mehr den Intereſſen des vierten Standes gewidmet. Indeſſen ſuchen ſie dabei vorzugsweiſe den poetiſchen Stoff, das Draſtiſche, nicht das Humaniſtiſche.
Am meiſten haben ſich in dieſer Sphäre der Literatur die Franzoſen ein Verdienſt erworben. Es kann nicht da⸗ von die Rede ſein, die hauptſächlichen Werke zu nennen, welche hier einſchlagen.
Wir wollen unſere Leſer nur auf einen Roman hin⸗ weiſen, der alle europäiſche Landesgrenzen überſchritten und ſeiner Zeit eine ungeheure Popularität erreicht hat. Dennoch iſt mit einer gewiſſen Vornehmheit herabſetzend darüber geurtheilt worden, und man hat ſich damit begnügt, ihn von einem ideal⸗ äſthetiſchen Standpunkte aus eine rein abenteuerlich⸗ſtoffliche Unterhaltungslectüre zu neu⸗ nen. Das war unrecht, denn wenn es auch wahr iſt, daß in ihm die ſittliche Abſicht nicht rein, ſondern mit roman⸗ tiſch⸗realiſtiſchen Tendenzen gemiſcht erſchien, ſo darf man voch nicht ſchlechtweg Kupfer nennen, was vierzehnkaräti⸗ ges Gold zu heißen verdient. Welcher Juwelier des Gei⸗ ſtes bearbeitet überhaupt lauteres Gold? und wo findet man es ohne Zuſatz?
Dieſer große, noch immer begierig geleſene Roman, oder vielmehr dieſes Conglomerat gemiſchter, im Hochofen der Phantaſie zuſammengeſchmolzener Romanerze ſind Eugen Sue's„Geheimniſſe von Paris.“ Der theils ſcharfſinnige, theils hochmüthige Tadel, den dieſes Werk fand, paßte nur vollkommen auf die hundert durch ihn hervorgerufenen Nachahmungen, lauter Muſterkarten ſeiner Fehler und pikanten Schattenſeiten.
Im Grunde aber hatte dieſe Dichtung, reich au Er⸗ findung und ſo kühn und feſſelnd in der Schürzung der Compoſitionen, als trivial in den Löſungen derſelbeu, einen großen ethiſchen Gehalt. Sie ſuchte die Wurzeln des ge meinen Volksunglücks auf, die zwingende Gewalt, die Nothwendigkeit, den tragiſchen Sündenbann des Eleuds, deſſen unbarmherzigen Schranken die arme Seele auf Le⸗ beuszeit verfallen iſt. Sie enthüllte den Fluch des Kain⸗ zeichens, welchen der ſtrenge, vor dem formellen Geſetze mafelloſe Theil der Menſchheit auf die Stirn der einmal nur gefallenen Unglücklichen drückt. Sie entſchleierte auch die antichriſtliche Moral dieſer richtenden Gewalt, bei der wahren himmliſchen Menſchenrechte im Hundeſtall frie⸗ ährend ſich an ihrer fetten Tafel das Laſter mäſtet, Stand, Amt, Reichthum und Privilegien geſchützt. n dieſem Sinre war es für die neuen Zeitverhält niſſe ein bahnbrechendes Werk, voll leidenſchaftlicher, laut redender Details aus der Wirklichkeit. Die Unwahrſchein⸗ lichkeiten im Gang der Fabel wurden von der Natürlichkeit der Einzelheiten aufgewogen. Dieſe zeigten der Weisheit der Geſetzgeber und der Verwaltungsbehörden, daß ihr gutes Gewiſſen ein Ruhekiſſen voll Kälberhaare ſei, wel— ches bloß ein ſehr geſunder Schlaf vortrefflich erſcheinen laſſe. Sie riſſen den wohlhabenden Tugendbündlern, die
Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Hürr in Leipzig.— Verlag von Alphons Hürr in Leipzig.— Druck von
Uovellen-Zeitung.
— VIII. Jahrg.
ſich ſelbſtgefällig die Hände reiben, weil Alles ſo gut ſteht, die ſcheinheilige Maske vom Antlitz, und ſie gruben die Gräber der Verdorbenen auf, und ſiehe da, die chemiſche Analyſe der Pſychologie erwies, daß es Gift und immer Gift war, aber moraliſches, woran ſie keines natürlichen Trdes geſtorben.....
Kann man dies von der ſocialen Tendenz der„Geheim⸗ niſſe von Paris“ ſagen, ſo gilt es in noch viel beſtimmterem Sinn von dem Roman Victor Hugo's, und zwar wird ſich ſchwerlich daneben ſo viel Einſchränkendes, Materielles, von der Grundtendenz Abſchweifendes herausſtellen. Die erſten beiden Bände verſprechen eine ſittliche Conſequenz.
Victor Hugo hat ſeit langen Jahren nichts edirt, ja er gilt vielen von der unreifen Haſt des Tages lebenden Le⸗ ſern als ein bereits Geſtorbener. Dieſes Schweigen eben iſt eine vertrauenerweckende That, eine echte Schriftſteller⸗ that, denn Ruhen, Sammeln, Sichconcentriren muß dem Schaffen vor hergehn. Es iſt Selbſtverblendung oder Un⸗ verſchämtheit, die Welt glauben machen zu wollen, der Geiſt und das reine Feuer für die Sache triebe die Auto⸗ ren, alle Jahre mehrere Bände zu produciren. Von ſol⸗ cher Fruchibadieit ſind nur einzelne Köpfe in irgend einer beſonders glücklich erregten Periode ihres Lebens natur⸗ gemäß behaftet. Hunderte aber foreiren ſich, wobei es für die Muſe indifferent bleibt, zu unterſuchen, ob hierzu Eitel⸗ keit oder Geldbedürfniß ein kläglicheres Motiv iſt.
Victor Hugo hat an beiden nicht gelitten. Ein nur einigermaßen umfaſſendes Urtheil über ſeine neue, ohne Zweifel für ganz Europa intereſſante Dichtung iſt ſo weit hinausgerückt, wie deren Vollendung ſelbſt. Es läßt ſich nur über das bisher Vorhaudene a3 Einzelheit andeutend ſprechen.
Der Poet führt uns allem Anſchein nach in eine ein⸗ fache, geſchloſſeue Compoſition, fern von der Epiſodenmo⸗ ſaik Eugen Sue's. Mit großer Schöpfungskraft weiß er uns für Perſonen zu feſſeln, die nach dem gewöhnlichen Urtheil wenig poetiſche Reize, vor Allem gar keine ſinn⸗ lichen haben, welche doch bei der Maſſe der modernen Le⸗ ſer den eigentlichen Vogelleim der literariſchen Gimpelfalle bilden.
Die Charakteriſtik, oft in ſchroffen Zügen und Sprün⸗ gen gegeben, hat eine ungeheure Figürlichkeit und Reife der Form, und der geiſtvolle, aber in den Grenzen der Oodjectivität ſtehende Dialog bewegt ſich in der Sprache
der Manſarde und der Gaſſe.
Ich zweifle nicht: wer ſich im Leben bewegt hat, wem das Schickſal Empfindung anlerute für die Leiden der Un⸗ glücklichen, vom mechaniſchen Druck der Glücklichen Be⸗ drückten; wer überſatt iſt des ſentimentalen Gewinſels und der üppigen Lüge, die im modernen Roman um die Wahr⸗ heit des Lebeus betrügt,— mit einem Worte, wer das ſociale Elend nicht bloß in ſeiner verſchönernden Abbil⸗ dung, ſondern in ſeiner ungeſchmeichelten Photographie ſehen will: der wird in dieſem Werke eine Befriedigung ſeines moraliſchen Verlangens und daneben zugleich eine Erregung ſeiner geiſtit en Genußnerven finden. Die Ueber⸗ tragung Diezmanu's iſt vorzüglich empfehlenswerth.
Gieſecht& Devrient in Leipzig⸗
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Neit
oven
Fevil N 8


