5
nn
novellen-
Die Obſthändlerin vom Pont des Arts.
Scenen aus der Pariſer Juli⸗Revolution von
G. Kletke.
(Fortſetzung.)
Allerdings hatte Magnus bereits früh ſchon im Mo⸗ niteur die berüchtigten Ordonnanzen geleſen, welche die
Preßfreiheit aufhoben, das Wahlgeſetz vernichteten und die
8 5
noch nahe im Mittelpunkte der
dumpfen Brauſen des Meeres, welches
zum 3. Auguſt berufene Deputirtenkammer auflöſten, allein dieſelben hatten für ihn als einen Fremden, einen Ausländer, keinesweges das Intereſſe und die Wichtigkeit wie für einen Franzoſen, einen Pariſer, wenngleich er ſich die ungeheuere Tragweite nicht verbergen konnte, welche ſolche Maßnahmen der Willkür hervorzurufen im Stande ſein dürften. Während des Vormittags war dieſes Schreckensgerücht von dem Bruch der Charte noch nicht bis in die entfernteren Vorſtädte gedrungen, es hielt ſich Stadt concentrirt; nament⸗ lich wogte das Volk im Palais⸗Royal in dumpfem Ge⸗ murre durcheinander. Dort war Alles verſammelt, die Kaffeehäuſer, die Leſezimmer, die Gallerien waren mit Menſchen gefüllt, und ri wurde der Moniteur vor⸗ geleſen, da die einzelnen Exe lare an dieſem Tage bei weitem nicht ausreichten. n verſchiedenartigſten Ge⸗ fühle konnte man auf den Geſichtern der hier verſammel⸗ ten Menge ausgedrückt ſehen: eruſte, tiefe Trauer, dumpfen Schrecken, lebloſes Erſtarren, dann aber wieder ſchlecht und ſchwer verhaltenen Grimm und höhniſche Erbitterung;
nirgends indeß fanden laute Ausbrüche dieſer Gemüths⸗
bewegungen ſtatt, nur ein hohles Gemurmel gleich dem dem nahen Sturme vorangeht und ihn dem erfahrenen Schiffer verkündet, lief durch die Volksmaſſen. Alle Kaffeehäuſer waren mit Menſchen gefüllt, aber Niemand genoß etwas, man ſah vielmehr nur horchende Gruppen, die ſich um Stühle und Tiſche gedrängt hatten, auf denen Einzelue ſtanden und die Ordonnanzen der ſchweigenden Menge vorlaſen, aus der nur hier und dort einzelne Ausrufungen des Unwillens hörbar wurden.
Als der Graf aus dem Blumenmagazin zurückkehrte,
war unterveſſen der Mittag vorbei, und ſchon jetzt hatte Paris ein bedeutend verändertes Anſehen gewonnen. Zwar
konnte man nur in den belebteſten Straßen, am Palais⸗
Royal, in der Straße St. Honoré, auf dem Platze Ven⸗ letztein
Dritte Folge
323
Zeitung.
dôme, bemerken, daß etwas Außerordentliches die Gemüther bewege, allein die Nachricht von dem Entſetzlichen war nun auch ſchon bis in die Vorſtädte gedrungen, die Gemüther des Volkes erbitterten ſich immer mehr; es waren nicht mehr nur einzelne Gruppen, die umherſtanden oder ſich nach den Kaffeehäuſern drängten, ſondern alle Straßen und Plätze ſah man ſich mit zahlloſen Menſchenſchwärmen füllen. Arm und Reich, Vornehm und Gering, Arbeiter in Blouſen oder in Hemdärmeln und junge Männer in der feinſten Toilette, Alles wogte bunt durcheinander; jeder Unterſchied der Stände hatte aufgehört, es beſtand nur noch ein Unterſchied,— der der Meinungen. Die Maſſen wogten in dumpfer Gährung bunt durcheinander, aber noch hatte kein Ausbruch des Unwillens, der Erbitterung ſtatt⸗ gefunden; und wo ſich Polizeibeamte ſehen ließen, wurden ſie verhöhnt und verſpottet, ſo daß ſie ſtets froh waren, aus den ſie umdrängenden Haufen unverletzt ſich zurück⸗ ziehen zu können. Währenddem war das Palais⸗Royal, die Tuilerien und der Louvre, ſowie die Wachthäuſer der Garden und Schweizer mit doppelter Mannſchaft beſetzt worden und auf den großen Plätzen begannen die Gens⸗ darmen die Volksmaſſen auseinander zu ſprengen, wobei allerdings einige flache Säbelhiebe fielen, die mit Geſchrei, Schimpfreden und ſelbſt ſchon mit Steinwürfen erwidert wurden. Alle Läden und Kaufmannsgewölbe waren längſt geſchloſſen, eine Menge Fremder verließ Paris, die Dili⸗ gencen waren bis auf den letzten Platz beſetzt, uud die Meſſagerien wurden förmlich geſtürmt. Die Büreaux der Journale waren gleichfalls von der Polizei geſchloſſen worden, und alle Blätter faſt, welche erſchienen, wurden confiscirt; nichts deſtoweniger verbreiteten ſie ſich, ſo weit man ſie irgend den Händen der Polizei entziehen konnte, mit reißender Schnelligkeit unter dem Publicum, denn ſie wurden unentgeltlich ausgegeben und unter das zuſtrömende Volk vertheilt.
Den ganzen Tag über hatte ſich Magnus in der Stadt herumbewegt, und als er eudlich Abends mit einigen Be⸗ kannten in einem Weinhauſe zuſammentraf, ſo ließ er ſich, theils durch eigene Neugierde bezüglich der kommenden Dinge, theils durch Unbekanntſchaft mit der Gefahr ver⸗ führt, die ihm als Fremden und Deutſchen diesmal ſo groß nicht dünkte, da derzeit eine ganz audere Richtung vorwaltete, als zur Zeit der Revolution von 1789 und 1792, durch das Zureden einiger junger Männer aus den höheren Ständen leicht bewegen, auch ferner noch in Paris zu verbleiben und ſich ihnen für die nächſten Tage anzu⸗ ſchließen, um das ſchwer beleidigte Paris als Vorkämpfe⸗ rin des gekränkten Nationalrechts, als Rächerin der ver⸗ Volksehre auf dem Culminationspunkte ſeiner


