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als heut zu Tage; dabei zeigte ſich der ſogenannte Wieuer Stock⸗Patriotismus in ſeiner ganzen Größe. Während man jetzt au Allent, was in Oeſterreich geſchieht, etwas auszuſtellen weiß, möchte ich Niemandenmn gerathen haben, auch das Unſinnigſte, was geſchah, nicht gut zu finden, und wenn man mit einer Neuerung nicht gauz zufrieden war, ſo ſchob man die Schuld auf die Miniſter. Der Kaiſer war in Aller Augen unfehlbar. Er kounte nichts dafür, wenn irgend etwas Schlimmes geſchah, aber alles Gute kam einzig und allein von ihm. Der ſchändlichſte Menſch, den ſich ein Wiener Bürger vorſtellen konnte, war Napoleon.
Das war nun das gewöhnliche ordnungsmäßige Leben eines Wiener Bürgers. Wenn er aber einmal über die Schuur hieb, ſo führte er im Sommer an einem Sonn⸗ tage ſein Weib und ſeine Kinder in den Prater, aß dort mit ihneu beim wilden Mann oder beim Papperl für einen Gulden Banchzettel zwölf Speiſen, ließ Nachmittags ſeine Kinder im Ringelſpiel fahren, zeigte ihnen das Marionet⸗ tenſpiel, und die ganze Familie verſäumte nie, ſich auf der in einer Bude befindlichen Wage wägen zu laſſen und ſich recht herzlich zu freuen, wenn Eins oder das Andere ſeit dem vorigen Jahre um ein halbes Pfund ſchwerer gewor⸗ den war. Dann wanderten ſie langſam und ſeelenvergnügt nach Hauſe, der Mann trägt das kleinſte Kind und die Frau ſeinen Rock und ſeine Perrücke.
Wie uneudlich haben ſich dieſe ehemaligen Zuſtaͤnde des Lebens und ſeiner Sitten ändern müſſen, um in die modernen heut zu Tage geltenden Verhältniſſe überzugehn!
Freilich war der deutſche Pfahlbürger ehedem entſetz⸗ lich beſchränkt und geboren, um tyranniſirt zu werden. Aber die fortſchreitende Cultur hat ihm mit der Bilduug zugleich verſchwenderiſche Ueberhebungen über ſeinen Stand und dünkelhafte Hohlheiten gebracht, die dem guten alten Bie⸗ derſinn ſchnurſtracks entgegenſtehn.
Uovellen-Zeitung.
IVIII. Jahrg
Daſſelbe findet ſich in den übrigen Theilen Deutſch⸗ lands, daſſelbe in Frankreich und England. Die Mittel⸗ claſſen gehen einer Epoche manierirter Ueberfeinerung ent⸗ gegen, welche die Schale zum Kern macht und dieſen dar— über einbüßt. Darum iſt es gut, wenn uns von Zeit zu
dem wir einmal wieder unſere Großeltern am Arbeitstiſch ſitzen oder auf der Straße gehen ſehn. Wenn es auch dadurch nicht mehr möglich iſt, die Maſſen von einer ma⸗ teriellen Aeußerlichkeit zurückzuhalten, ſo wird es doch im⸗ mer Einzelnen Sporn genug ſein, einer verderblichen Zeit⸗ richtung in ſeinen engeren Kreiſen nach Möglichkeit zu ſteuern. Im Großen und Ganzen geht Alles ſeinen Gang, wie es in einer Welt nicht anders ſein kann, wo man von oben herab nicht vom Verdienſt, ſondern vom Credit lebt.
Caſtelli, der in ſeiner fruchtbaren literariſchen Lauf⸗ bahn 199 Theaterſtücke zum Theil verfaßt, zum Theil über⸗ ſetzt und bearbeitet hat, zeichnet ſich durch eine leichte Hand in der Zeichnung von Charakteren und Zuſtänden aus, eine Eigenſchaft, die ihm getreu geblieben iſt. Dabei hatte ſeine beträchtliche Doſis von Witz und Humor keine ver⸗ letzende Schärfe, alſo nichts von dem Zuge, welcher Sa⸗ phir das Lob„unvergleichlich reizender Niederträchtigkeit“ einbrachte.
Etwas Aehnliches läßt ſich von der Freiſinnigkeit des Verfaſſers ſagen. Sie iſt ſehr beachtenswerth und ver⸗ dieuſtlich, und es iſt ihm wirklich Ernſt um das Wohl des Vaterlandes. Doch beraubte ſie den Verfaſſer nicht der Möglichkeit, am Ende ſeines Buches auch die Orden, Pre⸗ tioſen, Diamantringe und Doſen aufzählen zu können, welche er von fürſtlichen Perſonen wegen ſeiner literari⸗ ſchen Verdienſte erhalten hatte. Hierauf beruht wahr⸗
ſcheinlich das Sprüchwort: man ſoll das Eine thun und darum das Andere nicht laſſen.
Verlag von F. d. Brockhaus in Leipzig.
Balladenchronik.
Erzählende Gedichte ernſter und humoriſtiſcher Gattung
von Hermann Marggraff. 8. Geheft. 16 Ngr. Carton. 20 Ngr. 3
Eine von dem Dichter auf vielfache Aufforderungen veran⸗ ſtaltete Sammlung ſeiner Balladen, die von competenten Be⸗ urtheilern„dem Beſten, was ſeit Uhland und Schwab für die Balladenpoeſie gethan iſt“, beigezählt wurden.
Eine vollſtändige Sammlung ſeiner Gedichte erſchien früher ebendaſelbſt(geh. 1 Thlr. 15 Ngr., geb. 1 Thlr. 25 Ngr.).
Durch alle Buchhandlungen ist zu beziehen:
Lamartine, Histoire des Girondins. Vols. Elegant gebunden. Preis 3 Thlr. 5 Ngr.
Longfellow, Complete Works. 2 Vols. Mit Portrait. Elegant gebunden. Preis 3 Thlr.
Alphons Dürr in Leipzig.
Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig.—
Wichtiges hiſtoriſches Werk. In meinem Verlage erschien:
The Rise of the Duteh Republie
John Lothrop Motley.
3 double Volumes. Preis 3 Thaler.
Selten ist wohl in neuerer Zeit ein ähnliches Werk mit so ungetheiltem Beifall, sowohl seitens des Publi- cums als dér Kritik, begrüsst worden, und wird obige von dem Verfasser autorisirte Ausgabe, die sich durch Billigkeit und elegante Ausstattung auszeichnet, gewiss dazu beitragen, dies werthvolle Geschichtswerk auch in Deutschland in den weitesten Kreisen bekannt zu machen. Motley’s Dutch Republic bildet den 32. bis 37. Band
der Colleckion of Standard American and British Authors.
Jeder Band dieser Sammlung wird einzeln verkauft und kostet 15 Ngr.= 54 kr. rhn.
Alphons Dürr in Leipzig.
Verlag von Alphons Dürr in Leipzig.— Druck von Gieſecke 4 Devrient in Leipzig⸗
Zeit von Augenzeugen ein Spiegel vorgehalten wird, in
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