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Uovellen-Zeitung.
[VIII. Jahrg.
Bequemlichkeit des ſchlechten vulgären Geſchmacks.— So Männer von reinſtem innerem Fond und Gemüthstiefe,
ſcheinen denn in der That alle Anhaltepunkte zu fehlen, doch iſt dies Täuſchung, deun noch gibt es deren, welche den guten Willen niemals im Stich laſſen.
Beſonders gehört dazu die Bildung des Geſchmacks, ſelbſt die unwillkürliche, durch den Genuß anerkanut aus⸗ gezeichneter Lectüre, alter und neuerer. Zumeiſt eignen ſich dazu unſere deutſchen Claſſiker, ihr Genuß muß aber nicht, wie gewöhnlich bloß geſchieht, in unreifen, zerſtreuten Jugendjahren ſtattfinden, wo ſie nicht verſtanden werden, ſondern in Zeiten der Reife, für die alles Tüchtigſte be⸗ rechnet iſt. Man glaube ja nicht, daß uns unſere Claſ⸗
ſiker die Empfänglichkeit für die wohlberechtigten poetiſchen
Producte anderer Zeitperioden verſchließen könnten. Wer z. B. die lyriſchen Dichtungen von Goethe, Schiller, Uhland, Chamiſſo, Rückert und Anderen ſeinem Geiſte ganz zu eigen gemacht hat, wird deßhalb keine geringere Freude an den Reizen und Schönheiten empfinden, welche die Ge⸗ dichte von Lenau, Heine, Lingg oder Pfarrius zum Theil darbieten. Freilich wird ſein Blick geſchärft ſein für Ein⸗ ſeitigkeiten, Manieren oder gar Krankheiten und ſittliche Verkrüppelungen, welche ſich hier und da in letzterer We⸗ ſenheit bei dem begabteſten der modernen Lyriker, bei Heine, finden; daneben aber wird ein ſo geſchulter Leſer⸗ geſchmack immer fühlen, daß er es mit Poeten zu thun hat, die da wiſſen, was ſie wollen, und auf Reife, Kraft und Ewigkeit ihrer Leiſtungen hinarbeiten. Hierin läßt ſich eine geiſtig geübte Zunge nur höchſt ſelten täuſchen, und wenn es wirklich einmal durch Glätte der Form und Ge⸗ fälligkeit der Empfinduugen geſchieht, wie z. B. bei vielen Sachen Geibel's, ſo iſt der Irrthum doch kein unbedingter.
Dieſelbe Auleitung zur richtigen Beurtheilung des Neuern läßt ſich aus der claſſiſchen Literatur auch für jede audere Dichtungsgattung entnehmen, und beſonders iſt gerade die weibliche Natur ſtark darin bevorzugt, durch einen überaus feinen, richtigen Takt und Taſtſinn der empfindenden Seele zu erſetzen, was ihr etwa für den Augenblick an kritiſcher Beweiskraft nicht zu Gebote ſteht.
Und noch ein ergänzendes Mittel ſchließt ſich dem an. Wohl iſt im Grunde jener Ausſpruch wahr, daß Männer nur noch politiſche oder ſonſt realpraktiſche Lectüre treiben, aber die traurige, ſterile Verſtandeszeit iſt noch nicht da und wird gottlob nicht kommen, wo es nicht viele treffliche Ausuahmen von dieſer Regel gäbe. Ueberall finden ſich
welche den Gang und die beſſeren Erſcheinungen unſerer Literatur mit Liebe verfolgen.
Solche Perſonen ſollten in keinem größeren Familien⸗ cirkel, in keinem Salon fehlen. Iſt ihr Aeußeres auch zuweilen ein wenig ſchroff oder hinter der neueſten Mode zurück, ſo wirkt ihre Unterhaltung doch fördernder und in⸗ tereſſanter, als das Geſpräch jener galanten Wildfänge und ſinnigen Simpel, welche im Sommer ihre Converſa⸗ tion mit dem ſchönen Wetter und im Winter mit der Frage nach dem Ballbeſuch anfangen, einige Phraſen über Bade⸗ leben oder Theater daran knüpfen, das Lorgnon ins Auge preſſen und den Damen ſchließlich mit der Ueberraſchung eines Kurzſichtigen ſagen, wie unvergleichlich ſie heute wie⸗ der ausſehen. Morgen wiederholt ſich die rührende Scene
mit einigen Varianten und wirkt leider immer neu.
Es iſt natürlich nicht möglich und wünſchenswerth, dieſe ritterlichen auf Taille verſchworenen Geſtalten aus dem Salon zu verbannen. Sie ſind eine äußere Zierde als die ſchöngeformten, lebendigen Kleiderſtöcke des Mode⸗ journals und geben die brauchbarſten Arbeitsleute im Tanzſaal ab. Aber man ſollte ihnen immer ein paar ſol⸗ cher Köpfe zur Seite halten, die über dasjenige redeu kön⸗ nen, wozu jene zu dumm ſind. Dadurch würde das Gleich⸗ gewicht hergeſtellt und die ſo ſehr bildungsfähige Intelli⸗ genz und Wißbegierde der Frauen erweitert werden.
Endlich aber darf man der Damenwelt noch Eins em⸗ pfehlen: größtes Mißtrauen gegen neue Erſcheinungen in der Literatur. Unter je zwanzig Büchern befindet ſich immer nur ein gutes oder vorzügliches und ein zweites, welches erträglich iſt. Alle übrigen ſind Maculatur und nur zum Malheur der Literatur und zum Wohl der Papier⸗ müller und Buchdruckereibeſitzer gemacht. Mißtrauen hilft neben wohlgeſchultem Geſchmack, Takt und lehrreichem Umgang oft das Verfehlte vom Tüchtigen zu ſondern, und dieſem wird ſich dann das Wohlwollen uud die Hiugabe, welche für das Edle und Schöne in der weiblichen Seele liegt, mit um ſo berechtigterer Wärme zuwenden können. Im Gegentheil aber muß es für graziöſe Frauenhände ein niederdrückendes Gefühl ſein, den ſelbſtgeflochtenen Lorbeer⸗ kranz auf eine beſchränkte oder freche Stiru gedrückt zu haben. Die Ringelſtechen und Turniere des Geiſtes ſind freilich ſchwerer zu beurtheilen, aber auch viel wichtiger, als die der alten Kämpen und Stegreifritter.
Die Haiſon des Königl. Preußiſchen Bades
Oeynhausen(Rehme) in Westfalen
(kohlensaure Sooltherm-,
Sool-, Dunst-, Gas-Bäder)
währt vom 18. Mai bis 21. September.
Auskunft über Wohnungen und sonstige Angelegenheiten ertheilt
Die
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Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Hürr in Leipzig.— Verlag von Alphons Dürr in Leipzig.— Druck von Gieſeckt& Devrient in Leipzig.
Hõönigl. nade- Vermaltung.
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