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„Willkommen, mein theurer Sir, in Grand Gulf,“ ſagte Herr Jones, der mich ſo gaſtfreundlich eingeladen hatte;„es iſt nur eine kleine Stadt, aber—“
Puff! Der klare, ſcharfe Knall einer Büchſe unterbrach ven Herrn Jones in ſeiner Höflichkeit, und dann folgten die Schüſſe aus mehreren Gewehren und ein Lärm von Stimmen und daun eine Todtenſtille. Herr Jones ſah ſeine Freunde an; in jedem Auge war für einen Augenblick ein häßliches Verſtändniß, eine lauernde Beſorgniß ſicht⸗ bar; dann kehrte die gewöhnliche Ruhe in ihren Mienen zurück. Ich hörte einen in der Nähe Stehenden bemerken: „Ich vermuthe, in Grand Gulf iſt etwas nicht ganz in der Ordnung;“ und ſein Freund ſagte darauf etwas von „rowdies“.
Wir gingen ans Ufer. Ein paar hagere Emigranten mit blonden Haaren und ſonnverbrannten Geſichtern wa⸗ ren bereit, ſich mit dem Gepäck der Geſellſchaft zu beladen; aber dieſe Leute, ein paar nur halb bekleidete ſchwarze Kinder und ein gähnender Buchhalter ausgenommen, war das Quai verödet. Eben ſo wenig war irgend eine Be⸗ wegung oder ein Lebenszeichen zwiſchen den von Bauholz aufgeführten Magazinen und Wirthshäuſern, den großen Hotels, über denen das Sternenbanner wehte, und den höl⸗ zernen Häuſern, die von der Straße ab von einem Gar⸗ ten umgeben ſtanden, wahrzunehmen. Grand Gulf ſah wie ein in tiefe Trauer verſunkener Platz aus, und ich bedauerte halb und halb den Benjamin Franklin, als er von der Landebrücke abſtieß und ſeine Fahrt den Strom hinab fortſetzte.
Wieder Puff! Wieder ein Knall! und ein heiſeres Brüllen, unarticulirt und drohend, wie die Töne eines zornigen wilden Thieres, berührte unſere Ohren, und dann dauerte das Geknatter von Feuerwaffen ein oder zwei Mi⸗ nuten lang anhaltend fort.
„Was geht hier vor?“ fragte Herr Jones haſtig.
Der nächſte Packträger gab zur Antwort:„Es iſt eine ſchlechte Geſchichte, mein Herr; es iſt aber eine bloße Stra⸗ ßenangelegenheit. Es handelt ſich nicht um Politik.“
Wir ſahen jetzt eine Menſchenmenge, die wild hin und her lief und ſich vor einem hübſchen Hauſe verſammelt hatte, deſſen geſchmackvolle Verandah und glänzender Anſtrich ihm das Anſehn einer ungewöhnlichen Anmaßung in dieſer erbärmlichen Stadt gaben.
„Bei Jehoſaphat!“ rief einer der beiden jüngern Herren unſerer Geſellſchaft ganz aufgeregt, indem er auf die Scene hinwies,„der Auflauf iſt um unſrer Buben willen.“
„Bleibt kaltblütig! bleibt kaltblütig!“ antwortete Herr Jones, der ganz blaß, aber gefaßt war.„Schreitet voran, drängt Euch durch, aber lauft nicht.“
Und ſie gingen voran, fortwährend von mir begleitet, obgleich ich durchaus vicht wußte, was die Wuth des Vol⸗ kes und der Tumult zu bedeuten hatte. Wir erreichten die Menſchenmaſſe und bahnten uns mit unſern Elnbogen einen Weg durch ſie.
„Um des Himmmels willen, wer mag das ſein?“
fragte ein wild ausſehender Hinterwäldler, den wir ſtießen.
Uovellen-Zeitung.
„Ein neues Mitglied der Rotte, wie ich vermuthe,“
ſchrie ein Farmer in der Nähe. Ich war etwas zurückgeblieben, aber Einer von unſrer
VIII. Jahrg. Geſellſchaft ergriff mich beim Arm, zog mich vorwärts und wisperte mir ins Ohr:„Schnell ins Haus, Fremder, weun Sie nicht Luſt haben, die Lebensverſicherungsgeſell⸗ ſchaft zu betrügen.“
Wir waren nun in dem Garten, in welchem der Pöbel die ſchönen Blumen rückſichtslos zertrat. Ich konnte ſe⸗ hen, daß die Fenſter offen, aber mit Scheiten Holz und Hausgeräthen verbarricadirt waren und daß zwei oder drei Flintenröhre aus den Ritzen hervorlugten. Wir dräng⸗ ten uns dicht an die Hausthür, und Herr Jones klopfte, während er in demſelben Augenblick einen beſonders ſchar⸗ fen Ton hören ließ. Ich ſah mich nach den Emigranten mit unſerm Gepäck um, doch ſie waren nirgends zu erblicken. Nach Verlauf einer Minute— der längſten, die ich je erlebt habe— wurde die Hausthür vorſichtig, doch nur zu einem kleinen Theile geöffnet.„Schnell!“ murmelte eine Stimme in mein Ohr. Es erhob ſich ein Freudengeſchrei und ein Gedränge, und die Volksmenge wogte auf die Thür zu, wie die zürnende See; doch den Vorderſten wurde die Mündung zweier Revolver vors Geſicht gehalten, worauf ſie zurückwichen, allein wir waren im Innern des Hauſes, und die Thür wurde verſchloſſen und verriegelt.
Allem Anſchein nach war ich jetzt in einem belagerten Platze und Einer der belagerten Garniſon. Und doch
wußte ich nicht das Mindeſte von dem Zwecke und hatte
keinen Antheil daran gehabt. Von allen ſonderbaren Schauſpielen, die dieſer eigenthümliche Continent bisher dargeboten hatte, war dies das unerklärbarſte. In der Mitte des Getöſes und der fieberhaften Bewegung, während die Thüren verriegelt und mit Pfoſten noch beſſer ver⸗ wahrt wurden, fragte ich wiederholt, was es denn eigentlich gebe, aber vergebens.„Danken Sie es Ihrem Glücksſtern, Fremder, daß Sie noch eine ganze Haut haben!“ war die einzige Antwort, die ich herausbekommen konnte. Dann ging Jedermann die Treppe hinauf. In dem vordern Zimmer, das in franzöſiſchem Geſchmack recht hübſch ver⸗ ziert war, fanden wir fünf modiſch gekleidete Herren, die eben ſo beringt und weißhändig waren, wie die, welche mich eingeladen hatten. Es herrſchte aber in dieſem Zimmer eine ſchreckliche Verwirrung. Die koſtbarſten Möbel we⸗ ren vor den Fenſtern, mit Brennholz, Matratzen und Koffern vermiſcht, als Barricade auf einander gehäuft. Ein Arſenal von Waffen lag umher; Flinten, Piſtolen, Degen, Büchſen mit Kugeln, Pulverhörner, Flaſchen, Sät. tel, Peitſchen und Stiefeln, Alles bunt durch einauder. Einer von der Geſellſchaft verband ſich in ſehr ungeſchick⸗ ten Weiſe ſeinen Arm, von deſſen Hemdärmel dicke Bluts⸗ tropfen herabträufelten. Die beiden Herren, die uns ins Haus gelaſſen hatten, kamen mit uns herauf, ſo daß die Geſellſchaft, mich nicht mitgerechnet, aus eilf Perſonen beſtand.
„Phillips, welche verfluchte Dummheit hat alle das Unheil über uns herauf beſchworen?“ fragte Herr Jones ziemlich ärgerlich. 1
„Beruhige Dich, Jones,“ ſagte der Verwundete,„ich vermuthe, wir bedürfen keines Zankes unter uns. Die Vagabunden in Grand Gulf werden, ehe noch die Sonne untergegangen iſt, alle unſere Scalps haben.“
Jones zuckte mit den Schultern.
„Wie trug es ſich zu?“


