Jahrgang 
15-26 (1862)
Seite
242
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Leo Cucian von Koten.

Das Vögelein.

Heut' kam mir vor das Fenſter traut Ein munt'res Vögelein,

Das hat ſo lieb mich angeſchaut, Als möcht's zu mir herein.

Es guckte mir neugierig zu,

Wollt' wiſſen, was ich trieb.

Komm nur, mein trautes Vöglein du, Und ſchau', was juſt ich ſchrieb.

Komm, ſing nach deiner Melodie Mein jüngſtes Lied mir vor; Mir 6 das Singen nun vorbei, Mein Frohſinn ſich verlor!

Komm, Vöglein, nur und bleib' bei mir, Wir wollen Freunde ſein,

Ich ſchreib' die ſchlichten Lieder dir,

Du ſingſt ſie herzig rein.

Doch nein! es iſt ja nicht mehr kalt, Bleib' du jetzt draußen nur,

Es kömmt der ſchöne Frühling bald, Und ſchmückt dir Wald und Flur.

Hier drinnen aber bleibt es lang' Wohl öde noch und ſchwer,

Da kömmt vielleicht kein froher Sang, Kein Strahl des Frühlings mehr.

Drum ſing' dein Lied auf freiem Feld In deiner Brüder Chor,

Und heb' mit dir zum Himmelszelt Still ſelig mich empor!

Das Plätzchen.

Am Weg im Waldoe, einſam ſtille, Ein freundlich Raſenplätzchen liegt, Wo in der Erdenwonne Fülle

Die Liebe einſtens mich gewiegt.

Beglückt ſaß ich an ihrer Seite, Und ſah ſie wonneſelig an,

Mir lag in ihrem Blick die weite, Die ſchoͤne Zukunft aufgethan.

Wir hielten lange und in Freuden Uns feſt und innig bei der Hand, Als ſollte nie die Zukunft ſcheiben, Was dieſer Augenblick verband.

So fei'rlich war's in dieſer Stunde, Ein tiefes Schweigen um uns her, Kein Laut entfuhr aus unſerm Munde, Wir dachten aber um ſo mehr.

Wiederklänge aus dem Rhone⸗Thal. Gedichte von Leo Lucian von Roten.

Und was wir damals wünſchend dachten, Hat wohl die Zeit es nun erfüllt?

Der heißen Sehnſucht tiefes Schmachten, O ſag', mein Herz, ward es geſtillt?

Ich ging ſeither an dieſer Stelle

Noch oft vorbei, ich thu's ſo gern,

Und immer ſeh' ich freundlich helle

Der Theuern Bild, doch ſie iſt fern!

Napoleon an der Moskwa.

Noch röchelt dumpf der Jammer der Schlacht Am Ufer der Moskwa, und blutig

Schaut durch den Flor der dämmernden Nacht Der Mond auf Krieger ſo muthig.

Und ſieh', wer iſt's, der hoch da zu Roß Im Zwielicht die Wahlſtatt durchſchreitet? Napoleon! Heut folgt ihm kein Troß, Ein Treuer nur ſtumm ihn begleitet.

In ſeinen grauen Mantel gehüllt, Tief finſter den Hut im Geſichte, Betrachtet er nun grauenerfüllt Der Herrſchbegier blutige Früchte.

Und wo der Tod am wild'ſten gewürgt,

Auf gräßlich gethürmten Leichen,

Sieht blutend wie die Treue verbürgt, Er einen Soldaten erbleichen.

Daneben ſteht ſein klagender Hund, Leckt ſorgend die klaffende Wunde,

Leckt ängſtlich ihm den ſterbenden Mund, Und winſelt um Hülf' in die Runde.

Mitleidig ſteht der Kaiſer da ſtill;

Der Hund ſein Erbarmen verachtet, Sein ſtummer Blick laut ſagen ihm will: Dein Stolz hat mir dieſen geſchlachtet! Dann ſacht er auf die Wunde ſich legt, Den Blick nach dem Kaiſer gewendet, Auf winſelt er noch einmal, und regt Sich nimmer, er hatte verendet!

Napoleon blickt ſchweigend noch lang, Sein Auge wird naß ihm und trüber, Und manche Erinnrung ängſtigend bang Schwebt ihm an der Seele vorüber.

und graſſer wird das blutige Bild!

Nicht kann er den Schrecken mehr bannen, In ſeinem Innern ſtürmt es wild,

Er ſeufzt und reitet von dannen.

Augsburg, J. A Schloſſer'ſche Buch⸗ und Kunſthandlung. 1862.