.——— 194 Uovellen-Zeitung.[VIII. Jahrg. Ar. (O 0 d 6 ₰ᷣN— ’ 4 8 Albert Traeger Ohne Crueifix. Gott thront nicht einzig nur auf dem Altare, Er ſteigt herab und ſucht ſein weinend Kind, 4 Es ſpricht ſein Geiſt nicht nur aus dem Talare, Ein offnes Grab— wen wird hinein man legen? Tröſtend umweht er Dich in jedem Wind! Der Todtengräber pfeift ein Lied ſich wirſch——. Und harrt dan Gaſt voll Ungeduld entgegen, Das Kreuz, o Weib, dran ſchwer Dein Mann getragen, Sein Kommen kündet ſchon des Sands Geknirſch; Er nahm es mit vor ſeines Richters Thron, Hin durch der Hügel langgereihte Zeile Und gütig wird ſein Vater zu ihm ſagen:' Naht haſtig ſich der kleine Leichenzug— Du treuer Knecht empfange Deinen Lohn! Wie? hat ein Todter denn ſolch' große Eile, Hat auch kein Prieſter ſeine Hand gefaltet, RN Kommt er an dieſes Ziel nicht früh genug? Habt doch voll Andacht Ihr das Knie gebeugt, ih ver Hat keine Rede ſein Verdienſt entfaltet, Fabel Jetzt ſind ſie da— von ihren Schultern heben Hat Eure Thräne doch für ihn gezeugt! Rahe Die Männer raſch das enge Breterhaus,—. it Ze Nackt, wie der Schreiner es gezimmert eben, Er ſchaute ſie, er iſt in unſrer Mitten, ſedaue Mit keinem Tuch geſchmückt, mit keinem Strauß; Blieb gleich ſein Bild von dieſem Sarge fern, Dieſen Ein ſchwankend Weib mit hungerhohlen Wangen, Hat er doch einſam einſt für uns gelitten, deſell So arm, daß ihm die Thräne ſelbſt gebricht, Und darum weilt er bei Verlaſſ'nen gern; deſe Zwei Kinder, die am Rock ihr ſchluchzend hangen, Als des Erlöſers Herz am Kreuz gebrochen, ſoch, Sind ſein Geleit— ein andres folgt ihm nicht. Hat kein Gefolge trauernd ſich vereint, ler W Kein Prieſter hat den Segen ihm geſprochen— Sieg Selbſt ihn vermiſſ' ich, der für jeden Armen Nur eine Mutter hat um ihn geweint. ſ Ein Wort des Troſtes und der Gnade hat, ja 6 Der mit der Liebe göttlichem Erbarmen Nebe Auch Schächern folgt zur letzten Ruheſtatt: das Erlöſung kündigend hat nicht gelegen, A- Gekreuzigter, Dein Bild auf dieſem Sarg, Auf der Höhe. wc Kein Diener Deines Wortes ſprach den Segen, a Als man die Leiche in die Erde barg. NM Es ſteigt ein duftig friſches Dämmern ba⸗ Der rohen Träger tölpelhafte Scherze, Wie Nebel aus der Thäler Schacht, M Des Todtengräbers ſummend Schelmenlied, Der Hirt ziebt aus mit ſeinen Lämmern, ar Die ſtimmten luſtig zu dem wilden Schmerze, Fern in der Schmiede hör' ich hämmern, c Der von dem Manne, von dem Vater ſchied; Die Lerche ſingt, der Tag erwacht. fro Die Grube zu, die Erde feſtgetreten; cei Schnell mit der Schaufel einen Hügel drauf— Es läuten unſichtbare Glocken ha „Ihr habt noch Zeit zum Heulen und zum Beten, Das Feſt des jungen Morgens ein, wi Marſch, aus dem Weg, und haltet uns nicht auf!“ Den Schlaf ſchüttl' ich aus meinen Locken, 3 Die letzten Träume flieh'n erſchrocken, fa Und als dem Handwerk ſo genügt ſie haben, Ans Fenſter klopft der erſte Schein. un Das Auge trocken, lachend ſelbſt der Mund, e Fort eilen ſie;— ward hier ein Menſch begraben? Zum höchſten Gipfel will ich klimmen, a Verſcharrten ſie hier einen tollen Hund? Wie leicht der Fuß, wie friſch der Muth! Du wimmernd Weib, das Höllenpein erduldet, Schon regen ſich des Waldes Stimmen, n Wars ein Verbrecher, den ihr da beklagt? Die bleichen Sterne matt verglimmen, I Hat dieſer Mann ſo Gräßliches verſchuldet, Den Himmel röthet ſanfte Gluth. 1 h Daß mitleidslos ſelbſt Gott ſich ihm verſagt? A Hier iſt der Morgen aufgegangen, a „O Herr, nie mocht' es einen Beſſern geben, Das Thal ſchläft noch von Nacht bedeckt, Von früh bis ſpät hat er für uns geſchafft, Drum hemme ſtill ich mein Verlangen, Ein einz'ger Arbeitstag nur war ſein Leben, Im Geiſt Dich liebend zu umfangen, Zu ſchwer die Laſt für eines Menſchen Kraft. Daß mein Gedenken Dich nicht weckt. Ihr kennt ſie nicht, der Armuth bittre Qualen,— Zermalmt hat ihn die Bürde des Geſchicks, Da ſchau' ich ſtolz die Wolken theilen Wir konnten kein Gebet für ihn bezahlen, Des Tages ſtrahlendes Geſtirn, Uns fehlte ſelbſt das Geld zum Crucifix!“ Nun mag mein Gruß nicht länger weilen, Hinunter ſoll zu Dir er eilen, Wie? hört' ich recht? Laßt Euer Jammern enden Den Schlaf Dir küſſen von der Stirn. Und wiſcht die Thräne aus dem Auge fort, Ich will umſonſt ihm meinen Segen ſpenden,—— Der Dichter auch verkündigt Gottes Wort: Gedichte von Albert Traeger. Zweite, durchgeſehene und vermehrte Auflage. Leipzig, Verlag von Ernſt Keil. 1862.
Jahrgang
01-14 (1862)
Seite
194
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