Uovellen-Zeituug.[VIII. Jahrg.
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Du ſagſt mir, einſam wandelſt Du durch's Leben, Indeß der Jugend goldner Traum enteilt,
Dir fehlt ein Freund, der Deines Herzens Streben, Der Deiner Seele Kämpfe mit Dir theilt.
Es muß daher ſchon für jeden Freund der Poeſie er⸗ freulich ſein, dann und wann einen Autor zu finden, der ſich weder zum Dichten durch literariſche Eitelkeit gezwun⸗
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gen, noch mit Aengſtlichkeit nach dem herrſchenden Ge⸗ ſchmack gerichtet hat.
Eine ſolche durch die ſelbſtſtändige edlere Tendenz und durch eine warme, gemüthvolle Anlage hervorſtechende Er⸗ ſcheinung iſt Heinrich Zeiſe. Ohne die jetzt übliche Gier, um jeden Preis an die Oeffentlichkeit zu treten mit einer lyri⸗ ſchen Sammlung, hat er, ſchon lange als gereifter Kritiker von gründlicher Bildung, Unparteilichkeit und Wohlwollen für das Tüchtige bekannt, ſeine Gedichte ſich auf ehren⸗ vollſte Weiſe reifen und harmoniſiren laſſen, ehe er mit einer Edition derſelben hervorgetreten iſt. Seine Geiſtes⸗ producte ſo weit auszubilden, wie es die individuellen Mittel geſtatten und die eigene Erkenntniß möglich macht, dieſes redliche Streben iſt das Aeußerſte, was man von irgend einem Talent verlangen kann. Es iſt aber auch die Pflicht der größten, dies zu leiſten.
Die trefflich ausgeſtattete und mit einigen ſehr hübſchen Bildern von Koch geſchmückte Sammlung iſt ſtark und mannigfaltig. Der Verfaſſer hat den Bau der Sprache mit Liebe ſtudirt und nach Tüchtigkeit der Form hingear⸗ beitet. Seine Naturanſchauung iſt voll Unbefangenheit und offenen Blicks für alles Schöne und Anſprechende, was ſich in der reichen Welt darbietet.
Um eine gelungene Architektonik der rhythmiſchen Stro⸗ phenführung als Probe zu genießen, leſen Sie die„Rhein⸗
ahrt“:
fah Wir fuhren hinunter beim Rauſchen der Wellen Den rebenumgürteten prächtigen Rhein, Und ſchlürften aus grünen Pokalen den hellen, Den gluthenerweckenden, feurigen Wein.
Es ſchauten, vom Strahle der Sonne beſchienen, Die Trauben gereift in der ſengenden Gluth, Die Burgen und epheuumrankten Ruinen
Hinab auf die kühle, wildrollende Fluth.
Die Thäler, die Hügel und Höhen dampften,
Die Woge des Rheines brodelt und ziſcht,
Die mächtigen Räder des Schiffes zerſtampften Die Wellen und ſchleuderten perlenden Giſcht.
Du Land des Weins und du Land des Geſanges, Der deutſchen Sagen reichſtes Gebiet,
Wo aus den Kehlen mächtigen Klanges
Die Hymne der Freiheit gen Himmel zieht!
Im Lied ſei'n geprieſen die ſchwellenden Reben, Die Felſen und burgenbekleideten Höh'n!
Wie üppig entfaltet ſich ringsum das Leben, Wie biſt du, o Vaterland, herrlich und ſchön!
Die friſch und heiter ausgeſprochene Freude au den deutſchen Gauen und ihrem heimathlichen Charakter macht einen wohlthuenden Eindruck auf den Leſer, welchen der volle Schwung der Sprache erhöht.
In der idylliſchen, harmloſen Schilderung der Natur
und menſchlichen Stimmung und im betrachtenden Ele⸗ ment möchten ſich wohl die gelungenſten Lieder von Zeiſe
Ein Mann kann nimmermehr vereinſamt ſtehen, Der ſich der Kunſt und Wiſſenſchaft geweiht, Und den die Poeſie mit Geiſterwehen,
Die himmliſche, trägt über Raum und Zeit.
Der iſt nicht einſam auf umbuſchter Halde,
Der iſt auf weitem Meere nicht allein,
Auf ödem Felſenkliff, im tiefſten Walde
Singt ihm der Vogel, glänzt ihm Erz und Stein.
Einſt ging Linné, der die Natur umfaßte, Mit ſeinen Schülern über Feld und Flur, Sie ſetzten ſich auf einen Wall zu Raſte
Und lauſchten ihres Lehrers Worten nur.
Und Einer hub drauf alſo an zu ſprechen: „Dir kann auf Erden nichts verborgen ſein, Die Fiſche tief im Meer und in den Bächen Kennſt Du und jeden Halm in Wald und Hain.
Du kennſt der Vögel Sang und ihre Weiſen, Den Wurm und Käfer, der im Staube liegt, Die flüchtige Libelle, die im leiſen
Und ſchnellen Fluge Dir vorüberfliegt.“
Da ſprach Linné:„Groß iſt der Weſen Kette, Dies Häufchen Sand hält meine Hand bedeckt, Forſcht Ihr mit Fleiß, ſo wird auf dieſer Stätte Ein neues Weſen ſicher noch entdeckt.“
Und wie der Lehrer ſprach, ſo iſt's geſchehen, Dem Wiſſensdurſt der Schüler ward genügt, Und in die Zahl bekannter Scarabäen
Ward wiederum ein neues Glied gefügt.
Du kannſt nicht einſam ſein, ſo lang die Quelle In fernſter Wüſte noch den Strudel ſchlägt, So lang im Urwaldsdickicht eine Welle
Der Palme Blatt auf ihrem Spiegel trägt,
So lang noch auf des Nordens Eisgefilde
Und an der fernſten Grenze dieſer Welt
Der Gletſcher Dir im Sonnenglanz die Schilde, Die demantſtrahlenden, entgegenhält.
Ach, einſam nur iſt in dem Weltgewühle, Dem nichts beflügelt den gewohnten Schritt, Und der, ein Sclave in der Alltagsmühle, Im gleichen Takt die ſchweren Räder tritt.
Eine ſolche Anſchauungsweiſe zeigt den Philoſophen im Dichter und den Dichter im Philoſophen. Immer iſt beim Verfaſſer vas Element der ſinnigen Reflexion, ver⸗ bunden mit einer feinen Zartfühligkeit und lauteren Welt⸗
theilnahme rege, wie ſich das aufs Angenehmſte in dem
trefflichen Gedicht„Pompeji“ zeigt.
Die Sammlung iſt eine ſehr ſtarke, wie das nicht an— ders ſein kann, wenn das lyriſche Wirken einer langen Reihe von Jahren zuſammengereiht wird.
Es iſt dem Verfaſſer zu wünſchen, daß ſein anſpruchs⸗ loſes Talent von Seite des Publicums eine verdiente Be herzigung finde und daß man einſehe, weßhalb er nicht zu die Literatur herabbringenden Dutzend
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befinden. hören wollen,„Du biſt nicht einſam“ überſchrieben:
Hierher gehört nun das Gedicht, das wir noch den modernen, poeten gehört.
Redigirt unter Berantwortlichkeit von Alphons Hürr in Leipzig.— Verlag von Alphons Dürr in Leipzig.— Druck von Gieſecke& Hevrient in Leipzig⸗
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