Jahrgang 
01-14 (1862)
Seite
144
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Nun wurde er völlig wach.Ich bin irre gegangen, ſagte er,in der eigenen Heimath. Du mußt mir auf den Weg helfen, Du wie heißt Du denn?

Regine, ſagte ſie.

Regine, und ich heiße Gabriel.

Sie ſah ihn groß an.

Nein, nicht der Engel Gabriel!

Lache nur nicht, ſagte ſie,den kenne ich beſſer als Dich!.

Der Tauſend! So biſt Du wohl des Schulmeiſters

Enkelkind!

Sie ſagte:Mein Vater war Schulmeiſter, er iſt im

vorigen Frühjahr geſtorben.

Beide ſchwiegen einen Augenblick, dann ſtand Gabriel auf und bedeutete ihr, wie er noch bis zum nächſten Mor⸗ gen jenſeit der Fähre in der Stadt ſein müſſe. Sie zeigte

mit der Hand nach dem Walde.Dort wohnrt mein Groß⸗ vater, ſagte ſie.Du kannſt erſt Veſper mit uns eſſen, nachher weiſe ich Dir den Weg. Als Gabriel das zu⸗ frieden war, trat ſie von dem ſchmalen Fußpfade hinüber und ſchlug die Richtung nach dem Walde ein. Die Blicke des jungen Mannes folgten unwillkürlich ihren Füßen, wie ſie behend und ſicher über die harten Stauden dahin⸗ ſchritten, während bei jedem Tritt die Grillen vor ihr aufflogen. So gingen ſie mitten durch den Sonnenſchein, der wie ein Goldnetz über den Spitzen der Kräuter hing; mitunter rieſelte ein warmer Hauch über die Steppe und erregte den Duft der Blüthen um ſie her. Schon hörten ſie dann und wann im Walde das Rufen der Buchfinken und in den Wipfeln der hohen Buchen das ſcheue Flattern der Waldtauben. Gabriel aber, des Reiſezieles geden⸗ kend, hub an zu ſingen:

Es liegen Wald und Haide Im ſtillen Sonnenſchein. Wir hätten gerne Frieden, Doch iſt es nicht beſchieden, Geſtritten ſoll es ſein.

Nun gilt es zu marſchiren In feſtem Schritt und Tritt. Der Krieg iſt losgelaſſen, Er ſchreitet durch die Gaſſen, Er nimmt uns Alle mit!

So leb' denn wohl, lieb' Mutter! Die Trommel ruft ins Glied, Mir aber im Herzensgrunde Erklingt zu dieſer Stunde

Ein deutſches Wiegenlied.

Es iſt genuge bis hierher. Wir laſſen die Beiden ihren holden Jugendweg weiter verfolgen, uen den unſern zu be⸗ treten, der kürzer iſt.

Wohl iſt es das Einfachſte, zum Leſer über die Reize eines novelliſtiſchen Talentes zu ſprechen und dieſelben kritiſch zu bezeichnen. Jedoch werden Sie mir beiſtimmen, daß es ein gewiſſes Etwas gibt, welches ſich nicht ſowohl aller Charakteriſtik entzieht, als es durch dieſelbe beim Publicum nicht verſtanden wird. Ich meine jenen poeti⸗

Redigirt unter Berantwortlichkeit von Alphons Pürr in Leipzig. Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. Druck von Gieſecke* Devrient in Leipzig⸗

Uovellen-Zeitung.

ſchen Hauch, jene graziöſe Detailmalerei, die ſich nur em⸗ pfinden läßt, wenn man ſie vor Augen ſieht. Einem ſchö⸗ nen Bilde eines ſachkundigen, fleißigen Malers aus der alten Schule gleich findet man in den Storm'ſchen Novel⸗ len jede Einzelheit nach wirklichen Naturſtudien und unicht nach jenen Illuſionen geſchildert, welche ſich die meiſten Dichter hinter dem grünen Tiſche bilden. Es iſt nicht das, was man mit dem AusdruckeErlebtes abzuthun pflegt, denn was hilft das Erlebte, wenn es die Feder nicht wiederzugeben vermag? es iſt dasjenige wahrheitsgetreue Geſammtbild, welches mit Hülfe der Skizzenmappe, die auch ein Dichter haben ſoll, ſorgfältig ausgearbeitet worden iſt.

Ich habe hier mit Abſicht einen Moment angeführt, wo der Poet das Einſchlafen und Träumen und das Ein⸗ greifen der Wirklichkeit in den Traum darſtellt. Hier iſt jede Wendung, jeder Uebergang meiſterhaft und gründ⸗ lich durchdacht. Zugleich geht die Scene unter einer Na⸗ turſchilderung vor, welche ein Bild größter Harmonie und Natürlichkeit darbietet. Unſere neueren Schriftſteller könn⸗ ten ſich ein Beiſpiel daran nehmen, vor Allem aber müßten ſie ſich etwas Anderes nehmen, was freilich als Grundlage zum vollendeten Arbeiten gehört. Das iſt Zeit und Ge⸗ duld. Mit dieſen beiden Gütern wird heutigen Tages ein wahrer Hohn getrieben, denn man hält ſie nicht mehr für nothwendig, um etwas Gutes hervorzubringen. Es muß Allesdurch Inſpiration ohne Studien und ohne Fleiß ſtoßweiſe fertig werden.

Zugleich wollte ich gern auf den Vorzug hiuweiſen, den bei Storm eine einfache, treuherzige Sprache und eine kurze, ungekünſtelte Satzbildung bieten. Dem Leſer geht keine Kraftanſtrengung durch Glättung von Unebenheiten und Enträthſelung dunkeler Stellen verloren; er kann all ſeine Seelenkräfte dem ungetrübten Genuß des Dargebo⸗ tenen zuwenden. Daß dies bei Storm, beſonders in ſeinen unendlich anmuthigen weiblichen Geſtalten, ſo voll Naivetät iſt, läßt ſich nicht als Vorbild empfehlen, wie nichts, was auf angeborenen beſondern Fähigkeiten be⸗ ruht. Doch einen gewiſſen Grad von Naivetät vertritt und erſetzt es ſchon, wenn ein Autor nur mit Unbefangen⸗ heit und Gewiſſenhaftigkeit auf die Ausführung ſeiner Ideen losgeht.

Halten Sie die gegebene Probe in hundert Novellen unſerer Gegenwart vergleichsweiſe hinein, und Sie werden einen Abſtand finden, der für den gerechten Wunſch nach der Solidität unſerer Zeitproducte etwas Niederſchlagen⸗ des hat.

In beiden Bändchen ſtehen höchſt angenehme Geſchich⸗ ten, ſämmtlich klein, unendlich einfach; auch ſchreibt der Verfaſſer wenig. Das Alles aber finde ich trefflich, denn er würde ſich und ſeine Sachen ihrem eigenartigen Weſen entreißen, wenn er ſich einem größern Umfang und dem zuwenden wollte, was dem modernen Fluch der Vielſchrei⸗ berei nahe kommt. Auch würde durch zahlreiche Produc⸗ tion bei der Beſchränktheit ſeiner Palette in ſeinen Ge⸗ mälden bald Manierirtheit durch ſtereotype Normen und Wendungen entſtehen, und zwar bedeutend früher, als ſie bei Adalbert Stifter eingetreten iſt.

[VIII. Jahrg.

Un⸗