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nur den Geiſt, bringen ihn in Harmonie mit der Auffaſ⸗ V
menten(von 22,000 Verſen!) vorhanden iſt, enthält gro⸗ ßentheils auch gnomiſch dazwiſchen geſtreute Sentenzen, das heißt Runen.
Viele der nordiſchen Runen ſind nun natürlich als un— gelenke Frühproducte von ſpäteren Poeſien, die denſelben Gedanken in conciſerer Form ausgedrückt haben, überboten worden. Audere bieten eine zerfloſſene Geſtalt von einem mehr lyriſchen Gefühlsinhalt dar.
Manche unter den didaktiſchen ſind aber erſten Ran⸗ V ges, deun ſie haben weder in der neuen Kunſtpoeſie aller Völker, noch in der antiken claſſiſchen Literatur einen Ri⸗ valen, durch den ſie in den Schatten geſtellt werden.
Der weniger gebildete Theil des großen Publicums wird allerdings immer gegen kurze Sprüche, ſeien ſie in Proſa oder gebundener Rede ausgedrückt, ungerecht und indifferent ſein. Er verlangt längere ſtoffliche Ergüſſe, um ſein ſinnliches Literaturvergnügen daran zu befriedigen; er will geſpaunt, erregt und lieber nervös geſchunden, als erhoben und beruhigt werden.
Einen ſolchen Eindruck können die Producte reifer Er⸗ kenntniß und ernſten Denkens nicht bieien; ſie ſättigen
ſung der Außenwelt und ſetzen an die Stelle des roman⸗ tiſchen Erſtaunens die äſthetiſche Bewunderung. V
Vollkommen kann natürlich nur Derjenige große und V ſcharfe Gedanken würdigen, der ſelbſt im Stande iſt, ſolche V zu ſchaffen. Indeſſen wird allen intelligenten Leſern die ungeheure Kraft des reinen Dichtergeiſtes aufgehn, wenn ſie die hier folgenden Runen ins Auge faſſen, eine beſon⸗ ders ſtrenge Auswahl aus der ganzen Sammlung, die ein Menſch von Geſchmack nicht ohne entzückenden Genuß zu leſen vermag:
Fällt der Narr vom Maſt des Schiffes In den Sund, mit einer Otter
In der Hand taucht aus dem Sund er. Fällt der Weiſe aus dem Kähnlein
In den Bach, trotz hingereichtem Ruder muß er doch ertrinken.
Nur der Hoffahrt Eier ſind es,
Die da legt des Ruhmes Ente.
Unter eigner Haut da fließet
Blut, doch unter fremder Waſſer.
Auch der Pfahl hofft bei des Frühlings Rückkehr, daß er grünen werde.
In dem Froſt lernſt du das Zittern Selber und im Gram das Klagen.
Nicht bemerkt wird deſſen Hinken, Welcher binkt an goldner Krücke. Willſt du meinen Sprößling ſehen, Meinen Sohn, den jungen Wallfiſch? Alſo rief die Robbenmutter,
Deren Sohn um eine Spanne Größer war als andre Robben.
Größer nicht als eine Warze Dünkt dem Volk des Königs Buckel.
Redigirt unter Verantwortlichkeit von Ilphons Hürr in Leipzig.— Verlag
(VIII. Jahrg.
Tritt der Herr die gift'ge Natter, Wird des Knechtes Fuß geſtochen. Wen'ge ſchmieden ſelbſt ihr Glück ſich, Seines Unglücks Schmied iſt Jeder. Wer mit goldnen Waffen ſtreitet, Soͤlcher iſt gewiß des Sieges.
Nicht des Klugen Wort iſt herrſchend, Nicht des Weiſen Wort iſt mächtig, Fängt ein Großer an zu reden. Immer gilt des Herrſchers Stimme: Wort des Herrn iſt Herr der Worte, Witz des Fürſten Fürſt der Witze.
Speit der König auf die Tanne, Königstanne nennt ſie gleich ſich. Solcher Gaul wird nicht gefunden, Welcher trägt des Geiz'gen Wünſche; Solchen Zugſtier gibt es nirgend, Welcher zieht des Reichen Sorgen.
Angeritten kommt die Krankheit, Aber ab geht ſie zu Fuße.
Eine kinderloſe Ehe Gleicht dem ſonnenloſen Tage.
Borgſt du Spreu dir von dem Reichen, Korn mußt du ihm wiedergeben.
Als die Wespe ſah der Biene Honigbau, da rief ſie mahnend: Nunmehr mußt du Sorge tragen, Etwas Nützliches zu ſchaffen.
Reibt der Schwache ſich am Starken, Nicht der Starke wird zerrieben, Doch geſchunden wird der Schwache. Freude naht wie eine Schnecke, Wie ein Habicht naht das Unglück.
——* Als am Waſſerfall der König Stand und ſeine Waſſer rauſchten: Ei, was machet ihr um meinet Willen, rief er, ſo viel Lärmen?
Eine ſo große Zahl von dieſen einzelnen Runenſprüchen muß man kennen lernen, um in den Geiſt dieſes epigram⸗ matiſchen Denkens einzudringen. Nachher wird man aber geſtehen müſſen, daß Goethe, Leſſing, Käſtner und all unſere beſten Dichter dieſes Genres ſich gefreut haben würden, ſo treffende Gedankenblitze zu fiuden. Sie geben die Erfah⸗ rungen des täglichen Lebens in köſtlichen Bildern, directen Worten oder mit feiner, witziger Ironie und Satire wieder. Oft werden durch dieſe genialen Sprüche nicht nur einzelne Fälle, ſondern ganze Gattungen von menſchlichen Schwä⸗ chen bloßgeſtellt und lächerlich gemacht..
Die lyriſchen Runen der Liebe haben einen freundlich einſchmeichelnden, träumeriſchen Ton und ſchildern die Empfindungen des Herzens. Aber nur Verliebte, die be⸗ kanntlich niemals ein unbefangenes Urtheil haben, können dieſelben mit jenen Runen aus dem praktiſchen Leben an Werth und Ideengehalt, an Humor und ſchlagender Be⸗ redſamkeit vergleichen.
von Alphons Hürr in Leipzig.— Druck von Gieſecke& Devrient in Leipzig⸗
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Uovellen-Zeitung.


