Jahrgang 
01-14 (1862)
Seite
99
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Zeit.

ein, ſebe,

Der Jerſey⸗Lorbeer.

Eine Erzählung aus dem amerikaniſchen Sclavenleben von Georg Pertz. (Fortſetzung.)

Herr Devereux, der Vater unſeres Helden, war der einzige Sohn ſeiner Eltern und wurde ſeit frühſter Kind heit unt nachſichtiger Zärtlichkeit behandelt. Sein Vater war früh geſtorben, und er machte den Stolz und das Ent⸗

zücken ſeiner verwitweten Mutter aus. Seine Fähigkeiten.

waren trefflich, ſein Herz weich und ſein Gemüth liebevoll. Aber Leichtſinn hatte ihn ſorglos gegen die Intereſſen An⸗ derer gemacht; ſeinem Geiſte fehlte Durchbildung, und ſein Wohlwollen artete in gedankenloſe Gutmüthigkeit aus. Schon als Knabe war er ſein eigener und Anderer Herr geweſen; aber er hatte die Sclaven, mit denen er als Kind geſpielt, liebgewonnen, und ihre blinde Ergebenheit gegen ihn hatte dieſe Neigung natürlich noch beſtärkt; als er her⸗ anwuchs, konute man ihn einen nachſichtigen Herrn nennen, und ſeine Sclayen befanden ſich beſſer als die irgend einer andern Pflauzung. Frau Devereux überließ ihrem Sohne gern die Leitung aller Angelegenheiten, und obwohl ihre Anſichten über Bewirthſchaftung einer Pflanzung ſehr ver⸗ ſchieden von den ſeinigen waren, ſo ordnete ſie doch ihr Ur⸗ theil ſeinen Gefühlen und Wünſchen unter. Der junge Devereux war neunzehn Jahre alt, als er einſt, durch die Straßen von Charlestewn ſchlendernd, vom Ungefähr an einen Ort geführt wurde, wo das Vermögen eines inſol⸗ venten Schuldners öffentlich verſteigert wurde; mit dem Gebäude und deſſen Möbeln zuſammen ſtanden mehrere Neger zum Verkauf aus. Eine derartige Scene war dem jungen Manne nichts Neues, und er ſah mit derſelben Gleichgültigkeit, wie er es bei einer Verſteigerung von Pieh gethan, dem Schauſpiele zu, wie Männer, Frauen und Kinder dem Meiſtbietenden zugeſchlagen wurden; ſo groß iſt die Macht der Gewohnheit auf den menſchlichen Geiſt! Seine Theilnahmee wurde erſt rege, als ein kleines Mäd⸗ chen, das allein für ſich zum Verkauf kam, aufſtand, um ſich den Kaufluſtigen zu zeigen. Sie war augenſcheinlich fünf bis ſechs Jahre alt und auffallend ſchön; ihre Farbe war der zarteſte Schatten von Mulattengelb; ihre Züge waren regelmäßig; ihre Augen glänzend und ſchwarz wie Kohle, und der Ausdruck ihres Geſichtes offen und geweckt. Während ſie im Kreiſe umherſchaute, lächelte ſie, von der

Neuheit der Scene beluſtigt, in unbewußter Unſchuld. wäre jede

8 Dritte Folge.

Novellen-

Zeitung.

Devereux nahm Gefallen au ihrer Erſcheinung und der Anmuth ihrer Stellung; man hatte ſie auf eine hohe Tonne gehoben, um ſie bequemer ſichtbar zu machen, und vort ſchien ſie wie zu ihrer eignen und der Zuſchauer Be⸗ luſtigung hingeſtellt. Er näherte ſich ihr und redete ſie an; ſie erwiderte mit fertiger Lebhaftigkeit und drolliger Laune; er fragte ſie, ob es ihr gefallen würde, wenn er ihr Herr würde.

O ja, erwiderte ſie luſtig,und ich will ſehr gut gegen Sie ſein und auch für Sie arbeiten, ſetzte ſie nach einer minutenlangen Pauſe hinzu. Devereux gab ſeiner wohlwollenden Regung nach; er kaufte ſie, und als die laute Stimme des Auctionators ſie für ſein Eigenthum er⸗ klärte, ſtreckte er ihr ſeine Hände eutgegen, um ihr beim Herabſteigen behülflich zu ſein. Kaum die dargebotenen berührend, hüpfte ſie behende auf den Boden, und das mit ſolcher Anmuth, daß ein Lächeln des Beifalls die Zu⸗ ſchauermenge durchflog. Devereux nahm ſie mit ſich nach Hauſe. Während der Fahrt ergötzte er ſich höchlichſt an dem kunſtloſen Berichte, den ſie über ſich abgab. Ihr Name, erzählte ſie, ſei Cora; ihre Mutter ſei todt; wer ihr Vater ſei, wiſſe ſie nicht; ihr alter Herr wäre gut gegen ſie geweſen, doch ſei er fortgezogen und habe ſie zurückgelaſſen. Sie verſicherte ihn aufs Neue, daß ſie ſehr gut gegen ihn ſein würde und lernen wolle, für ihn zu arbeiten. Er ſtellte ſeinen kleinen Pflegling ſeiner Mutter vor; Frau Devereux nahm ihn freundlich auf, bewunderte ſeine Schön⸗ heit, ſein lebhaftes Weſen und ſein geiſtvolles Geſicht, und übernahm es gern, ihn zu den kleinen Dienſtleiſtungen der Haushaltung heranzubilden. Cora wurde der allgemeine Liebling; als Kind umſpielte ſie ihre Herrin, that Boten⸗ dienſte, fächelte mit Pfauenfedern Fliegen fort und verrich⸗ tete jene zahlreichen nichtigen Dienſte, an welche Trägheit die Bewohner der ſüdlichen Landſtriche gewöhnt hat. Sie beſorgte Alles mit Freundlichkeit, Ruhe und Munterkeit. Ihre Lebhaftigkeit erhielt Ermunterung, deun ſie ergötzte ihre Herrin, und Cora's Gemüth war ſo ſanft, daß Nach⸗ ſicht keinen ſchlimmen Einfluß auf ſie ausübte. Als ſie heranwuchs, wurden ihr keine mühſamen Arbeiten auferlegt; ſie wurde im Sticken und andern Künſten, die Geſchmack und Geſchick erforderten, unterwieſen und ſie zeichnete ſich darin aus; ſie liebte die Muſik leidenſchaftlich und wieder⸗ holte mit lieblicher Stimme jede Melodie, die ihr Ohr traf, wie der Spottvogel Amerika's jeden Klaug, den er vernimmt. Sie tanzte den wilden Tauz Afrika's mit Geiſt und Anmuth, und Fran Devereux ließ ihre Tochter oft eine lebhafte Weiſe auf dem Klavier ſpielen, um die luf⸗ tige Geſtalt Cora's vor ihren Augen hüpfen zu ſehen, als Bewegung durch den Geiſt der Muſik ſelbſt be⸗