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William Shakeſpeare's Sonette in deutſcher Nachbildung von Friedrich Bodenſtedt. Berlin, 1862. Königl. Geh. Ober⸗Hofbuchdruckerei(R. Decker).
Sonette.
Nennt meine Lieb' nicht Götzendienſt, vergleicht
Nicht den Geliebten einem Prunkidole,
Weil all mein Preis und Sang zu ihm ſich neigt,
Ich ſtets das Lob des Einz'gen wiederhole.
Gut iſt er heut und morgen wieder gut,
Ein Wunder von unwandelbarer Treue,
Drum hochbeſeligt ſing' ich hochgemuth
Beſtändig den Beſtändigen auf's Neue.
Schön, gut und wahr, iſt meine einz'ge Weiſe.
Schön, gut und wahr, in lieblicher Verbindung,—
In dieſes Dreiklangs ein'gem Zauberkreiſe
Erſchöpft ſich alle Weisheit und Erfindung. Schön, gut und wahr,— man ſieht's wohl oft allein; In Dir zuerſt gewahrt man's im Verein.
Wenn ich in Chroniken der alten Zeit
Geleſen von dem ſtolzen Ritterthume,
Manch ſchmucken Herrn, manch adelige Maid Verherrlicht fand als wahrer Schönheit Blume, Erſchien mir's in den reizevollen Bildern
Von Händen, Füßen, Lippen, Augen, Brau'n, Als wollten jene Dichter Schönheit ſchildern, Wie wir verklärt in Dir ſie heute ſchaun.
So war ihr Dichten nur ein Prophezein
Von unſrer Zeit, vorbildend ahnungsreich; Sie ſchauten durch der Zukunft Dämmerſchein, Drum kommt ihr Lob nicht Deiner Schönheit gleich. Wir ſelbſt erweiſen würd'ge Huftdigungen Nur mit den Augen Dir, nicht mit den Zungen.
Die Tafeln trag' ich, die Du mir gegeben,
Im Geiſte Dir zu dauerndem Gedächtniß,
Sie ſollen dies Geſchlecht weit überleben
Als inhaltvolles, ewiges Vermächtniß.
So lange irgend nur Natur und Glück,
Gemüth und Hirn zum Leben mir verbinden,
Und Beides nicht ſein Theil an Dir zurück
Dem Staube gibt, kann nie Dein Bild verſchwinden.
Mich Deiner theuern Liebe zu erinnern,
Brauch' ich kein Kerbholz, drum gab ich es fort,
Denn feſter lebt Dein Bild in meinem Innern,
Als durch ein äußres Merkmal oder Wort. Müßt' ich um Dich auf äußre Zeichen achten, Ich würde als vergeßlich mich verachten.
Falſch war es, als ich ſchrieb in frührer Zeit, Ich liebte Dich mit höchſter Gluth und Kraft, Denn der Verſtand ſah keine Möglichkeit,
Zu ſteigern meine Gluth und Leidenſchaft.
Und doch: da Zeit und Zufall tauſendfalt
In Zwecken und Gelübden Aend'rung zeugt, Der Schönheit wie de Könige Gewalt
Den ſtärkſten Geiſt dem Lauf der Dinge beugt—
[VIII. Jahrg.
Bodenſtedt.
Durft' ich wohl da, bang' vor der Zeiten Hand, Nicht ſagen: Jetzt lieb' ich am meiſten Dich! Als ich, mich ſichernd vor dem Unbeſtand Der Zeit, dem Drang des Augenblickes wich? Lieb' iſt ein Kind, das fort und fort gedeiht; Zu vollem Wachsthum ließ mein Wort ihm Zeit.
Nichts kann den Bund zwei treuer Herzen hindern, Die wahrhaft gleichgeſtimmt. Lieb' iſt nicht Liebe, Die Trennung oder Wechſel könnte mindern, Die nicht unwandelbar im Wandel bliebe. O nein! Sie iſt ein ewig feſtes Ziel, Das unerſchüttert bleibt in Sturm und Wogen, Ein Stern für jeder irren Barke Kiel. Kein Höhenmaß hat ſeinen Werth erwogen. Lieb' iſt kein Narr der Zeit, ob Roſenmunde Und Wangen auch verblühn im Lauf der Zeit— Sie aber wechſelt nicht mit Tag und Stunde, Ihr Ziel iſt endlos, wie die Ewigkeit. Wenn dies bei mir als Irrthum ſich ergibt, So ſchrieb ich nie, hat nie ein Mann geliebt.
Die Zeit des Jahres kannſt Du an mir ſehn, Wo ſpärlich nur von gelbem Laub behangen Die Zweige zittern vor des Nordwinds Wehn, Ein Dom, verödet, drin einſt Vögel ſangen. Du ſiehſt in mir des Tages Dämmerſchein, Will er im Weſt zum Untergang ſich neigen; Allmählich hüllt die ſchwarze Nacht ihn ein, Des Todes Bild, in Finſterniß und Schweigen. Du ſiehſt in mir des Feuers letzte Brände, Das auf der Aſche ſeiner Jugend liegt Wie auf dem Todtbett, wo ihm naht ſein Ende, Wo es am Stoff, der es ernährt, verſiecht. Du ſiehſt das, und erhöhte Liebe treibt Dich hin zu dem, was Dir nicht lange bleibt.
Damit man einſt Dir nicht mit Fragen droht, Voll Neugier, was Du an mir liebſt, zu kennen, Vergiß mich, Liebe, ganz nach meinem Tod, Denn nichts Vollkommnes kannſt Du an mir nennen, Wenn Du nicht eine tugendhafte Lüge Erſinnſt, um Ruhm und Preis mir zuzuwenden, Mehr als die ſtrenge Wahrheit es ertrüge, Die karg den Todten pflegt ihr Lob zu ſpenden. O daß mein Name doch begraben bliebe 1 Mit mir, zu Dein und meinem Glück verſchwände, Damit man falſch nicht Deine treue Liebe In ihrem Urtheil über mich erfände! Denn was ich ſchuf, iſt klein, beſchämt mich bloß, Und lieben darfſt Du nur, was wahrhaft groß.
Nr.


