Jahrgang 
01-14 (1862)
Seite
80
Einzelbild herunterladen

38

angenommen und daher die Geiſtesklarheit all ihres frü⸗ heren Thuns und Denkens höchſt ungerecht verdächtigt wird; wohl aber lag der mechaniſche Grund zum Wahn⸗ ſinn ſchon vor dem Ausbruch deſſelben in ihm. In ſeinem Haupte war kein pſychiſcher, ſondern ein phyſiſcher Fehler, der erſt zum pſychiſchen führte, nachdem gewaltige Gemüths⸗ erſchütterungen, vielleicht man ſtaune über die Proſa der Natur von einigen ſtarken Erkältungen unterſtützt, das Uebel zur Reife gebracht hatten. Eine kalte Zugluft auf den erhitzten Körper thut oft dieſelbe Wirkung, wie die Verzweiflung über die verſchmähte Liebe zu einem ſchönen Mädchen.

Es iſt alſo eine Verwechſelung, zu ſagen: aus den und den ideellen Gründen wurde ein Menſch wahnſinnig, die unglückliche Neigung zu der und der Dame hat ihn um den Verſtaud gebracht. Man dürfte nur ſagen: bei Ge⸗ legenheit dieſer oder jener Neigung, dieſes oder jenes Ge⸗ müthsſturms kam ſein vorbereiteter Irrſinn zum Durchbruch.

So hat man ſich denn vielfach bemüht, für den taleut⸗ reichen Dichter Reinhold Lenz den Grund, oder wie man beſſer ſagen ſollte, den Anſtoß zu ſeinem Wahnſinn zu entdecken.

Auch der gelehrte Herausgeber des vorſtehenden Buches bietet alle Forſchung zu dieſem Zweck auf; doch ſind die Reſultate nicht ſehr ſicher und reich und werden durch mangelhafte Nachrichten über Lenz erſchwert, ja unter⸗ drückt. Friederike von Seſenheim, die Schuld zu Lenzens Krank⸗ heit, obgleich er das von Goethe damals ſchon halb ver⸗ laſſene Mädchen ſehr liebte und wieder von ihr geliebt ward, ſondern die viel heftigere ſpätere Leidenſchaft zu einem Weimar'ſchen Hoffräulein von Maldern.

Leuz war damals ſchon als Schriftſteller bekannt ge⸗ worden und wurde, weil er ſich ſehr danach ſehnte, durch Vermittelung ſeiner Freunde nach Weimar gezogen.

Man weiß, daß damals in des Herzogs und Goethe's Jugendepoche in Weimnar ein ſehr buntes, oft mehr mate⸗ rielles als geniales Leben in Scene geſetzt wurde. Man erlaubte ſich vielerlei ſtarke Extravaganzen gegen einander, doch man war vertraut unter ſich und durch Excluſivität der Kreiſe geſchützt. Doch von einem Fremden, der noch nichtauserwählt war und der überdies, was immer ſo drohend als génant iſt, viel Talent hatte, ließ man ſich nicht ungeſtraft einen ähnlichen Ton gefallen. Solcher Eindringling wurde, wenn er nicht unbedeutend und des⸗ halb äußerſt harmlos war, wieder hinausgetrieben, und man verſchanzte ſich dabei hinter den Geſetzen des Anſtan⸗ des, wohl gar des höfiſchen, der ſonſt ſo häufig nicht ſehr in Acht genommen wurde. Anm leichteſten wird es, Män⸗ ner wieder gehen zu heißen, die außer ihrer Begabung noch keine weltliche Stütze haben.

Uovellen-Zeitung.

ihm verletzt fühlten, diejenigen mitgerechnet, welche kurz vorher gar nicht wußten, was ſie demlieben Kinde Lenz Alles zur Freude anthun ſollten. Zu dieſen Beleidigten gehörten der Herzog ſelbſt, Frau von Stein und Goethe.

Dieſer iſt, da er ein Menſch war und das Recht zum Irren und Unrechtthun hatte, wohl am wenigſten gerecht und großmüthig gegen Lenz geweſen. Er hat durch ſein miß⸗ günſtiges, den Charakter des⸗Unglücklichen verdächtigendes Urtheil und noch ſpeciell durch ſeine haltloſe, ſich wider⸗ ſprechende Anſicht über deſſen Werke viel dazu beigetragen, daß Lenz über ein halbes Jahrhundert in der Literatur⸗ geſchichte verkannt und dem Publicum gar nicht vertraut wurde.

Schriftſtellereiferſucht war nicht die wahre Veranlaſ⸗ ſung, vielmehr ein Verkennen, angeregt durch perſönliche Eiferſucht in der Liebe, wie es ſich bei Goethe in Bezug auf Friederike Brion und Frau von Stein deutlich aus⸗ ſpricht. Dazu kam ein Gefühl perſönlicher Beleidigung. Da man aber die Art der Beleidigung nicht genau weiß, ſo kann man auch das Beleidigtſein nicht ſo ſtreng tadeln, man würde ſouſt in die Maxime verfallen: ich keune die Gründe nicht, aber ich mißbillige ſie. Unbedingt aber hätte Goethe durch ſeine geiſtige Bedeutung und durch die Ueberlegenheit ſeiner Stellung und ſeines irdiſchen Glückes Veranlaſſung genug gehabt, verſöhnlicher gegen Lenz auf⸗

¹ zutreten, vor Allem günſtiger, nämlich gerechter über ſeine Jedenfalls war nicht Goethe's frühere Geliebte,

Werke zu urtheilen. Er hatte es immerhin mit einem Rivalen zu thun, den man lange Zeit als einen ihm Eben⸗ bürtigen betrachtete, und der dieſe Auſicht auch wohl länger aufrecht erhalten hätte, wäre ihm das materielle Glück günſtiger und das Licht ſeines Geiſtes länger getreu ge⸗ weſen.

Die Lenz'ſchen Werke, meiſtens Dramen, gab Tieck zu Lebzeiten Goethe's heraus, und es würde mit mehr Un⸗ befangenheit und beſſerem Vorurtheil für den Schöpfer derſelben geſchehen ſein, wenn jene Herausgabe nicht unter dem Einfluß von Goethe's tonangebender Meinung ge⸗ ſchehen wäre. So kam es, daß dieſe Edition nicht einmal zur Folge hatte, in der Literaturgeſchichte dem Autor einen Platz und eine Anerkeuuung zu ſichern, wie er ſie verdient hätte. Ich ſage mit Abſicht in der Literaturgeſchichte, weil zu einer Wirkung rurchſchlagender Art auf die Oeffent⸗ lichkeit der Dichter noch zu wenig Styl gewonnen hatte und den Reiz der Individualität noch nicht objectiv frei zu machen und zur höchſten Wirkung zu bringen vermochte.

Für die gebildeten Kreiſe des Publicums, auch für die weiteren, iſt es aber wichtig, ſich mit einem Poeten bekannt zu machen, der eine bahnbrechende Bewegung in der deut⸗ ſchen Literatur veranlaßt und indirect großen Einfluß auf jüngere Kräfte ausgeübt hat.

Zu dieſem wackeren Zweck der Intelligenz trägt das

So trieb man auch von Weimar den armen Lenz wie⸗ Buch von Gruppe nicht nur weſentlich bei, nein, es ermög⸗ der fort, nachdem er auf dem geſellſchaftlichen Parquetboden licht eigentlich denſelben erſt und geht dem Publicum durch

einige Steine des Anſtoßes hatte fallen laſſen.

eine Erörterung über die Werke des Dahingeſchiedenen

Worin nun dieſe Aergerniſſe beſtanden haben, iſt kei⸗ erklärend an die Hand, ſo wie es den Lebenslauf deſſelben

nesweges klar.

Feſt ſteht aber, daß ſich die Meiſten von nach den beſten Quellen darſtellt.

Redigirt unter Berantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig. Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. Druck von Gieſecke& Devrient in Leipzig.

Nov

en Fuit