Novellen⸗Zeitung.
L
—
Tudwig Foaglar.
Ein Tag vor Saragoſſa.
Aus Morgengrau, aus Kampf⸗ und Nebel⸗Schauern, Erhoben ernſt ſich Saragoſſa's Mauern, Zerſchoſſen, ſchwarz, mit blut'gem Thau getränkt. Der grimme Sturm war muthig abgeſchlagen, Der dritte, den ſeit ſieben heißen Tagen Das Franzenheer ob dieſer Stadt verhängt.*
Noch flattert trotzig auf der Veſte Zinnen Das Banner Palafox's, der herzhaft drinnen Ein freibeitglühend Volk ſchwertkundig lenkt. Napoleon's erprobte Veteranen Umſonſt verbluten auf den alten Fahnen;— Vor Saragoſſa ſich der Adler ſenkt.
„In Aragon erſt ſollen beſſ're Helden Wir finden? Und nicht einen Sieg zu melden Hat Clio ſeit dem Pyrenäenzug!“ So ging es lauter ſtets von Mund zu Munde, Wenn auf der Beiwacht, auf der Lagerrunde Der Krieger zornig an die Waffen ſchlug.
Der klare Tag liegt über's Feld gebreitet, Das täglich faſt der Wandrer Tod beſchreitet; Vom blauen Himmel lacht des Friedens Gruß. Doch anders iſt der Menſchen wildes Sinnen, Tiefnächtig ihr todheiſchendes Beginnen Und Haß vollbringet, was die Pflicht nicht muß.
Im Lager wird es rege. Waffen blinken, Die Trommel wirbelt und die Fahnen winken— Bereitet ſich der Sturm von Neuem vor? Gönnt keine Ruhe man den tapfern Müden, Die heut im Norden, morgen dort im Süden Entſcheiden halfen, wer der ärgſte Thor?
Die Truppe hält, das Viereck wird geſchloſſen. Ja,— Einer der Gefangnen wird erſchoſſen: Der Führer Einer, und„landsmänniſch Blut!“ Da bringt man ihn, das Angeſicht verbunden, Den Leib geſchmückt von kaum vernarbten Wunden. Er ſchreitet feſt einher; er hält ſich gut.
Jetzt ſteht er ſtill in der Soldaten Mitte. „Euch iſt verſtattet eine letzte Bitte!“ So ſpricht gerührt zu ihm der Commandant. „„Ich bin gewohnt, dem Tod ins Aug' zu ſchauen, Gönnt mir den Himmelsblick, den ſonnig⸗blauen, Vom Auge, bitt' ich, nehmt mir den Verband.““
De
—₰
Commandant erfüllt des Jünglings Bitte— „O Gott, weh mir!“ ruft er, und ſeine Schritte, Sie wanken, und das Schwert der Hand entſinkt. „„Mein Vater!?““— Stürzt ſich der Sohn, wo er die bittern, leiſen, Die Thränen väterlichen Schmerzes trinkt.
„Hinweg! Genug!“ Die Pflicht verdrängt die Worte; „Ich bin Soldat! Dich grüßt des Todes Pforte!“— Er rafft ſich auf und blickt ihn an, gefaßt:
Bebend an die Bruſt des Greiſen
Für den Friedhof der evangeliſchen Gemeinde in Gratz in Steiermark.
T
V
Braunſchweig, Wien und Gratz. Vieweg u. Sohn, F. Manz u. Comp. ꝛc. ſchweig 8 ð 5
„Mein Sohn, Du in den Reihen der Rebellen?— Und Frankreichs Sohn, bei ſpaniſchen Geſellen? Du biſt nicht werth, daß Dich ein Vater haßt!“
Er ſagt's. Ihm zucken fiebernd Aug' und Wangen, Und näher tritt zum Sohne er mit Bangen: „Verführter Knab’, ein Mittel gibt es nur, Nicht Freiheit, doch das Leben Dir zu retten! Spar'’ mir den Schmerz— in wohlverdienten Ketten— Daß eignes Blut ich opf're meinem Schwur.“
Und weiter ſprach er— ſeine Pulſe pochten—: „Schwör' ab die Sache, die Du dort verfochten, Bereue laut und fleh um Gnade hier.“ Der Jüngling faßt des Vaters Hand; mit Küſſen Bedeckt er ſie und ſinkt zu ſeinen Füßen: „„Vergebt!— Dann ſcheiden heut' auf ewig wir!““
„„Ganz werthlos iſt in Ketten mir ein Leben;
Es ſteht mein flammend Lieben und mein Streben Im Dienſte nur der freien Menſchlichkeit.
Mein Vaterland iſt dort, wo finſt're Mächte Selbſtſüchtig, frech befehden ihre Rechte,
Und meine Sache iſt ihr heil'ger Streit.““
Ab wendet ſich der Capitän zur Truppe, Die ſelbſt erſchüttert von der Trauergru Und durch die Reihen ſchmettert ſein:„Hahn? Sein Auge ſtarrt; der Wuthkrampf der Iſt in des Mannes unbewachtem Buſen Mit aller Rieſenſtärke auferwacht.
Geſprochen hat der Jüngling ſein Gebete, Und heiter blickt er aufwärts; lieblich wehte Die Morgenluft um ſein verklärt Geſicht. Auf ſeine Bruſt, die narbenſtolze, bloße, Sind wohlgerichtet dreizehn der Geſchoſſe— Er zuckte mit den Augenwimpern nicht.
„„Steh nicht ſo nah' mir, Vater! Nicht geheuer Iſt's hier!““— Doch dieſer commandiret:„Feuer!“ Hinſtürzend auf den Sohn im ſelben Nu.— In Lagers Mitte an der blut'gen Stelle Zwei Leichen man begrub bei Mondeshelle, Und deckte ſie mit friſchen Reiſern zu.
Ein ſtiller Kreis hat um ſie her geſtanden, Die rauhen Krieger keine Worte fanden Für dieſes Anblicks tief ergreifend Weh! Galt nun dem greiſen Vater mehr dies Trauern? Galt ſeinem Sohne tieferes Bedauern? Galt es dem Sinn des Schauſpiels, der Ihen Und Einer von der alten Kaiſergarde Warf ihnen in die Grube die Cocarde; Ein Opferzeichen ihrem Leidgeſchick. Es war dies Einer von den Veteranen, Die treu geſtritten für die jungen Fahnen Der früh begrab'nen Republik.
Jahrg.
N


