wägen, daß die Naturwiſſenſchaften in ihrem neueren Auf⸗ ſchwung noch jung ſind, daß es überhaupt eine Uebergangs⸗ periode iſt, in welcher wir uns befinden. Steht der un⸗ geheure Rieſenbau der Naturforſchung erſt fertiger und feſter da, ſo werden ſich einestheils die Leidenſchaften der ſtreitenden Parteien abgekühlt haben, denn das klare über⸗ führende Factum, welches in ſich bewieſen iſt, ſchlägt allen Zweifel und mithin allen Kampf nieder; anderntheils wer⸗ den die Sansculotten der Wiſſenſchaft anſtändig genug werden, dasjenige nicht mehr zu zeigen, um deſſen willen ſie Sansculotten heißen; endlich aber wird der arrogante Dilettantismus der A-B⸗C⸗Schützen der Wiſſenſchaft den Muth verlieren, über einen Gegenſtand zu ſprechen, deſſen Größe ihre Kleinheit jeden Augenblick blamirt.
Bis zu dem Zeitpunkt aber, wo jenes gigantiſche Ge⸗ bäude einigermaßen architektoniſch geordnet und impoſant emporgewachſen iſt, ſollten es die Arbeiter nicht verſäumen, außer der Bauhütte eine Wächterhütte aufzuſchlagen, da⸗ mit nicht alles mögliche Geſindel herbeiſtrömt, welches täg⸗ lich vierundzwanzig Mußeſtunden hat, in denen es ſich aus den ſchön zugehauenen Ornamenten eine Narrenkrone bauen möchte. Ferner werden aber auch die ſchaffenden Werk⸗ leute wohl thun, ſich vor kleinlichen Meinungsverſchieden⸗ heiten und Gezänk zu bewahren, damit nicht bei Vergeu⸗ dung von Kraft, Muth und Klarheit eine babyloniſche Sprachverwirrung losbreche und das gewaltige Werk ver⸗ ſpäte oder gar hemme.
Nach ſolchen allgemeinen Stoßſeufzern werden Sie
Novellen⸗Zeitung.
gern mit mir zu unſerm Autor kurz herüber blicken, der im vorliegenden Werk über Geiſt und Körper in ihren Wech⸗ wird.
IV. Jahrg. ſelbeziehungen mit Verſuchen naturwiſſenſchaftlicher Erklä⸗ rung einen erfreulichen Beweis ſeiner raſtloſen Thätigkeit gegeben hat.
Der Band iſt ſtark und oft polemiſchen Inhalts, be⸗ ſonders wo der Verfaſſer über den heutigen Standpunkt der Naturwiſſenſchaft und die gegen denſelben erhobenen Vorwürfe ſpricht. Seine Kritik iſt klar und ſcharf, und ſein Styl zeichnet ſich weſentlich aus im Vergleich mit ſo vielen andern Schriften in dieſer Sphäre.
Von großem Werth ſind die Verſuche und Beobachtungen über„die Herrſchaft der Nerven über den Stoff und ihre Abhängigkeit,“ nicht minder intereſſant der Aufſatz:„die
Abhängigkeit des Geiſtes vom Körper und ſeine Macht
über denſelben.“ Den Schluß des Buches bildet ein frag⸗ mentariſcher Verſuch, die Grenzen des Inſtinctes und der Intelligenz bei Thieren zu beſtimmen.
In allen Theilen zeigt ſich Reclam als vielſeitiger Be⸗ obachter, dem Gründlichkeit und Logik Princip ſind. Der Mann der Viſſenſchaft wird ſich durch ſein Buch mannig⸗ fach unterſtützt und angeregt fühlen, während der gebildete Laie darin viele einzelne Abſchnitte findet, welche er ganz und gar zu verſtehen vermag und welche dazu beitragen, ihn das Feld der Naturwiſſenſchaft heller und freier auf ein gut Stück Weges überſchauen zu laſſen.
Sehr wohlthuend berührt es endlich, daß es ganz und gar nicht im Weſen des Autors liegt, gläubigen Seelen durch eine robuſte Polemik wehe thun zu wollen, im Gegen⸗ theil geht er ſehr richtig ſtets den Weg der Objectivität und Unabhängigkeit, welcher auch der der Neutralität ſein
Allgemeiner Anzeiger.
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