tiſcher und zugleich poetiſcher auf ihren Gegenſtand ein⸗ gehn, ſoweit ſind ſie vollkommen berechtigt und anerkennens⸗ werth und zwar vom ſtrengſten Standpunkte aus.
Amerika ganz beſonders iſt uns ſo nahe gerückt, daß wir ſeine Detailkenntniß nicht mehr entbehren können; ſeine Zuſtände aber ſind ſo wunderbar, ſo bewegt, ſo real prak⸗ tiſch und doch wieder ſo poeſievoll und urſprünglich, daß ſie eine Fundgrube für den Schriftſteller bilden.
Noch immer exiſtirt kein einziges deutſches Werk, welches ein Muſter, ein Maßſtab in dieſer Literaturgat⸗ tung wäre. In allen einzelnen Schriften herrſcht noch eine gährende Unruhe, Parteilichkeit und Unabgeſchliffenheit, welche durch die halsſtarrige Fremdartigkeit des Stoffes bedingt wird. Mehr aber noch als dieſer Stoff ſind die Autoren ſelbſt ſchuld, daß ihnen kein Buch gelingen will.
Sie arbeiten immer nur nach der Breite und Viel⸗ ſeitigkeit hin, und ſollten doch nach Tiefe und Einfachheit zu ſtreben ſuchen.
Man denke ſich das Indianerthum mit all' ſeinen Merkwürdigkeiten und nationalem Weſen, und zwar nicht wie es uns Cooper und Irving geſchildert haben, ſondern ſo wie es wirklich iſt und wie es wahrheitsliebende Forſcher herausſtellten. Ferner erwäge man das Verſchwinden dieſes großen Volkes, welches Beherrſcher eines ganzen Erdtheils war, eines Erdtheils, durch deſſen Reichthümer und Fruchtbarkeit wir uns bereicherten, den wir ihm ge⸗ waltſam entriſſen, und wobei wir uns noch ſehr chriſtlich
Novellen⸗Zeitung.
dünkten, denjenigen, die wir bei dieſem Geſchäft des Rau⸗ bens und Vordringens nicht erſchoſſen, die vermeintlichen Segnungen einer raffinirten Cultur zu geben.
Dieſe Cultur eben, welche für ſie nicht paßte, zerrüttete ihre Geſundheit und decimirte ihre Stämme, verdarb ihre Sitten, ſtatt ſie zu veredeln, und wir finden heute nur noch wenige Terrains, auf denen der Indianer unangetaſtet lebt. Faſt überall haben die ſogenannten„Bleichgeſichter“ den Eingebornen und ſeine Büffelheerden ſo weit in die Einöden oder in die Hochgebirge zurückgedrängt, daß ſie durch Strapazen, Hunger und Kämpfe, ſowohl gegen ſich ſelbſt als gegen die Europäer aufgerieben ſind.
Dieſer Streit zweier Nationalitäten gegen einander, welche der Act einer weltgeſchichtlichen Schickſalstragödie iſt, hat etwas Ergreifendes, und man darf die Merkwür⸗ digkeit jener Völker nicht gering achten, wenn man nur an das unlösliche Räthſel denkt, daß dieſelben wahrſcheinlich
während vieler Jahrtauſende auf derſelben Bildungsſtufe
ſtehen geblieben ſind.
Dieſe Verhältniſſe haben einen ſo ernſten als rühren⸗ den Hintergrund. Nicht minder poetiſch iſt dagegen das immer weiter fortſchreitende Cultiviren des weißen Man⸗ nes, der mit Art und Spaten das gewaltige Terrain der Urwildniß fruchtbar und für den Weltverkehr brauchbar macht. Weib und Kinder flüchtete er von der ausgeſaugten, übervölkerten Erdſcholle Europa's hinweg und gründete ihnen auf unberührtem neutralem Terrain eine neue Heimath.
Lange dauert es, bis mit ſchmerzlichem Schimmer nach und nach die Erinnerungen an ſein Vaterland in ſeiner Bruſt erſtarben, und endlich entwickelt ſich aus ſeinen Kin⸗ dern und Eukeln eine neue friſche Generation, die nicht
[V. Jahrg.
mehr, wie er, krankhaft in der Mitte ſteht zwiſchen euro⸗ päiſcher Vergangenheit und amerikaniſcher Zukunft, ſon⸗ dern die ſich geſund und ſtaatenbildend anſchließt den Ab⸗ kömmlingen früherer Auswanderer.
Solche Schilderungen, treu, innig und lebenswarm geſchrieben und zugleich in ihrer Geſammtheit ſo geſtaltet, daß ſie eine künſtleriſche KRomancompoſition bildeten, würden dem Leſer mächtig in die Bruſt greifen, ſeine Phantaſie ge⸗ waltig erregen und ſein Herz durch die Kraft und Tüchtig⸗ keit des rein menſchlichen Stoffes ſelbſt dauernd befriedigen.
Zu den neueren Autoren, die über Amerika viel Novel⸗ liſtiſches gebracht haben, gehört der obengenannte Armand. Wir ſind bereits in dem Fall geweſen, die Fehler ſeiner Schriften lebhaft hervorheben zu müſſen, da der edlere Geſchmack bewahrt werden muß vor einer ſolchen ſich über⸗ ſtürzenden Action, die ſich in ſchauerlichen Schreckensſcenen wohlgefiel. Außerdem war neben dieſer Compoſitions⸗ loſigkeit die Schreibweiſe ſehr wenig abgerundet.
Nach ſolchen Vorgängen iſt es eine wahre Freude, den⸗ ſelben Schriftſteller bei einem andern Werke kennen zu lernen, welches dieſe Fehler ganz und gar nicht beſitzt. Es iſt die in vier Theilen erſchienene Schilderung:„An der Indianergrenze.“
Der Autor hat darin bei weitem noch keine nur irgend vollendete Kunſtgeſtaltung gewonnen, obgleich die Anlage die eines Romans iſt. Die einzelnen Abſchnitte und Be⸗ gebenheiten ſind locker, aber nicht zuſammenhanglos an ein⸗ ander gereiht. Oft finden ſich gedehnte Stellen, prairien⸗ artige Eintönigkeiten; die Charakterſchilderung iſt noch nicht pſychologiſch genug durchgeführt, die Handlung hat nicht immer feine Motivirung genug, der Styl iſt noch ſehr von aller Vollkommenheit entfernt.
Dennoch aber wird dem Leſer wohl bei der behaglichen und durchaus poetiſchen Lectüre dieſes Buches. Woher kommt dieſer Eindruck bei ſo wenig allgemeiner Rundung und Vollendung?
Er wird hervorgebracht durch die Wärme und unbefangene Jugendlichkeit des Herzens, mit welcher der Autor geſchrieben hat. Man muß von ganzer Seele wünſchen, daß er in dieſer geſunden Nai⸗ vetät bleiben und nicht zu klügelnden Reflexionen übergehen möge.
Der Verfaſſer hat ſich gewiſſermaßen ein Ideal eines jungen rüſtigen, trefflichen Auswanderers zurechtgelegt und denſelben
thatenvoll und thatanfreudig durch Begünſtigung von Klugheit
und Glück eine ſegensvolle Zukunft erringen laſſen. Die Geſtalt
mit all ihrem Zubebör iſt kräftig und liebenswürdig dargeſtellt, ſowie nicht minder das Leben an der Grenze der alten Urwälder. Auch in viele andere Farmerfamilien thun wir einen tiefern Blick, ſowie uns auch allerlei Intriguen und Schurkereien, welche von Böſewichtern ohne Namen und Zahl unterm Schutze der dortigen Geſetze ausgeführt werden, lebendig genug vor Augen treten.
Nicht bloß für Weiblichkeit und innerliches rein menſchliches Gefühl, ſondern auch für Erhabenheit und Schönheit der Natur hat der Schriftſteller ein empfängliches Herz, und es iſt ihm gege⸗ ben, uns den ſtillen, gebeimnißvollen Pulsſchlag der Einſamkeit deutlich vernehmen zu laſſen.— Eine ſolche Wahrheit und Wirk⸗ lichkeit in der Darſtellung, verbunden mit warmer Begeiſterung für den Gegenſtand, hat einen großen Reiz gegenüber ſo vielen blaſirten Literaturerſcheinungen, in denen vielfach Genoſſenes uns mit ſchadhaften Zähnen noch einmal wiedergekauet wird.
Fügen wir noch hinzu, daß der Auswanderer ſehr viel aus dieſem Werke lernen kann, daß es die Weiterentwickelung eines hoffnungsvollen Talentes verrräth und durch einen reichen Con⸗ flict ſpannender Begebenheiten unterhält, ſo werden die gebildeten Leſer dieſe Vorzüge genügend finden, um manche kleine Fehler und Mängel zu entſchuldigen.
Leipn
Novelle
V b Feuilleto 1
Zut C
in
Jus d Kiscti Ilutn unſchlag
Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig.— Verlag von Alphons Dürr in Leipzig.— Druck von Gitſecke& Devrient in Leipzig.


