Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
709
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V. Nr. 45.

Jahrg.

wir uns dem Erdenleben mit ſeinen hemmenden Schranken und Feſſeln entrückt, dann tritt es wieder in ſeine Rechte. Die Wirklichkeit erfaßte ihn, die Wirklichkeit, welche voller Sorgen, Zweifel, unlösbar ſcheinender Wirren war. Wie ſollte es werden? war eine friedliche Schlichtung der Miß verſtändniſſe zwiſchen ihnen möglich? Wie furchtbar hatte er Regine beleidigt! und ſelbſt wenn ſie ihm vergab, wie weit auseinander lagen ihre Lebensanſichten! konnten ſie ſich jemals zu einem Ganzen einen? War ſeine Meinung über die ſchreibenden Frauen etwa eine andere, weil er ein Buch geleſen, welches er trotz maucher Mängel gut nannte? Einen Hauptfehler hatte dieſes Buch, und er trat immer deutlicher hervor, einen ganz unverzeihlichen Fehler, den, daß Regine es geſchrieben. Es ſah wahrlich nicht aus, als ob die Verfaſſerin es bei dieſem einen Werke würde bewenden laſſen. Und war die Ausübung dieſes Talentes vereinbar mit den nicht leichten Pflichten, welche der Frau eines Landpfarrers und nur ein ſolcher wollte Ehrhardt werden oblagen? Selbſt wenn Regine dieſe erfüllte denn ſie war als zu tüchtig und getreu in ihrem kleinſten Thun bekannt, als daß Ehrhardt ſelbſt in dieſer Stunde, wo ſchon wieder Ungerechtigkeit und Bitterkeit emporzu⸗ keimen begann, ſie in Verdacht gehabt, ſie würde eine ihrer Obliegenheiten verſäumen, unter Mühen und ſorgendem Schaffen verbracht: ſo würde ſie am Abend nach der liebſten Erholung verlangen, und in den goldenen Träumen, den duftigen Fluthen der Poe⸗ ſie die oft ſorgenſchwere Wirklichkeit, die Proſa des Lebens zu vergeſſen ſuchen. Heimkommend von ſeinem Wirken und Walten in' ſeinem Berufe, um an dem traulichen Heerde Behaglichkeit und Erquickung zu ſuchen, würde er nicht die holde, liebende Hausfrau finden, nur mit freundlichem Sorgen um ihn bemüht, er würde die Schriftſtellerin tref⸗ fen, unter Büchern und Schriften vergraben.

Ob er das ruhig ertragen konnte? ob ein Glück, wie er es gedacht und erſtrebt, unter dieſen Verhältniſſen möglich

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war? Und immer dunklere Wolken lagerten ſich auf ſeine Stirn, immer bitterer erſchien ihm ſein Schickſal, immer wunderbarer Regine's Handlungsweiſe. Welche unerhörte Selbſtſtändigkeit ſprach ſich in ihrem ganzen Thun aus! Woher hatte ſie den Muth gefunden, einen ſo wichtigen Schritt, wie das Heraustreten in die Oeffentlichkeit, ohne Frage, ohne Rath zu unternehmen? Wäre es nicht ihre erſte Pflicht geweſen, ſich vorher an ihn zu wenden? Wie wenig mußte ihr an ſeiner Meinung, ſeiner Billigung liegen! Wohl erinnerte ihn eine leiſe Stimme in ſeinem Juneren, daß er beim Erſcheinen des verhängnißvollen Buches weit ab in fernen Landen geweilt, daß gerade da⸗ mals wegen ſeines Nomadenlebens ihr Briefwechſel faſt aufgehört: Ehrhardt lauſchte nicht auf die beſchwichtigende Stimme, er wollte keine Entſchuldigung hören. Er glaubte

ſich in ſeinen Rechten beeinträchtigt; er fühlte ſich ſo tief in

ſeiner Liebe gekränkt, daß ſeine Anklage, ſeine Vorwürfe gegen Regine mit Rieſenkraft wuchſen. Auch die Art, wie ſie jetzt mit einem Male urplötzlich an das Licht getreten und ſich als Verfaſſerin bekannt, nachdem ſie früher ſo be harrlich im Dunkel geblieben, hatte etwas beſonders Ver⸗ letzendes für ſein Gefühl. Es war ihm, als ſchleudere ſie ihm damit geradezu den Fehdehandſchuh ins Geſicht. Hochmüthig und ſtolz wie Lucifer! ſprach er dumpf und

leiſe, und auch ihm ſchien es mehr und mehr zur Gewißheit

zu werden, daß es keinen Rückweg gab zu dem Einſt, welches wie ein grünes, ſtilles Eden ſich zu dem Dunkel und der Verwirrung ausnahm, die jetzt um ihn ſich thürmte und aus der er mit ſehnſuchtsvollem Auge nach Früher zurückſchaute. Und dennoch, trotz des Grolles und der Bitterkeit, welche gegen Regine ſprachen, begabſer ſich am Abend wie⸗ der hin zu ihr. Die wahre Liebe iſt nicht ein Gefühl, das mit einem Griff ſich aus dem Herzen reißen läßt, zu viel verzweigt ſind ihre Wurzeln mit den beſten, edelſten Faſern unſeres innerſten Lebens. Oft geht ein Stück des Herzens mit verloren, wenn denn doch endlich der innere

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Geſellſchaften, als die in ſeinem Hauſe in Gloceſter⸗Square, die er perſönlich am meiſten zu beleben verſtand. Ohne die geringſte Spur von einer profeſſionellen Eiferſucht wurde er von allen Ingenieurs gern geſehen, wenn ſie ihn perſönlich nicht genug kannten, um ihm ihre ganze Liebe zu widmen. Jetzt iſt er geſtorben, wenn auch nicht voll an Jahren, doch wenigſtens voll an Ehren, denn er war der Schöpfer öffentlicher Werke, ein Wohlthäter des Menſchengeſchlechts und das Idol ſeiner Freunde

Er wurde unter ſehr dürftigen Umſtänden geboren. George Stephenſon, ſein Vater, hielt ſich für einen ſehr glücklichen Mann, als er bei dem wöchentlichen Verdienſt von ein Pfund Sterling der hübſchen Magd eines Pächters, Fanny Henderſon, ſeine Hand und ſein Herz anbieten konnte. Er führte ſie als ſeine Frau Ende 1802 in ſeine Wohnung in Willington⸗Quay, am nördlichen Ufer des Tyne, ohngefähr ſechs engliſche Meilen unterhalb Neweaſtle, und Smiles, der Verfaſſer ſeiner Biographie, erzählt, ſeine Unterſchrift in den Kirchenbüchern unter dem Act ſeiner Verheirathung ſei die eines Mannes, der eben erſt das Schreiben erlernt habe. Am 16. Dec. 1803 wurde George Stephenſon's einziger Sohn, Robert, geboren, der von ſeiner frühen Kindheit an in Willington⸗Quay ſich mit den verſchiedenen Induſtriezweigen ſeines Vaters vertraut machte, der, wenn er

der Ausbeſſerung alter beſchäftigt war, Uhren reinigte, Anzüge Für Grubenarbeiter fertigte oder zeichnete und Modelle machte und ir fortwährend weiter auszubilden ſuchte. Roberts Mutter (ſtarb frühzeitig, und nun widmete der Vater, deſſen Herz ganz an ſeinem Knaben hing, ſeine ganze Sorgfalt der Erziehung deſſelben. George Stephenſon fühlte ſeinen Mangel an Erziehung ſehr tief,

nicht als Schuhmacher mit der Verfertigung neuer Schuhe oder

und damit ſein Sohn nicht aus derſelben Urſache zu leiden haben möge, ſchickte er ihn zuerſt in die Schule in Long Benton und ſpäter in die Schule des Herrn Bruce in Newcaſtle, eine der beſten Lehranſtalten in der ganzen Gegend, obſchon die dadurch bedingten Ausgaben ſehr groß waren. Der junge Robert blieb drei Jahr in dieſer Anſtalt und ſein Vater ermuthigte ihn nicht bloß, für ſich ſelbſt zu ſtudiren, ſondern machte ihn auch in einer Art zum Werkzeug der Vermehrung ſeiner eignen Kenntniſſe, indem er ihn veranlaßte, in der Bibliothek zu Neweaſtle zu leſen, und dann wöchentlich dem Vater die erlangten neuen Einſichten und Kenntniſſe mitzutheilen. Eben ſo mußte er häufig ein wiſſenſchaftliches Werk mit nach Hauſe bringen, das der Vater und Sohn dann gemeinſchaftlich ſtudirten. Als der 15 Jahr alte Robert Stephenſon die Schule verließ, kam er als Lehrling zu dem Herrn Nicholas Wood in Killingworth, um dort den Stein⸗ kohlenbergbau zu erlernen, und in den drei Jahren, die er dort

verlebte, wurde er mit allen Zweigen des Untergrubenbaues

vertraut. Der Vater war an derſelben Grube beſchäftigt, und die Abende wurden gewöhnlich von Beiden zu ihrer gegenſeitigen Ausbildung benutzt. In der Biographie George Stephenſon's von Smiles werden die belebten Discuſſionen erwähnt, welche in dieſer Weiſe in ihrer dürftigen Hütte geführt wurden und die ſich häufig mit der damals verhältnißmäßig ziemlich unbekannten

Kraft der Locomotive, die an der Kohlengrube täglich in Gebrauch

war, bezogen. Der Sohn war ſogar in dieſer Hinſicht noch enthuſiaſtiſcher als ſein Vater. Robert wollte in allen Theilen der Dampfmaſchine Abänderungen und Verbeſſerungen vorſchlagen Der Vater machte dagegen alle möglichen Einwendungen und trat als Vertheidiger der beſtehenden Einrichtungen derſelben auf,