Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
707
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lV. Jahrg

Nr. 45.] Dritte folge. 707

Novellen-Zeitung.

jeder

jeder,

Ein beſiegtes Vorurtheil.

Novelle

von

Sophie Verena.

2(Fortſetzung.)

Als Ehrhardt, nachdem er einen raſchen Gang durch die kalte, klare Winternacht gethan, der die ſchlagenden Pulſe etwas beſänftigt, in ſeinem Zimmer ankam, fiel ſein erſter Blick auf das Buch, welches die Urſache zu ſo bitte⸗ ren Erörterungen geworden war. Ob der Freund, der es ſo warm vertheidigt, es noch zu ſo ſpäter Stunde zu ihm herübergebracht, ob einer ſeiner anderen Bekannten es bei ihm abgegeben? Genug, es lag da. Unwillig ſchob Ehrhardt es zur Seite; dann aber, zu aufgeregt um ſchon ſein Lager zu ſuchen, griff er danach und begann zu leſen, anfänglich ſehr unaufmerkſam, denn ſeine Gedanken weilten bei dem vorhin Erlebten, das ihm immer noch nicht als eine Wirklichkeit erſcheinen wollte. Mehr und mehr ſchien er jedoch von dem Inhalte gefeſſelt zu werden, immer ſchneller flogen ſeine Augen über das Blatt, und in ſeinen klugen, beweglichen Geſichtszügen drückte ſich bald geſpanntes Intereſſe, zweifelndes Staunen, hohe Anerken⸗ nung aus; zuweilen auch bewegte er den Kopf wie leiſe miß⸗ billigend, dann wieder ſpielte ein heiteres, beiſtimmendes Lächeln um ſeine Lippen, und endlich o wenn Regine es geſehen! ſtieg eine Thräne in ſein Auge und rollte wie eine klare Perle über ſeine männliche Wange. Es war nicht oft, daß Ehrhardt ſein tiefes, warmes Gefühl durch äußere Zeichen bekundete; es mochte wohl ſeit ſeinen Kinderjahren ſelten einem Buche gelungen ſein, daß es ihm die Thränen der Rührung in die Augen getrieben.

Unwillkürlich gedachte er des Ausſpruches jenes Mädchens, es gebe Herzenszuſtände, die ſo weich und innig nur die Feder einer Frau zu ſchildern verſtände. Der eigenthümliche Zauber, welcher dem Buche entſtrömte, und der nur in der Herzenswärme zu ſuchen war, mit der es geſchrieben, in der Treue und Innigkeit, mit welcher eine volle Seele ſich der Löſung einer ihr wichtigen Aufgabe hingegeben, ſpann auch ſeine goldenen Kreiſe um Ehrhardt. Er hätte nicht aufzuhören vermocht, bis er es beendet, und als es geſchehen, legte er es mit einem Gefühle der Freude und Erquickung aus der Hand. Eine tiefe Beſchämung überkam ihn, wenn er ſeines harten, ungerechten Urtheiles gedachte; und wie er ſchon jetzt im Herzen die Verfaſſerin

um Verzeihung bat, ſo war er feſt entſchloſſen, vor Allen, die Zeugen ſeiner Uebereilung geweſen, ſolche zu bekennen. Die kleine Roſe hatte Recht gehabt: nur ein von Vorur⸗ theilen befangenes Auge konnte einen Verſtoß in dieſem Buche ſehen, nur der böſe Wille die reine Abſicht verken⸗ nen, nur das Herausreißen einzelner Stellen das Ganze in einem falſchen Lichte erſcheinen laſſen. Und er ſelbſt hatte ſich zu ſo harten ungerechtfertigten Ausdrücken hin⸗ reißen laſſen. Wie tadelnswerth mußte er Regine erſchie⸗ nen ſein; wie trat wieder ihr geringſchätzendes Lächeln vor ſeine Seele! Hiermit wurden aber die Gedanken in den alten Strom geleitet; der tiefe Schmerz, den er beim Leſen theilweiſe vergeſſen, nahm wieder Beſitz von ſeinem Herzen; und ſchon brach der erſte, bleiche Morgenſchein an, als er noch mit haſtigen Schritten ſein Zimmer durchmaß, nach einem Ausweg ſuchend aus dem Unheil, das über ihn ge⸗ kommen.

Am folgenden Tage um die Mittagszeit befand ſich Ehrhardt auf dem Wege zu Regine. Sein Herz klopfte mit gewaltigen Schlägen, als er die Treppe erſtieg, denn ohne Zweifel war Alles entſchieden, wenn er das Haus wieder verließ; trotzdem konnte er mit Ruhe nach Regine fragen, ſogar mit dem alten Diener, der aus dem elter⸗ lichen Hauſe her gleichſam als Erbſtück auf das junge Mädchen übergegangen, nach ſeiner Gewohnheit einen fröh⸗ lichen Scherz treiben.

Fräulein Regine iſt zu Hauſe, aber es ſind eine Menge alter und junger Damen bei ihr; kaum iſt mehr Raum in dem Geſellſchaftszimmer, und ein Geſchwirr und Geſumme iſt darin wie in einem Bienenſchwarme, aus dem man nur den Namen des Fräuleins und den eines Herrn zu unterſcheiden vermag, worauf Glückwünſche und Aus⸗ brüche der Freude und des Erſtaunens folgen. Ich hab's nur ſo gehört, wenn ich einen neuen Beſuch meldete; aber verſtehen thu' ich das Ganze nicht. Sagen Sie mir um Gotteswillen, Herr Ehrhardt, was geht hier vor? Iſt etwa heute Verlobung hier? Ich dächte, da brauchte der alte Chriſtian nicht auch gerade der Letzte zu ſein, der es erführe. Hab das Kiud auf meinen Armen getragen und mich all' mein Lebtage gefreut, wie ſie ſo ſchmuck und kräf⸗ tig heranwuchs, und nach meinen beſten Kräften als treuer Diener ihr zur Seite geſtanden, da konnt' ſte es mir wohl ſagen, ehe alle Welt es wußte, daß ſie ſich einen Herzliebſten erkoren. Und dann der Alte ſah verſchüchtert nieder und wagte nur einen ganz kleinen Seitenblick,dann glaubt' ich auch immer nichts für ungut, Herr Ehr⸗ hardt Sie müßten dabei ſein, wenn's hier Verlobung gäbe. Keiner weiß doch beſſer, als Sie, was für ein Kern⸗ mädchen unſere Regine iſt.