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nehmen, wenn man ſich dabei eine gewiſſe Tendenz, eine Ergänzung noch nicht vorhandener Beobachtungen, eine aufklärende Berichtigung eingeſchlichener Irrthümer zum Ziel ſetzt.
Dies hat der Verfaſſer der vorſtehenden„Bilder ita⸗ lieniſchen Landes und Lebens“ gethan, denn er nennt ſeine Schilderungen mit Recht„Beiträge zur Phyſiognomik Ita⸗ liens und ſeiner Bewohner.“
Otto Speyer war lange Jahre Erzieher in einer flo⸗ rentiniſchen Familie. Von vorherrſchendem Werth iſt da⸗ her ſeine Detailkenntniß Toscang's.
Um ſich zu ſeinen Ausflügen vorzubereiten und die zu beſuchenden Städte und Gegenden mit größerem Nutzen zu bereiſen, durchlas der Verfaſſer alle ihm zugänglichen Reiſe⸗ handbücher und ſonſtigen, dieſen Gegenſtand behandeln⸗ den Schriften(zumal Förſter, Neigebaur und Murray). Nichtsdeſtoweniger erwies ſich die Vorbereitung als eine unzureichende.
Nachdem der Verfaſſer ſchon im Sommer 1849 eine Reiſe durch Ligurien, Frankreich, Deutſchland, die Schweiz und Oberitalien gemacht hatte, verließ er mit dem Früh⸗ lingsanfang des Jahres 1853 Toscana, um auch den Sü⸗ den der Halbinſel kennen zu lernen. Ein zweimonatlicher Aufenthalt in Rom und deſſen Umgebung, ein vierwöchent⸗ licher an den Ufern der Meerbuſen von Neapel und Sa⸗ lerno, und ein gleichlanger auf der Inſel Sicilien über⸗ zeugten ihn, daß auch hier die Schilderungen der Touriſten nicht weniger zu wünſchen übrig ließen als in Toscana. Konnte auch, was der Verfaſſer ſelbſt hier zu geben im Stande war, keineswegs auf dieſelbe gründliche Orts⸗ und Menſchenkunde baſirt ſein wie dort, ſo durfte er doch hoſ⸗ fen, durch große Aufmerkſamkeit auf charakteriſtiſche Eigen⸗ thümlichkeiten der von ihm durchreiſten Gegenden, deren friſchen Eindruck er unabänderlich am Abend jedes Reiſetages wenigſtens in kurzen Bemerkungen feſtzuhalten bemüht war, ſo wie durch ſeine bereits erworbene Bekanntſchaft mit den naturhiſtoriſchen Producten, mit der Sprache und den Gebräuchen des Landes die Ausführung des Gedankens zu ermöglichen, in einer Reihe von Reiſeſkizzen ein deutliches und möglichſt vollſtändiges Bild des landſchaftlichen Cha— rakters der ganzen Halbinſel mit Einſchluß Siciliens zu zeichnen.
Dies Ziel hat der Verfaſſer auch erreicht, ſoweit es ſich vorübergehend erreichen ließ, denn allerdings iſt der⸗ ſelbe zu kurze Zeit in Unteritalien und im Kirchenſtaat geweſen, um über jene Länder erſchöpfend ſein zu können.
Seine Gemälde haben Treue und Echtheit der Local⸗
farben und eine ganz zuverſichtliche Wahrheit der einzelnen Erlebniſſe. Man wird ſofort davon überzeugt, denn nirgends finden ſich romantiſche, beſonders abenteuerliche Vorfälle. Dies iſt immer ein charakteriſtiſches Kennzeichen
Novellen⸗ Zeitung.
[V. Jahig.
und bietet eine intereſſante Beobachtung dar. Es fällt mir dabei die Verſicherung eines Mannes ein, welcher faſt fort⸗ ihrend reiſte und bis auf Island buchſtäblich ganz uropa durchzogen hatte.„Freund,“ ſagte er,„es iſt
kaum glaublich, ja es iſt zu toll: Ich bin nun bereits ſeit
funfzehn Jahren beinahe täglich unterwegs, und doch iſt mir noch, niemals etwas Weſentliches begegnet. Kein Räuber hat mich angefallen, keinen Seeſturm, kein Erd⸗ beben habe ich erlebt. Oft hatte es einen kleinen Anſchein, als ſollte ſich etwas ereignen, ein Vulcan fing an zu rauchen, die Wellen des Meeres oder eines See's kräuſelten ſich, ein verdächtig gekleideter Menſch mit einer Flinte lag am Graben neben dem Wege, und im Walde hörte ich ein ſeltſames Wolfsgeheul. Aber es ging Alles friedlich vor⸗ über: der feuerſpeiende Berg begnügte ſich ein paar Pfund Lava herauszuwerfen; der Seewind legte ſich und wir hatten eine gute Dampfſchifffahrt, der Mann mit dem Ge⸗ wehr war ein Jäger, und das Wolfsgeheul kam von dem alten Pudelhund eines Köhlers, welcher lange nichts zu freſſen bekommen hatte. So löſte ſich die romantiſche Ausſicht in Proſa auf. Höchſtens haben mich die Kellner geprellt, ein Taſchentuch iſt mir aus dem Rocke gezogen, man hat mich in manchem Lande mit den Päſſen chicanirt, und eine Locomotive iſt mit dem Zuge aus dem Gleiſe ge— ſprungen, jedoch ohne Jemand zu beſchädigen. Außerdem war es nicht der Zug, mit welchem ich fuhr, ſondern ein viel früherer. So, mein Theurer, geht es mit den euro⸗ päiſchen Reiſen! Leſen Sie aber dagegen meine Reiſewerke. Seltſame Vorfälle und Abenteuer auf allen zwanzig Seiten. Lauter Uebertreibungen und poetiſche Lügen! Aber das Publicum will es nicht anders. Da in der Welt ſo wenig Thaten geſchehn, muß man in den Büchern das Verſäumte nachholen.“
In dieſer Beziehung iſt Otto Speyer ein gediegener Wahrheitsfreund und zugleich kein Mann, der Waſſer in den Brunnen trägt. Er hat es nänlich vermieden, gewiſſe oft geſchilderte Punkte noch einmal zu berühren, und ſo fin⸗ den wir über Manches bei Neapel, Pompeji, Herculanum und Rom gar keine Erwähnung in ſeinem Buche.
Der Styl in demſelben iſt correct, gewandt und reich an Zeichnung und Farbe, durchaus aber nicht fein, ge⸗ ſchmackvoll und künſtleriſch gewählt. Es iſt die Redeweiſe eines Mannes, der ſich begnügt, ungeſchminkt und einfach darzuſtellen, was er geſehn hat, und der aufrichtig genug iſt, ſchon bei einer ſolchen Arbeit die tauſend Schwierig⸗ keiten zu empfinden, welche die Fülle des Materials und die nöthige ökonomiſche Sonderung des Stoffes bietet.
Sicher würde das Publicum nicht irren, wenn es die beiden Bände des Verfaſſers zu den tüchtigſten und beleh⸗ rendſten Werken zählt, welche bis jetzt über Italien er⸗ ſchienen ſind.
Bei Meline, Cans& Comp. in Brüssel erschien in neuer Auflage:
Histoire générale de la Civilisation en Europe
par G. Guizot.
1 starker Band.
180.
Preis 20 Ngr.
Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig.— Verlag von Alphons Dürr in Leipzig.— Druck von Gieſecke& Hevrient in Leipzig.
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