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der Teufel dabei auf den Schwanz treten könnte, wollte er ſich zurecht finden. Es will die Zuſtände in Chili und der Araucaner, ſeiner Ureinwohner, ſchildern. Wenn ich dagegen an des trefflichen Carl Andree Selbſtbiographie eines Indianers denke! Freilich ſpielt dieſe in ganz andern Stämmen, in ganz anderm Gebiet, am Red River. Aber was ändert das, wenn es ſich um das Gepräge der Wahrheit handelt? Schaf⸗Schaf⸗Wanne⸗Baſe(ich glaube zu deutſch der Falke) hieß jener Wilde und es war nicht einmal ein wirklicher, ſondern nur ein durch das Schickſal nachgemachter India⸗ ner, indem er als Knabe einem Farmer geraubt ward. Wie viel Licht aber, wie viel natürlich überzeugende Wirk⸗ lichkeit war in jenem monoton intereſſanten Buche, wenn der Held mit ſeinem Freund Wape⸗Tote Biberfallen auf⸗ ſtellte und Muſethiere jagte, die dann mit unglaublicher Gefräßigkeit verſchlungen wurden, ſo daß zwiſchen Ueber⸗ fluß und Hungersnoth die Jahreszeiten einige dreißig Mal wechſelten und ſich endlich unter zahlloſen kleinen und großen Unglücksfällen nichts weiter begeben hatte, als das Gewöhnliche, Wahrhaftige und Alltägliche, was eben des⸗ halb in dieſem Falle das Außerordentliche war! Hier konnte man in Leben und Leidenſchaften der Indianer blicken, wie ſie wirklich exiſtirten. Koonnte nun nicht Aimard ſeine Araucaner mit eben ſolcher Grundwahrhaftigkeit ſchildern, und muß man die Zuſtände ver⸗ drehen, weil ein Roman hineincomponirt wird? Dies gerade iſt ein Grund mehr, die Wirklichkeit um ſo natürlicher durchleuchten zu laſſen, wenn man ſich auch nicht zu ſcheuen braucht, in der chronologiſchen Zeitfolge, in der Zuſammenſtellung hiſtoriſcher Nebenperſonen u. ſ. w. einige Freiheiten zu begehn, wie ſie auch auf unſerm Terrain herkömmlich erlaubt ſind. Nun gibt es aber noch andere Fragen, welche den Roman im Allgemeinen angehn und welche gar nicht ſpecifiſch im Transat⸗ lanticum liegen. wenn man glaubt ein Land zu erreichen, in dem zwei mal zwei nicht ebenſowohl wie bei uns vier wäre, oder in dem man um die Ecke ſchießen könnte. In ſolchen Dingen iſt die Mathematik zum Aerger vieler Sonderlinge ganz unerbittlich, und eben ſo ſtörend für dieſe und beruhigend für alle Wiſſenden verhält es ſich mit den Grundwahrheiten der Pſychologie. 4 3 Gegen dieſe allgemeinen äußern und innern Geſetze der Wahr⸗ ſcheinlichkeit verſtößt der Verfaſſer in Bezug auf Motivirung, Folgerung, Verwicklung und Entwirrung ſeines Romans und all ſeiner hundert Zwiſchenepiſoden mit ſolcher Rapidität, daß man über eine Unmöglichkeit die andere lachend oder ärgerlich vergißt. Daſſelbe hat er bereits in ſeinem früheren beliebten Buche:„Die Trapper von Arkanſas“ gethan. 3 Ferner aber iſt ein anderer Umſtand unendlich beängſtigend, da ſich die Nachfolge davon bereits unter vielen deutſchen amerika⸗ niſches Terrain behandelnden Werken zeigt. Ich meine, was die Geſammtcompoſition anlangt, die furchtbar lockere, abenteuerliche und dabei überladene Schürzung der Intrigue, als könnte ſich jen⸗ ſeit des Meeres nichts natürlich, nichts nach und nach und echt epiſch entwickeln, als wüchſen die Ueberraſchungen, die horrenden Zu⸗ fälle, die ſeltſamen Ungeheuerlichkeiten wie Maulbeeren auf den Bäumen. In jeder Taſche hat der Schrifiſteller eine giftige Schlange, die er einem beim Leſen heimlich in den Nacken ſetzt, oder einen wahren Kanonenſchlag von Seelenſchreck, den er einem plötzlich unter der Naſe abfeuert. Dazu noch die jetzt auch in Deutſchland immer mehr einreißende Infamie, die einzelnen Ca⸗ pitel immer da abzubrechen, wo das Publicum mit Gänſehaut auf die Entwicklung einer Scene wartet, die gewöhnlich ein Meſſer⸗ kampf, eine beabſichtigte Erwürgung oder die liſtige Ueberreichung eines Giftbechers iſt. Ob das unglückliche Opfer, in der Regel ein armes Kind, trinkt, erfährt man erſt dreißig Seiten ſpäter, weil der Autor„bedauert, uns wegen einiger wichtigen Nebenum⸗
Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leivzig.
Man fährt nämlich vergebens nach Amerika,
Novellen⸗Zeitung.
[V. Jahrg.
ſtände wo anders hinführen zu müſſen!“ Mit einem Wort, ein ſolches Buch iſt nichts weiter, als ein geſchriebenes Nervenfieber, und das Publicum iſt zu beklagen, daß es ſich eine ſolche Krankheit ins Haus kommen läßt.
Es gibt einen alten Roman,„der Scharfrichter von Breiten⸗ feld“, und der darin beſchriebene blutdürſtige Schinder würde ge⸗ wiß die empörenden, das Gemüth quälenden Scheußlichkeilen gern geleſen haben, welche der Autor der weiblichen Heldin ſeines Werkes, der Linda(d. h. große Schönheit und Buhlerin zugleich), andichtet. Ich will ſchließlich nur ein Beiſpiel von der Rohheit der Schilderung in zuſammengedrängtem Auszug geben. Die republikaniſche Partei Chili's bat ſich des Generals und bekann⸗ ten Tyrannen Buſtamente bemächtigt, und ſeine Geliebte, die Linda, betzt Antinahuel, den Indianerhäuptling, gegen die Chilier, um Buſtamente, der als Gefangener in deſſen Heer mitgeführt. wird, zu befreien.—„Wir ſind verrarhen!“ ſchrie Antinabuel, „ſchlagt todt, ſchlagt todt!“ In der Schlucht auf beiden Seiten entſtand ein furchtbares Gemetzel.— In der Mitte der Kämpfen⸗ den ſprang Antinabuel wie ein Tiger umher, warf alle Hinderniſſe zu Boden und führte ſeine Genoſſen unabläſſig zu neuen Angrif⸗ fen vor, welche der verzweifelte Widerſtand ihrer Feinde zu ent⸗ muthigen begann. Die Linda folgte Antinahuel Schrilt für Schritt mit funkelnden Augen, zuſammengebiſſenen Lippen, wie ein wildes Thier, welches Blut durch alle Poren einathmet(!). Don Gregorio und Cornejo(Führer der Republikaner) vollbrachten Wunder der Tapferkeit, unter ihren Säbeln fielen die Indianer gleich reifen Früchten velche eine Stange vom Baume ſchlägt).
.‚Der General Buſtamente wendete ſich um und erblickte ſich plötzlich dem General Cornejo gegenüber, der ſein Pferd einen Haufen Leichen batte überſpringen laſſen. Nachdem die beiden Männer einen Blick des Haſſes ausgetauſcht hatten, ſtürmten ſie mit hocherhobenen Säbeln auf einander ein.
Der Zuſammenſtoß war furchtbar, die beiden Pferde brachen zuſammen. Der General Buſtamente war am Kopfe leicht ver⸗ wundet, dem General Cornejo hatte die Waffe ſeines Feindes den Arm durchbohrt. Buſtamente war mit einem Satze auf den Beinen; Cornejo wollte ſeinem Beiſpiel folgen, aber plötzlich drückte ein ſchweres Knie ſich auf ſeine Bruſt und warf ihn wieder zu Boden.„Buſtamente!“ rief mit dem Lachen eines Dämons die Linda, denn ſie war es,„ſieh, wie ich Deine Feinde tödte!“ Und ſie ſtieß mit einer gedankenſchnellen Bewegung ihren Dolch dem General ins Herz. Dieſer richtete auf ſie einen Blick der Verachtung, ſtieß einen ſchwachen Seufzer aus und regte ſich nicht mehr. Er war todt. Don Ramon(ein chiliſcher feiger Senatorz), ſchien aus der Größe ſeiner Gefahr ſelbſt Muth geſchöpft zu ha⸗ ben; der Wechſel des Kampfes brachte ihn der Linda in eben dem Augenblicke auf zwei Schritte nahe, als dieſe kalt(!) den Gene⸗ ral Cornejo erdolchte. Bei dem Anblick des abſcheulichen Mor⸗ des, den die Courtiſane beging, bemächtigte ſich Don Ramon’s eine unbeſchreibliche Wuth und ſeinen Säbel erhebend, ſchrie er: „Natter, ich will Dich nicht tödten, weil Du ein Weib biſt, aber ich will Dich wenigſtens in die Unmöglichkeit verſetzen, ferner zu ſchaden!“ Die Linda fiel, indem ſie einen Schmerzensſchrei aus⸗ ſtieß. Er hatte ihr das ganze Geſicht von oben bis unten geſpalten.
Dieſer Schrei einer verwundeten Hyäne war ſo entſetzlich, daß die Kämpfenden darüber erbebten; der General Buſtamente hörte ihn und mit einem Satze war er an der Seite ſeiner Mai⸗ treſſe, die, mit der Wunde, welche ihr Geſicht entſtellte, abſcheulich ausſah. Er beugte ſich von der Seite herab, ergriff ſie bei ihrem langen Haar und warf ſie vor ſich auf den Sattel(11)), dann drückte er ſeinem Pferde die Sporen ein und ſtürzte ſich in das dichteſte Gewühl.—.
Genug von ſolchen Stellen, deren das ganze Buch voll iſt. Ich freue mich nur über den Effect, welchen die eben mitgetheilte letzte Kraftſcene den Leſern machen muß. Ein ſchwer verwunde⸗ tes, großes, üppiges Weib bei den Haaren⸗ faſſen und über den Sattel werfen, das übertrifft doch ſelbſt alles noch nicht Dagewe⸗ ſene. Kein Friſeur wird es leſen, ohne an die Anfertigung einer vollſtändigen Perücke zu denken, welche dieſer Liebesdienſt nach ſich ziehen muß; wenn ich aber verſichere, daß die Linda allem Anſchein nach ihren Hauptſchmuck behielt, ſo werden ſich mir alle Leſer anſchließen und ſich von Herzen weiter nichts wünſchen, als die Haare dieſer verabſcheuungswürdigen Megäre.
— Verlag von Alphons Dürr in Leivzig.— Druck von Gieſecke& Devrient in Leipzig⸗
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