Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
576
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nonellen⸗

tungsart den reichſten Quell des Wiſſens und die höchſte Ruhe der Geſtaltungskraft, unterſtützt von der biegſamſten und ausgiebigſten aller ältern und neuern Sprachen, mit⸗ bringen.

Wohin der Literaturfreund blickt, überall ſteht er das Ringen, berühmte Koryphäen aus allen Sphären des Le⸗ bens im biographiſchen Roman zu verherrlichen, hiſtori⸗ ſche Perſönlichkeiten und Zuſtände zu fixiren oder wenig⸗ ſtens den ſelbſterfundenen Helden und Compoſitionen des Romans durch einen geſchichtlichen Hintergrund ein weithin leuchtendes, das tiefere Intereſſe doppelt feſſelndes Schlag⸗ licht zu geben. Die meiſten dieſer Arbeiten ſind vorläufig noch Verſuche, noch Studien zu nennen, denn mit wenigen Ausnahmen unterſcheiden ſie ſich kaum von denen früherer Decennien, welche vorzugsweiſe in hiſtoriſcher Gründlichkeit und liebevollem Ausmalen ihren Schwerpunkt fanden. Man ſchilderte den Geiſt der Zeiten, um ſomit den Geiſt der Menſchen zu ſchildern. Je näher man der wirklichen Kunſtform des Romans tritt, je mehr wird man den Geiſt der Menſchen ſchildern, um den Geiſt der Zeiten wiederzu⸗ geben, in welchem ſich jener ſpiegelt.

Die meiſten Arbeiten dieſer Art ſind bis jetzt nur Bauſteine, die man künftig wieder auseinander nehmen wird, um ſie als nützliches Material zum wahrhaften hiſtoriſchen Roman zu verwenden. Doch ſchon dies Her⸗ zutragen tüchtiger Werkſtücke durch hiſtoriſche Skizzen, biographiſche Genrebilder, novelliſtiſche Geſchichtsſtudien iſt ein willkommener Segen und bringt dem Publicum wieder Geſchmack bei für geſunde, kräftige Geiſteskoſt.

Zu dieſen trefflichen, friſchen und kernigen Erſcheinun⸗ gen gehören auch die hiſtoriſchen Bilder, welche Adolph. Streckfuß über Friedrich IJ. und die Quitzow's geſchrieben hat. Sie ſollen mit andern nachfolgenden Theilen vereint eine Gallerie bilden, in welcher die Entwickelung des jun⸗ gen preußiſchen Staats unter den Hohenzollern in charak⸗ teriſtiſchen Zeitgemälden und Figuren geſchildert iſt. Wie weit dies dem Verfaſſer gelingen mag, ohne einſeitig preu⸗ ßiſch und ſomit parteiiſch verherrlichend zu werden, wird ſich künftig zeigen. Die beiden vorliegenden Theile ſind intereſſant für alle Menſchen, welche ſich überhaupt für die Vergangenheit Deutſchlands und für alte Sitten, Gebräuche und folgereiche Begebenheiten der Geſchichte intereſſiren. Dazu kommt, daß das ganze Mittelalter mit ſeiner ge⸗ ſammten Bravourromantik und mit ſeinen Wegelagerern und Schnapphähnen hier vor unſern Augen in der alten Mark Brandenburg lebendig wird, und daß wir es im Kampfe mit dieſem einen Fürſten ſehen, der endlich nach lan⸗ gen Mühen und bei einem großen Aufwand von Tapferkeit,

Weisheit und gerechter Mäßigung in dieſes wüſte Treiben

Ordnung und Friede brachte. Der Verfaſſer tritt nach gründlichen hiſtoriſchen Stu⸗ dien ſtreng und ohne ſüßliche Vermittelung auf, denn er

Zeitung.

Schulze nennt, wird wenig Gutes oder Uebles von ſeinen Ahnen wiſſen, weil er überhaupt faſt gar nichts von ihnen weiß; wenn er nurvon Schulzeneck hieße, ſo würde er gewiß bald Mancherlei erfahren, doch es wäre vielleicht kaum etwas Schlimmeres dabei, als was man⸗ cher einfache mittelalterlicheSchulze ausgeführt hat. Dieſes Raubritterthema und dieſe ausgleichende Vermitt⸗ lung zwiſchen bürgerlichen und adligen Ahnen iſt in einem EpigrammAn einen Neugeadelten von einem Dichter behandelt worden, der mir unter allen am nächſten ſteht, nämlich von Otto Banck; wundern Sie ſich daher nicht, daß ich mich in Ermangelung eines Andern fragmenta⸗ riſch citire: .. Du neugebackner Herr von Heute, Du biſt ein Herr von Geſtern morgen ſchon Die Nüſtern ſtolz gebläht! und nichts bedeute Dir drum der erblichen Geſchlechter Hohn! Sie ſagen, daß charmant Du und untadlig, Doch könnteſt nie Du Ihresgleichen ſein, Und ſie erheben würdevoll und adlig Die Seele und das alte Naſenbein. Verdienſte hatten freilich ihre Ahnen, Die jetzt Dein Muth nicht mehr erringen kann: Sie zogen oft auf Räuberbahnen Und plünderten den Wandersmann. Dann ging's zur Burg und wer beim Rittereſſen Das Meiſte ſaufen kunt, kunt auch das Meiſte freſſen. Und ſchwuren ſtolz bei Bart und Maille: Rein ſei ihr Blut, wie ihre Weine! Und liebten dennoch heimlich Deine Urgroßmama, d die eijehdeCanaille, Derweil zu einer ihrer Frauen ſich Vielleicht Dein Urgroßonkel huldreich ſchlich. Was thut es, ob er Kutſcher war, ob Schuſter? In düſtern Zeiten war's auch Abends duſter! Von Deinen Ahnen weiß man nicht ſo viel Erbärmlich Rühmliches zu ſagen, Und ſchlugen ſie auch mit dem Beſenſtiel Einſt manchen Ritter auf den Magen, Daß hinterwärts er auf ſein Wappen fiel, s iſt nicht der Mühe werth danach zu fragen. Sii lebten, füllten ſich den Ranzen, Sie weinten, lachten und vermehrten ſich; So trieben ſie's fünftauſend Jahr im Ganzen Und endlich machten ſie auch leider Dich. Ja, könnte man durchſchaun das ganze Bündel Von unſer Aller Ahnen, fände man Viel niederträchtiges Geſindel, Wie man's nicht anders hoffen kann. Ein bunt gemiſchtes Publicum Von gut und bös und klug und dumm Und bürgerlich wie adlig, dann und wann Nur ſelten einen wahren Ehrenmann: Drum wolle nie auf Ahnenruhm Dich ſtützen, Du kannſt auf keinem fremden Hintern ſitzen! Nur die bewährte Kraft des eignen Lebens Schreibt Dir den Adelsbrief des edlen Strebens!

Dieſen Adelsbrief hatten ſich denn auch ſchon in da⸗ maliger Zeit viele wackere Bürger der Städte und aufge⸗ klärte Ritter ſelbſt ausgeſtellt, wie uns Streckfuß erzählt.

hält die Anſicht feſt, daß wahrhaft tüchtige Nachkommen

ſolcher vom damaligen rüden Zeitgeiſt irregeleiteten Ge⸗

ſchlechter ſich von der Wahrheit über ihre Vorfahren nicht verletzt fühlen können. Ein Mann von ſchlichter Herkunft hat hierbei immer einen Scheinvortheil, denn wer ſich bloß

Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig. Verlag

Der Autor hat ſeine Genrebilder leicht und loſe aneinan⸗ der gereiht, ohne die Geſtalten immer ökonomiſch auszu⸗ ützen. Aber er iſt ohne Peinlichkeit im Weſentlichen hiſtoriſch treu, und ſein Vortrag und Styl ſind trefflich und voll Einfachheit.

von Alphons Dürr in Leipzig. Druck von Gieſeche& Heorient in Leipzig⸗

Novell,

Feuillet Aus Aus

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