Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
544
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im Volke lebte und an der Bruſt der Natur athmete, das Volkslied als tiefſte, äußere Anregung in ſeinen Geiſt auf⸗ genommen, ganz wie jene beiden größten deutſchen Sprach⸗ bildner der Lyrik.

Was mußte es auf das Volk jener Tage, das ſang⸗ luſtig war und doch nicht immer ſeine alten bekannten Lie⸗ der wiederholen mochte, auf den nach wirklicher Poeſie ſtrebenden gebildeten Mittelſtand, auf die zahlreiche, mit Zopfliteratur geplagte Studentenjugend, ja vor Allen auf jene nach Beluſtigung und Erregung verlangenden Lords und Ladies für einen dämoniſchen Eindruck machen, wenn mitten in dieſer Dürre plötzlich ein wahrer Dichter auf⸗ trat und wenn ſich hieran noch der barocke,magnifique Reiz knüpfte, daß dieſer Dichter ein Bauer war! Gerade diejenigen Lieder, welche wir jetzt viel zu kräftig finden würden:

Bunter Wechſel iſt das Leben,

Wir beachten nicht, wie's geht;

Laßt die Sitte den erheben,

Der in gutem Ruf noch ſteht!

Hoch leb' Schnappſack, Beutel, Taſche!

Alles was das Land durchſtreicht!

Schatz und Kinder, Glas und Flaſche!

Hoch, daß es zu Lüften ſteigt!

Zum Guckuck, dies Geſetz beſchützen!

Freiheit iſt ein Göttergericht!

Höfe nur dem Feigling nützen,

Kirchen nur dem Pfaffengezücht! gerade dieſe Lieder in ihrem kecken Balladencharakter wa⸗ ren ein Hauptgout für die damalige vornehme Geſellſchaft, die ſich in ihrer hohlen Ueberfeinerung nach Schwarzbrod und Grobheit ſehnte. Burns ſchonte Niemand, und ſelbſt die geſchlagenen Leutchen des Salons fanden die mora⸗ liſchen Rippenſtöße pikant, welche er austheilte. Sagt doch Heinrich Heine einmal ſehr richtig in einem Verſe, den ich nicht auswendig weiß: In Aachen iſt es ſo lang⸗ weilig, daß ſelbſt am hellen Tage die Hunde auf der Straße liegen und ſchlafen. Gib ihnen doch einen Fußtritt, o Fremdling, vielleicht verſchafft ihnen das Unterhaltung!

Außerdem fanden die warmen, treuinnigen, hinſchmel⸗ zenden Liebeslieder von Burns, welche doch wieder ſo viel Heiterkeit, Lebensmuth, ſchöne Sinnlichkeit und coſtümirte Volkscharakteriſtik bekundeten, in allen wahrhaft empfin⸗ dungsvollen Herzen einen tiefſten Wiederhall, während die Ariſtokratie der Leſewelt darüber in dasjenige congeſtive Schmachten und Schwärmen des unbeſtändigen Herzens verfiel, welches ſich in verſchiedenen Zeiten mit verſchiede⸗ nen Formen repetirt, aber immer denſelben Werth hat, gleichviel ob es durch Goethe oder Oskar von Redwitz her⸗ vorgerufen wird. Aber auch für diejenigen, welche ſich für kirchliche Zuſtände, für politiſche Fragen und für oppoſitio⸗ nelle Ideen im Gebiete der Realphiloſophie intereſſirten, und welche Schichten der Geſellſchaft hätten dies bei den Britten je unterlaſſen? auch für dieſe rollte Burns ſein fliegendes Gedankenbanner auf! Indem er die Freuden und Leiden des Landmanns, des Bettlers, Landſtreichers, Schmugglers, Matroſen, des verworfenen Sünders und des wackeren Mannes beſang, beſang er die Luſt und das Wehe, das Erringen und Irren der Menſchheit überhaupt.

Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig. Verlag von Alphons Dürr in Leipzig

Novellen⸗Zeitung.

[V. Jahrg.

Er wurde von den Zeitgenoſſen gehört, man las ſeine Ge⸗ dichte noch bei ſeinen Lebzeiten, und wenn man darüben auch den Poeten vergaß und verkomuen ließ, ſo darf man deshalb den Leuten keinen Vorwurf machen, denn dieſe haben es noch immer dem Himmel überlaſſen, ſeine Nachti⸗ gallen und Lerchen ſelbſt zu füttern und zu beſchützen. Wollen wir uns darüber unterhalten, um wie viel ſchwerer es

für das heutige Publicum iſt, das Tüchtige unter der Ueberfülle

des Halben hervorzuſuchen? Laſſen Sie uns, werden Sie ſagen, dem Indifferentismus, der mit langen Ohren doch nicht hört, keine Eſelsbrücke bauen, laſſen Sie uns aber auch zur Beruhigung Aller, die es im Publicum aufrichtig meinen, die Thatſache feſt⸗ halten, daß es leichter iſt, bei geſundem Appetit unter fünf, als bei⸗ abgeſtumpfter, überſättigter Zunge unter fünfhundert Schüſſeln die beſte herauszufinden. Genug über dieſe Zeitverhältniſſe, die neben ihrem Unſegen auch wieder genug des Heils für Papier⸗ müller, Buchdrucker und Motten in ſich tragen, und endlich ſind es doch die materiellen Hebel, welche die Welt zuſammenhalten und dem Geiſt in ihr eine Stätte gewähren, auf welcher er ſich un⸗ genirt opfern kann.

Sie fragen mich nach meinem Urtheil über die vorliegenden Uebertragungen Burns'ſcher Gedichte von Heintze, der ſich bereits durch andere Verdeutſchungen aus dem Engliſchen beliebt gemacht hat. Ich finde, daß alle Ueberſetzungen von Poeſien in rhythmiſcher Geſtaltung ſtreng genommen eine Verſchiebung und gewaltſame Beſchädigung des Originals ſind; trotzdem aber können wir die⸗ ſelben nicht entbehren, und es kommt nur darauf an, das ur⸗ ſprüngliche Vorbild ſo wenig wie möglich zu verunglimpfen und doch in dieſer treuen Wiedergabe nichts zu bringen, was zwar den Grundtext nicht kränkt, dagegen aber die Eigenthümlichkeiten unſeres vaterländiſchen Sprachgeiſtes unbeachtet läßt und ung deshalb immer als etwas Fremdes entgegen tritt,kühl bis and Herz hinan.

Vor Allem aber nenne ich es wünſchenswerth, recht oftmals eine gute Ueberſetzung von Burns' Poeſien erſcheinen zu ſehn⸗ Nicht nur, damit wir Deutſche dieſen großen Lyriker mehr um mehr kennen lernen, was für alle Zeiten erſprießlich iſt, ſondern in gegenwärtiger Zeit hauptſächlich deswegen, weil unſer Publicum durch ſeichtes, prüdes, ſüßſentimentales Reimgeklingel, vermiſcht mit idylliſch orthodoxem Ochſengeläut, in ſeiner Geſchmacksrichtunge verwirrt worden iſt, und nicht genug flammende Seelenworte und geſunde rückhaltloſe Ausſprüche hören kann, um ſein Wohlgefallen an der koketten Aftermuſe zu verlieren. Burns iſt ein Ürquell, den die äſthetiſche Empfänglichkeit mit Vortheil trinken wird, wenn ihr überhaupt noch eine natürliche Brunnencur hilft.

In allen Uebertragungen nach Burns wird der moderne Leſer mit einer gewiſſen Averſion Verſe finden, wie:

Leg Deine Hand in meine, Maid,

In meine, Maid, in meine, Maid, Und bei dem weißen Händchen, Maid, Gelob mein Lieb zu ſein!

Solche Spielereien des Wortklanges, die im Schottiſchen oder Engliſchen ſich auf Vorgänge des Volksliedes ſtützen und fün dortige Ohren gar heimiſch reizend ausnehmen, ſind ganz gegen unſern deutſchen Sprachgenius, und die Ueberſetzer geben ſie nun als Sonderbarkeit wieder. Statt ſich an dergleichen zu ſtoßen, wie dies von vorurtheilsvollen Menſchen geſchehen iſt, die einen raſchen Sinn mit beſchränktem Kopf verbanden, wird man gut thun, ſich an der Ueberfülle derjenigen Lieder zu erfriſchen und zu läutern, die unendlich mächtiger ſind, als ſo Vieles, was die mo⸗ dernen Ueberſetzer unſern Leſern aus Italien, Spanien und aus dem auf ſeiner Weisheit und Klugheit hart darniederliegenden Orient geſchleppt bringen. Die Ausſtattung des Bändchens iſt durch außerordentlich geſchmackvollen Breitkopf und Härtelſchen Druck ſehr empfehlenswerth und zur großen Verbreitung geeignet.

Endlich bemerke ich noch, in den Uebertragungen von Georg Pertz, welcher gleichfalls Burns'ſche Gedichte in kleinerer Aus⸗ wahl mitgetheilt hat, eine ſehr vortrefflich geſchriebene Biographie unſeres Dichters von Albert Traeger mit vielem Vergnügen geleſen zu haben.

Druck von Gieſeche& Devrient in Leipzig⸗

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