Und er eilte nach ſeinem Schreibpult, nahm aus deſſen Schublade zwei Rollen, jede mit fünfhundert Gulden, warf ſie auf den Tiſch und rief:„Da habt Ihr, was ich beſitze, bis auf den letzten Pfennig! Meinen Unterhalt für die nächſte Zeit,— mein Reiſegeld,— meine Hoffnungen und mein Glück! Jetzt den Wechſel und—“ Er konnte vor Er⸗ regung nicht weiter ſprechen, aber er riß Johann das unſe⸗ lige Papier, das dieſer vorhin hervorgeholt, aus der Hand, zerriß es in kleine Stückchen und warf ſie Johaun vor die Füße,— dann nahm er ſeinen Hut und ſtürzte davon.“
Scenen dieſer Art gab es leider viele in Leben Beet⸗ hoven's, und man muß über die Weltfügungen erſtaunen, einen ſo wundervoll noblen Geiſt, deſſen Handlungsweiſe immer voll brüderlicher Liebe und hochherzigem Edelſinn blieb, mit ſo gemeinen Verhältniſſen zuſammenzuwürfeln.
Fragen wir nach der Art der Sprache und dem äſthe⸗ tiſchen Takt des Verfaſſers, ſo werden Sie finden, daß beide auf einem geringen autodidaktiſchen Standpunkt ſtehn. Der Styl iſt gewöhnlich, derb, ohne Wahl und Feinheit; die Correctheit der höheren Grammatik fehlt nicht ſelten, eine Erſcheinung, die übrigens nichts Befremdendes hat, da ſie heut zu Tage bei den meiſten literariſchen Productio⸗ nen angetroffen wird. Ein dicker Farbenauftrag, eine breite Wiederholnng rhetoriſcher Wendungen und ein liebe⸗ volles Ausmalen von Nebendingen ohne feine Wahl ver⸗ leiten den Autor oft zur Breite und Plumpheit.
In Bezug auf den Humor iſt ein breites, gleichfalls ins Materielle gehendes Talent vorhanden, wie ſich aus den Scenen mit dem Schauſpieler Lux und dem Doctor Graufenchelchen ergibt. Faſt kein Capitel aber iſt frei von einer gewiſſen bravourmäßigen Schablonenarbeit, die viel routinirtes Geſchick mit vieler Keckheit und literariſchen Rückſichtsloſigkeit verbindet.
Was aber ſchaden all' dieſe Fehler, wenn eine be⸗ deutungsvolle Geſtalt überall mit Wärme ausgemalt und nirgends ſo behandelt iſt, daß man ſagen kann, es wäre ihrer ſittlichen oder poetiſchen Ehre zu nahe getreten! Auch gegen das Publicum und den Kunſtgeſchmack übt der Autor eine lobenswerthe Schärfe, indem er rückſichtslos die Verbrechen geißelt, die man gegen Beethoven und die Muſen der Muſik verübt hat.
„Freilich,“ ſagt der Verfaſſer,„ſollte dasjenige, was
die Menſchen einmal für groß, edel und ſchön erkannt
haben, auch für alle Zeiten in ihren Augen groß, edel und ſchön bleiben; aber leider darf auch hier die Mode mit⸗ reden, dies Schooßkind menſchlicher Schwachheit!— Alles iſt dem Wechſel unterworfen!— So war es denn auch die Geſinnung und der muſikaliſche Geſchmack der Wiener.
„Mit Staunen, mit Begeiſterung, mit Jubel und Ent⸗
zücken hatte man ſeiner Zeit die deutſche Muſik, die deutſche
Novellen⸗Zeitung.
Oper und ihre ſtrahlenden Größen: Gluck, Haydn, Mozart und Beethoven, begrüßt. Für Letztern gab es ſogar einen wahrhaften Cultus, der an Vergötterung ſtreifte.
„Waren es nicht die Erſten der Nation, die Ludwig van Beethoven geradezu auf den Händen trugen? Standen ap der Spitze ſeiner zahlloſen Verehrer nicht alle Größen des Adels, der Wiſſenſchaft und Künſte? Gehörten ihm nicht die Herzen Aller? War es nicht der Stolz des geringſteu Wieners, Beethoven zu ſeinen Mitbürgern zu zählen?
„Seit Gluck's und Mozart's Tod ſchwärmte man in Wien für die deutſche Oper, ſeit Händel und Haydn für die deutſchen Oratorien; ſeit Beethoven für die Sympho⸗ nie! Aber den Sieg der Siege trug doch Letzterer zur Zeit des Wiener Congreſſes davon;— zu jenen Zeiten, da Kaiſer und Kaiſerinnen, Könige und Königinnen, Fürſten und Fürſtinnen, ja, die ganze Maſſe der diplomatiſchen und militäriſchen Congreßgrößen um ſeine Gunſt ſich mühten;— da er wie ein„Groß⸗-Mogul“ in den Sälen des Erzherzog Rudolph und des Fürſten Raſumofsky die Huldigungen der Potentaten Europas entgegennahm;— zu jenen Zeiten des großen Beethovenconcertes, da ſich jauch⸗ zend alle Welt erhob, ihn, Ludwig van Beethoven, als die unumſchränkte Majeſtät, als den erhabenſten Herrſcher im Reiche der Töne anzuerkennen!
„In der That, Beethoven ſtand von jener Zeit an der öffentlichen Meinung gegenüber wie ein Fürſt da! Nie hatte bis dahin ein Muſiker dieſe ſchwindelnde Höhe ſtolzer Anerkennung erreicht, nie wird ſie einer wieder erreichen!
„Und wie ſtand es denn jetzt, zehn Jahre ſpäter, in Wien? Die deutſche Muſik war bei den Wienern der italie⸗
niſchen erlegen! Ludwig van Beethoven war—— über Roſſini—— von der Menge vollſtändig vergeſſen! Als
das erſte italieniſche Solfeggio in jenen Kunſthallen ſich vernehmen ließ, war auch die Verabſchiedung der deutſchen Oper ſo gut als unterzeichnet. Und Beethoven?!—— Als Herrſcher in ſeinem Reiche war er von der Menge, der Vornehmen wie der Bürgerlichen, ſo gut als vergeſſen— vergeſſen, als hätte er nie exiſtirt, und keine andere Ehrenbezeigung wurde ihm mehr zu Theil, als die äußere Achtung.“
Was kann man vom Publicum heut zu Tage Beſſeres ſagen? Unter ähnlichen Verhältniſſen würde es ſich immer wieder ähnlich benehmen, denn die Neigungen der großen Maſſe gründen ſich nicht auf Erkenntniß und Einſicht, ſondern auf Laune, Liebhaberei und Tagesmode. Der Genius aber iſt dazu da, daß der Undank der Welt, die nichts für ihre Schwäche und Blindheit kann, an ihm er⸗ füllt werde, und daß er durch ſein leuchtendes Ueberdauern ſeiner Vergeſſenheit endlich der wahren Schönheit und echten Kunſt den Sieg verſchaffe!—
Bei Meline, Cans& Comp. in Brüssel erschien in
neuer Auflage:
Histoire générale de la Civilisation en Europe
par G. Guizot.
1 starker Band.
Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig.— Verlag von Alphons Hürr in Leipzig.— Druck von Gieſeche& Devrient in Leipzig.
18⁰. Preis 20 Ngr.
[V. Jahrg.
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