Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
514
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Novellen⸗Zeitung.[V.

ALBM.

Friedrich Bodenſtedt.

Mirza Schaffy.

Nicht mit Engeln im blauen Himmelszelt, Nicht mit Roſen auf duftigem Blumenfeld, Selbſt mit der ewigen Sonne Licht Vergleich' ich Zuleikha, mein Mädchen, nicht!

Denn der Engel Buſen iſt liebeleer,

Unter Roſen drohen die Dornen her,

Und die Sonne verhüllt des Nachts ihr Licht: Sie alle gleichen Zuleikha nicht!

Nichts finden, ſo weit das Weltall reicht, Die Blicke, was meiner Zuleikha gleicht Schön, dornlos, voll ewigem Liebesſchein, Kann ſie mit ſich ſelbſt nur verglichen ſein!

Seh' ich Deine zarten Füßchen an, So begreif ich nicht, Du ſüßes Mädchen, Wie ſie ſo viel Schönheit tragen können!

Seh' ich Deine kleinen Händchen an, So begreif' ich nicht, Du ſüßes Mädchen, Wie ſie ſolche Wunden ſchlagen können!

Seh' ich Deine roſgen Lippen an, So begreif' ich nicht, Du ſüßes Mädchen, Wie ſie einen Kuß verſagen können!

Seh' ich Deine klugen Augen an, So begreif' ich nicht, Du ſüßes Mädchen, Wie ſie nach mehr Liebe fragen können,

Als ich fühle. Sieh mich gnädig an! Wärmer als mein Herz, Du ſüßes Mädchen, Wird kein Menſchenherz Dir ſchlagen können!

Hör' dies wonnevolle Liedchen an! Schöner als mein Mund, Du ſüßes Mädchen, Wird kein Mund Dir Liebe klagen können!

Kind, was thuſt Du ſo erſchrocken,

Was hebt ſchüchtern ſich Dein Fuß,

Faſſ' ich tändelnd Deine Locken,

Naht mein Mund ſich Dir zum Kuß? Was ich biete, was ich ſuche, Laß Dichs, Mädchen, nicht betrüben: Denn ſo ſteht's im Schickſalsbuche Mir urzeitlich vorgeſchrieben!

Ja, voll hohem Glauben bin ich,

Glaub' an Allah und Koran!

Glaube, daß ich Dich herzinnig

Lieben muß und lieben kann! Andern ward ihr Loos zum Fluche Mir zum Segen und zum Lieben: Denn ſo ſteht's im Schickſalsbuche Mir urzeitlich vorgeſchrieben!

Beut die Liebe Dir Bedrängniß? Scheuche lächelnd Angſt und Pein! Denn erfüllt muß das Verhängniß Meines ſtolzen Herzens ſein! Ob ich ſinne, ob ich ſuche, Keine Andre kann ich lieben: Denn ſo ſteht's im Schickſalsbuche Mit urzeitlich vorgeſchrieben

Hoffſt Du einſt dort auf Belohnung Nach vollbrachter Erdenbahn, Nimm Dich ſelbſt auch hier voll Schonung, Meines armen Herzens an! Keines Andern Minne ſuche, Füge, zwing' Dich, miich zu lieben! Denn ſo ſtebt's im Schickſalsbuche Dir urzeitlich vorgeſchrieben!

Nimm dies duft'ge Lied und lies es,

Lauſche ſeinem Zauberton

Es verheißt des Paradieſes

Seligkeit auf Erden ſchon! Andres Glück dort oben ſuche, Doch hienieden laß uns lieben: Denn ſo ſteht's im Schickſalsbuche Uns urzeitlich vorgeſchrieben!

Wie vom Hauch des Morgenwindes Sich der Kelch der Roſe regt, Sei das Herz des lieben Kindes Von des Liedes Hauch bewegt! Sie gewähre, was ich ſuche, Was mich toll zu ihr getrieben: Denn ſo ſteht's im Schickſalsbuche Ihr urzeitlich vorgeſchrieben!

Mein Herz ſchmückt ſich mit Dir, wie ſich Der Himmel mit der Sonne ſchmückt Du gibſt ihm Glanz, und ohne Dich Bleibt es in dunkle Nacht entrückt;

Gleich wie die Welt all' ihre Pracht Verhüllt, wenn Dunkel ſie umfließt, Und nur, wenn ihr die Sonne lacht, Zeigt, was ſie Schönes in ſich ſchließt!

Wenn dermaleinſt des Paradieſes Pforten Den Frommen zur Belobnung offen ſteh'n, Und buntgeſchaart die Menſchen aller Orten Davor in Zweifel, Angſt und Hoffen ſteh'n:

Werd' ich allein von allen Sündern dorten Von Angſt und Zweifel nicht betroffen ſteh'n, Da lange ſchon auf Erden mir die Pforten Des Paradieſes durch Dich offen ſteh'n!

Die Lieder des Mirza⸗Schaffy, mit einem Prolog von Friedrich Bodenſtedt. Sechſte Auflage. Berlin, 1859. Verlag der königl. Geheimen Ober⸗Hofbuchdruckerei(R. Decker).