Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
512
Einzelbild herunterladen

512 Novellen

hinweg gelöſcht vom Kampfplatz ſeiner Siege, wo iſt da die Ewigkeit der Wirkungen, die unſer Troſt ſein ſoll? Es iſt eine ernſte Frage, Streit zwiſchen Hoffnung und Zweifel und den ungeheuren Stoff der Reflexionen baut der Dämon der Forſchung vor uns auf.

Man hat in Amerika, ich glaube in der Gegend von Lima, in den tiefſten Schichten des Diluviums eine große Anzahl von Menſchengerippen gefunden. Die Schädel ge⸗ hören derſelben Race an, welche noch jetzt dort lebt. Einer untrüglichen wiſſenſchaftlichen Berechnung nach iſt es jetzt mindeſtens 45,000 Jahre her, daß jene Menſchen lebten. Nun halte man dagegen die Erzählung von Adam und Eva und rede noch von Weltgeſchichte! Was wiſſen wir denn? Wieviel Culturperioden, vielleicht in ihrer Art höher, als die unſere, können auf der Erde ſchon beſtan⸗ den haben? Alles iſt verſchwunden und wird wieder ver⸗ ſchwinden in dem endloſen Abgrund der Zeit. Die Hi⸗ ſtorie, ſo weit ſie für unſer Wiſſen zurückreicht, iſt dagegen nur eine Eintagsgeſchichte und die ſo alt und urſprünglich gewähnten Indier, Egypter, Griechen ſind ſämmtlich von geſtern. Da aber, wo die grauen Pyramiden ſtehn, ſtan⸗ den vor ihnen vielleicht ſchon zehn andere Giganten an der⸗ ſelben Stelle, langſam vom Zahn der Zeit zernagt. Spu⸗ ren davon fanden wir ſchon. Wie in Amerika, ſo war es auch in den übrigen Erdtheilen, ſo auch bei uns. Nun finde noch Einer im Antediluvium verſteinerte Menſchen⸗ knochen auf, und unſer Planetengeſchlecht bekommt eine Alterszulage von vielen hunderttauſend Jahren.

Die Erde iſt vielleicht zu vielen uralten Epochen eirca gleichmäßig bevölkert geweſen, deren Zahl nur Schwan⸗ kungen, wie Ebbe und Fluth, unterworfen war. Kriege, Epidemien, Erdumwälzungen, Culturzuſtände, Ein⸗ führung des Ackerbaues, klimatiſche Veränderungen führ⸗ ten ſie herbei. Das Ganze glich ſich aus im Lauf der Zeiten, denn Jahrtauſende ſind nur die Einer, nach denen die Planetenwelt ihre Jahre zählt. Die Gegenwart, in welcher die Lebenden ein wenig voraus⸗ und ihrem Wahne nach eine lange Strecke zurückblicken können, gleicht einem Nordlichtſchein, der ſich mit Allem, was in ſeinem Lichte wandelt, am Horizont der Zeit heraufzieht. So ſtreift die Gegenwart, dieſer erleuchtete Kreis, weiter, doch endlich liegt Alles, was vor ihr, hinter ihr und in ihr noch hell war, in ewiger Dunkelheit weit, weit zurück. Dieſes Wiſ⸗ ſens Stoff iſt erſchütternd und übermächtig. Was dar⸗ über geſchrieben wird, wird die Bibel der Naturgeſchichte ſein. Und dieſe Betrachtung von der Reihe ununter⸗ brochener Endlichkeiten, welche eine die andere verdrängt, ſo daß nicht von Einzelweſen nur, nein, daß von Natio⸗ nen die letzten Spuren verlöſcht ſind, welche uns ihr Da⸗ ſein verkünden, dieſe Betrachtung von der Vergänglich⸗ keit würde, wenn ſie wirklich voll Wahrheit wäre, nur Schmerz und Demuth verbreiten, ſobald wir die Großheit irdiſch⸗überirdiſcher Menſchengewalt bewundernd ins Auge faſſen. Iſt es doch nur das Individuum, welches uns in der Weltgeſchichte intereſſirt, welches wir lieben oder an⸗ ſtaunen, da es der Gradmeſſer für die Maſſenentwicklung, die directe Verkündigung vom Willen des Höchſten iſt.

Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig. Verlag

Zeilung.

Alles große Streben aber hat das Begehren nach Ewig⸗ keit, und wir wünſchen Ewigkeit für daſſelbe. Cs wird dieſelbe auch finden, und wenn es ſich auch als Factum ausſprechen läßt, daß kein Name je auf Erden genannt worden, der nicht endlich in den Dämmerungskreiſen der Vergangenheit wieder ſchwindet. Ewigkeit hat nur der Einfluß der That. Aus ihr entſpringt die immer fort⸗ zeugende Folge von Urſache und Wirkung, deren endloſe Wellenbewegungen ſich unberechenbar weiterpflanzen und ſchneiden gleich Waſſerringen in dem durch die That be⸗ wegten Ocean der Zeit.

Den Menſchen aberiſt es gegeben, zu binden und zu löſen den Zauber der Vergeſſenheit, welcher ſo gern wie ein kal⸗ ter Nebel die Perſonen verhüllt, während ſich ungeahnt und unerkannt die Segnungen ihres Genius durch alle Zeiten ziehn. Die Dankbarkeit der Menſchen ſollte ihn löſen, jenen Zauberbann, damit wenigſtens um einige Jahr⸗ zehnte früher und um einige Jahrtauſende länger ſich Ge⸗ ſchlecht um Geſchlecht die Geſchichte der großen Heroen zu⸗ ruft, die ſich begeiſtert opferten für das Hohe und Schöne dieſer Erdenexiſtenz.

Jede hohe, edle Menſchengröße, die in die Welt tritt, iſt eine Prüfung für das Erkenntnißvermögen der Mit⸗ menſchen, die Güte der ewigen Macht freudevoll zu wür⸗ digen. Hierbei zeigt ſich der Werth oder die Unzulänglich⸗ keit des lebenden Geſchlechts. Je erhabener und ernſter das Phänomen, je länger wird man es negiren.

Beethoven's Erſcheinung war eine ſolche Frage an die Würde und Gediegenheit der Zeit. Die meiſten Antwor⸗ ten ſind dabei zu Schanden geworden. Doch man muß dagegen mild ſein, da es nicht wohl anders gehen kann, wenn das Ungeheure die Sterblichen überkommt und ihnen

Jahrhunderte weit vorausſcheitet, groß und unnahbar, (lieblich und furchtbar prächtig zugleich und verſengend end⸗

lich für die zitternden Nerven, die mit ſich ſelbſt im Kampf ſind. Verwirrten ſich doch die Begriffe der alten Völker lange über die Vewegung der Planeten, und das zu Weite und Hohe war ihnen nur eine funkelnde Zierde, um unſrer Erde ihren Himmel zu ſchmücken. Wohlan denn, die Werke des Genius, die über den aufblickenden Geiſtern ſchweben, bilden auch ein Firmament!

Aber der Schleier zerreißt und die Verwirrung weicht endlich, wie bei Allem was erhaben iſt, lichtgeboren und lichtgebärend! Die zaudernden Seelen werden wach, eine erweckt die andere, und mit zitternder Seherhand zeigt

der Menſch dem Menſchen, was ihnen von droben gegeben

ward!

Und wie nun in künftige Fernen hin der Ruhm des Meiſters fortſtrahlen wird, ſo muß ihn jedes Dichterherz beneiden. Hat er doch im reinſten Stoff geſchaffen, der keiner Wandlung unterliegt.

Wenn unſer Deutſch verklungen iſt und mit ſo vielen andern den todten Sprachen angehört, ſo werden ſeine Töne noch reden, Allen verſtändlich!

(Schluß folgt.)

von Alphons Dürr in Leipzig. Druck von Gitſecke& Devrient in Leipzig.

[V. Jahrg.

errSS/T C

N.

zer

um