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Der Polizeiſpion.
(Fortſetzung.)
v. Eine Scene des Abſchieds.
Kaum hatte Amaliens Vater ſich auf die beſchriebene Weiſe heimlich entfernt, als der Lieutenant, Graf Maien⸗ burg, gemeldet wurde.
„Er würde willkommen ſein,“ ſagte Amalie dem Die⸗ ner, und während dem Eintretenden die Thüre geöffnet wurde, erhob ſie ſich von dem Divan, preßte beide Hände gegen die Bruſt und flüſterte beklommen:
„Muth! Kraft!“
Arthur trat ein und machte der ſchönen Frau eine ehr⸗ erbietige, ceremoniöſe Verbeugung; kaum aber hatte der
Bediente die Thür hinter ihm zugeſchloſſen, da ſtürzte er
mit weitgeöffneten Armen vorwärts, rief mit dem Tone der feurigſten Liebe:„Meine Amalie!“ und wollte die junge Frau an ſeine Bruft ſchließen. Sie aber trat raſch einen Schritt zurück, ſtreckte die Hand abwehrend gegen ihn aus und ſagte mit ernſtem, beinahe ſtrengem Tone:
„Nicht alſo, Herr Graf!“ 1
Wie angewurzelt blieb Arthur ſtehen und blickte ſtau⸗ nend auf die junge Frau; denn einen ſolchen Empfang erwartete er nicht. Schnell aber hatte er ſich von ſeiner Ueberraſchung erholt, und mit dem Tone ſanften Vor⸗ wurfs ſagte er:
„Amalie, verdiene ich dieſe Kälte? Ließ mich nicht das beglückende Geſtändniß Ihrer Liebe, ließ mich nicht die be⸗ ſeligende Zuſage, Sie heute, zu dieſer Stunde, allein zu finden, hoffen—“
„Was Sie gehofft haben, Herr Graf,“ fiel Amalie ihm in das Wort,„mag ich nicht wiſſen; zu welchen Hoff⸗ nungen meine Thorheit, meine Unbeſonnenheit Sie berech⸗ tigt haben, will ich nicht unterſuchen; wohl aber fühle ich mich Ihnen zu einer Erklärung verpflichtet.— Setzen Sie ſich alſo dort, mir gegenüber, und hören Sie ruhig an, was ich Ihnen zu ſagen habe.— Nach dem, was zwiſchen uns vorgefallen iſt, bin ich Ihnen beſonders, aber mir ſelbſt, dieſe Auseinanderſetzung ſchuldig.“
Sie nahm auf dem Divan Platz, er aber ſetzte ſich ſchweigend, mit geſteigertem Erſtaunen ihren Worten ent⸗ gegenſehend, auf den Stuhl, den ſie ihm angedeutet hatte.
„Herr Graf,“ begann ſie nach einer Pauſe, die ihr ſehr peinlich war, da ſie ſich wegen eines paſſenden Ein⸗ ganges verlegen fühlte,„über unſere Gefühle ſind wir nicht Herr; ich kann über mich ſelbſt daher auch kein Ver⸗
Novellen-Zeitung.
mit Sie nach dem, was ich zu thun beſchloſſen habe, keine
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dammungsurtheil ausſprechen, daß ich mich durch Ihre mir auf eine ſo zarte Weiſe kund gegebene Liebe, nament⸗ lich aber durch die ausgezeichneten Eigenſchaften, die ich an Ihnen zu bemerken glaubte, bewegen ließ, Ihnen meine Gegenliebe zu ſchenken.— Durch das Gefühl ſelbſt machte ich mich weder gegen mich, noch gegen meinen edlen Gat⸗ ten eines Vergehens ſchuldig,— ich hätte das Gefühl bekämpfen, jede Aeußerung deſſelben ſtreng unterdrücken ſollen. Daß ich dies nicht that, daß ich Sie, vielleicht mir ſelbſt unbewußt, ermuthigte, mir das Geſtändniß Ihrer Liebe abzulegen, daß ich in einem unbewachten Augenblicke mich ſogar ſo weit fortreißen ließ, Ihnen meine Gegenliebe zu geſtehen und Ihnen, was noch mehr ſagen will, auf Ihr dringendes Bitten dieſe halb heimliche Zuſammeakunft zu geſtatten,— das iſt ein großes Unrecht, gegen mich ſelbſt,— gegen Gott,— beſonders aber gegen meinen edlen Gemahl, der mich durch ſein unbedingtes Vertrauen ehrt und dem ich eben ſo ſehr zur Achtung, wie zur Dank⸗ barkeit verpflichtet bin.“
„Aber theure Amalie,“ unterbrach Arthur ſie,„wie können Sie—“
„Nicht mehr dieſen vertraulichen Ton,“ fiel ſie ihm ſtrenge in das Wort,„wenn Sie mich nicht ernſtlich be⸗ leidigen und für die Folge de Berührung zwiſchen uns unmöglich machen wollen:““
Dieſe Worte ſchienen im Hintergrunde eine Hoffnung leuchten zu laſſen, welche im Widerſpruche zu dem ſtrengen Tone ſtand: Arthur ſchwieg daher zwar, allein er konnte ſich eines zufriedenen Lächelns nicht erwehren. Amalie bemerkte dies nicht, oder wollte es nicht bemerken, und fuhr nicht ganz ohne eine ſichtliche Aufregung fort:
„Da ich Ihnen meine Liebe einmal geſtanden habe, wiederhole ich Ihnen hier nochmals das Geſtändniß, da⸗
falſche Meinung von mir hegen mögen.— Ja, Graf Maienburg, ich liebe Sie, liebe Sie von ganzer Seele und würde mich glücklich ſchätzen, wenn die Verhältniſſe mir geſtatteten, die Ihrige zu werden.— Da dies aber nicht ſein kann, darf meine Schuld nicht größer werden, als ſie ohnedies bereits iſt. Ich will meiner Liebe zu Ihnen, Ihrer Liebe zu mir würdig bleiben. Damit dies aber möglich ſei, iſt es unerläßlich nothwendig, daß wir uns hinfort nur aus der Ferne und als einander völlig Fremde ſehen, bis—“
Sie hielt ſtockend inne, er aber ſchöpfte aus dieſem einen Worte neue Hoffnung, ſprang auf und rief, indem er ihre Hand erfaſſen wollte:
„Bis?— Sprechen Sie es aus, das beglückende Wort, und welche Bedingung Sie mir auch auferlegen


