Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
496
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welchen die beiden Verſtoßenen vom Schickſal ausgeſetzt worden, ſoll die außergewöhnliche Stellung vorbereiten und entſchuldigen, welche ſie ſelbſt ſpäter der Wolt und ihren Anſchauungen gegenüber einnehmen. Etwas ängſt⸗ lich vielleicht, aber anerkennenswerth. Trotz der ein⸗ gehendſten Kenntniß des Lebens und ſeiner Verhältniſſe, bei einem ſicheren Blicke, der die geheimſten Windungen der menſchlichen Bruſt verfolgt, athmet in Sophie Verena's Erzählungen eine faſt ſcheue Mädchenhaftigkeit, die einen Schleier über das Geſchriebene deckt; ſo macht ſie eine anmuthende Ausnahme von den meiſten unſerer ſchreibenden Damen, bei denen die Frau verliert, was die Schriftſtellerin gewinnt.

Wie Matteo eine ſcharf und glücklich gezeichnete Figur, die mit ihrer überwältigenden Individualität den Eindruck vollſter Wahrheit macht, und an der ſelbſt die eigene Kritik ſeiner Schöpferin uns nicht irre werden läßt, ſind auch die anderen Perſonen ohne Ueberſpannung und ein⸗ heitlich angelegt wie durchgeführt. Unſerem Gefühle widerſtrebt es jedoch, daß Helene als eine wohl rettungs⸗ los Schwindſüchtige ſich darſtellt. Wozu? Die Theilnahme für ihre Heldin dadurch zu erhöhen, hat die Verfaſſerin ſicher nicht beabſichtigt, deren feiner Takt jene erbärmliche Koketterie verachtet, die in Büchern und in der Geſellſchaft mit Bruſtthee und Halsſchmerzen ſich intereſſant zu machen ſucht. Soll Matteo's Strafbarkeit vergrößert werden? Wir wiederholen nochmals, er hat keine ihm zuzurechnende Verſchuldung. meidlichkeit mit ſich ſelbſt ausſöhnen? Die Erfindung darf nicht ſchonender ſein, als die Wirklichkeit; und dieſe reißt das Geliebteſte von unſerer Seite, auch ohne daß es

jahrelang den Keim des Todes in ſich getragen. Es macht

einen beklemmenden Eindruck, die beiden Männer um eine Sterbende, alſo zweck⸗ und ziellos, kämpfen zu ſehen, und die Seelenleiden der armen Dulderin erhalten ſo auch noch eine uns ſchmerzlich berührende körperliche Seite. Um jedoch derartige Bedenken gegen die Conception dieſes Buches in ſich aufkommen zu laſſen und feſthalten zu können, muß man ein Kritiker ſein und undurchdring⸗ lich gegen jede Verführung gewappnet; wer das Wachs des Odyſſeus nicht in den Ohren hat, erliegt wider⸗

Novellen⸗Zeitung.

Oder ſoll das Ende durch ſeine Unver⸗

[V. Jahrg.

Nerven, ſelbſt wenn ſie krank und angegriffen; ganz das⸗ ſelbe Wohlbehagen erwecken die Erzählungen dieſer Schriftſtellerin, wir hören ſie mehr, als daß wir ſie leſen. Der warme Hauch, der ſchon aus dem Titel:Ein Sohn des Südens uns anweht, geht durch das ganze Buch, die Schilderung, die Sentenz ſind das Werthvollſte und Bedeutendſte daran und ſtehen hoch über der Erfindung, ja theilweiſe über der Charakteriſtik. Ein ſo ungewöhn⸗ liches Talent der D ction hat ſeine gefährlichen Seiten für Autor und Publicum, wie das glänzende Colorit eines Gemäldes verdeckt es manche Mängel der Zeichnung und trübt den ſcharfen Blick des geblendeten Auges. Die Begabung unſerer Verfaſſerin iſt dabei keine einſeitige; obſchon überall auf gleicher Höhe, wechſeln Färbung und Ton auf das Entſprechendſte, ſie idealiſirt und individua⸗ liſirt zu gleicher Zeit, Beſtrebungen, die bei minderem Geſchick ſich ſtets ausſchließen. Eine ungetheilte und entſchiedene Anerkennung aber müſſen wir ſchließlich noch ihrem Charakter zollen, das Seltenſte, was heutzutage bei Menſchen und Büchern angetroffen wird. Jede Seite zeugt von einem hohen ſittlichen Ernſt, jede Zeile verräth den redlichſten Fleiß, der unermüdlich nach dem Ziele ringt; da drängt kein Nebenzweck unbeſcheiden ſich hervor, da macht ſich keine perfide Tendenz breit, es ſind das end⸗ lich einmal Schriften, die ihrer ſelbſt wegen geſchrieben ſind. Darum thut es uns weh, dieſe beiden Bände auf unſerem Tiſche neben den Zeitungen liegen zu ſehen, deren unerquickliche Aufregungen das Intereſſe für Kunſt und Literatur ſo unendlich abſchwächen.Das größte Unglück iſt, vergeſſen zu werden! ſagt die Verfaſſerin ſelbſt, für jeden Menſchen, am meiſten aber für den ehrlichen Schrift⸗ ſteller, der ſich ſelbſt und ſein Beſtes den Anderen opfert, und den ein ſolcher Undank am fühlbarſten ſchmerzt. Trotz der ungünſtigen Zeitverhältniſſe aber dürfen wir der Ver⸗

faſſerin verſprechen, daß dieſes Buch nicht überſehen wer⸗

den, daß ſie noch ihren Namen neben den Beſten erblicken

wird. Kleinere Erzählungen, die ſie zwiſchen ihren beiden Büchern veröffentlicht, haben uns überzeugt, daß ſie die verſchiedenartigſten Beziehungen des äußern und innern Lebens zu erfaſſen weiß; möge ſie Luſt und Muße finden,

ſtandslos dem ſirenenhaften Zauber, den die Darſtellung

Sophie Verena's übt. Eine weiche, dabei tief und voll tönende Stimme hat einen eigenthümlichen Reiz für unſere

uns bald ein wechſelvolleres Werk mit größerm Hinter⸗ grunde zu ſchenken, einen wirklichenRoman, denn nach allen Begriffen der Schule iſt das vorliegende nur eine Novelle. A. Traeger.

Allgemeiner Anzeiger.

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Hlistoire générale de la Civilisation en Europe

par G. Guizot.

1 starker Band.

Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig. Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. Druck von Gieſecke& Devrient in Leipzig.

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V

Novelle

1

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