Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
466
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Benno Cſchiſchwitz.

Lieder eines Verbannten.

Am Meere lag ich träumend ausgeſtreckt, Der Weſten war gehüllt in Abendgluthen, Die Düne wuſchen die geſchäft'gen Fluthen, Von Mövenſchwärmen war der Strand bedeckt.

Lang' hab' ich hier dem Treiben zugeſchaut Der ſtets geſtorbnen, ſtets lebend'gen Wellen, Die ewig ſchäumend in ſich ſelbſt zerſchellen Mit jenem leiſen, hohlen Sterbelaut.

So liegend dacht' ich, wie die Menſchenleben Zu Millionen auf wie Wellen tauchen, Zu Millionen wieder ſtill verhauchen

Und andre Spuren nicht als Wellen geben.

Vom ſchroffen Felſen weint ein Bächlein nieder, Doch tröſtend winken ihm der Blumen viele, Sie laden flüſternd es zu trautem Spiele,

Und luſtig ſpringen ſeine Wellen wieder.

Ein Blümlein zart, gar lieblich anzuſchauen, Wie Mädchenaugen unſchuldsvoll und rein, Es blickt ſo freundlich in das Wäſſerlein

Mit ſeinem Aug', dem frommen, himmelblauen.

Du blauer Stern, auch ohne dich zu nennen, Würd ich mich doch vergangner Zeit erinnern; Was weckſt du mir im wehmuthvollen Innern

Das alte Lied vom Lieben und vom Trennen?

Rings liegt die ſtarre Nacht auf weitem Lande, Doch kündet an der Alpe ſchroffen Zinnen Ein ſchüchtern Roth des jungen Tags Beginnen, Der zögernd löſt des Schlummers ſchwere Bande.

Hinauf ſchon tragen zu den blauen Lüften Den ungeduld'igen Aar die mächt'gen Schwingen, Und einſam ſeh ich ihn ins Lichtmeer dringen, Indeß die Nacht noch liegt auf Wald und Triften.

Bald iſt der Kübne meinem Blick entſchwunden, Ein Punkt nur ſcheint er mir, von Gkanz umgeben; Ich ſeh' ihn weit und immer weiter ſtreben,

Als ſei er nicht ans Irdiſche gebunden.

Du, der ſo früh ſich ſchon der Nacht entrungen, Wie gleichet dir des Forſchers hoher Geiſt, Den es empor zu neuen Lichtern reißt,

Wenn rings die Welt noch ruht in Dämmerungen!

Ans Vaterland, ans theure, ſchließ' dich an! Dies Wort allein gibt mir noch Muth zum Leben; Der Knabe ſprach es oft mit heil'gem Beben,

Und thatenfreudig ſprach es oft der Mann.

Ans Vaterland, ans theure, ſchließ' dich an! O wohl, mich hat des Landes Noth. gejammert, Ich ſchloß mich an, ich hielt es feſt umklammert, Wie nur ein Kind die Mutter faſſen kann.

Lieder eines Verbannten.

Von Benno Tſchiſchwitz.

Es iſt vorbei. Der holde Traum zerſtiebt, Man riß mich los von meiner Mutter Herzen; Man riß mich los und ſpottet meiner Schmerzen, Man ſchlägt das Kind, weil es die Mutter liebt.

Am Horizonte taucht ein Segel auf, Der Wimpel flattert luſtig von dem Maſte, Es ſcheint, als ob es an der Stelle raſte, Doch näher ſchießt es in behendem Lauf.

Und wieder muß dem ewig ſchwanken Meer, Den unbeſtänd'gen, öden Waſſerreichen Das Leben ich der Menſchen hier vergleichen; Wir alle ziehn als Schifflein drüber her.

Die Einen blähn auf prächtig hohem Bau Die Segel auf, geſchwellt von günſt'gen Winden, Den ſtolzen Lauf vollziehend, den geſchwinden; Es ſtreckt der Maſt ſich in des Himmels Blau.

Die Andern gleiten langſam und gemach

Den ſtolzen Seglern nach zum fernen Ziele,

Durch Strom und Wogen treibt die ſchwanken Kiele Der müden Hände ſchwerer Ruderſchlag. D

ie Einen bergen köſtlich reiches Gut In dem gewalt'gen, überfüllten Raume, Die Andern tanzen leicht nur auf dem Schaume Und ſchweben unbeladen durch die Fluth.

Ach, nach dem Glücke ſteuern ſie. Vergebens! Den reichen Hafen in dem Zauberlande, Sie ſuchen ihn am fernſten Meeresrande,

Sie ſuchen bis ans Ende ihres Lebens.

Es brüllt der Sturm, er bricht die ſtarken Planken, Die raſch wie Halme auseinander ſtoben, Im Augenblicke treibt das Boot kieloben:

Ein Traumbild war das Glück nur der Gedanken.

Was that ich denn, wofür man meine Stirne Brandmarken darf mit des Verräthers Eiſen? Was that ich, was nicht hohe Lieder preiſen

In allen Landen bis zur Alpenfirne?

Was that ich denn, wofür in allen Zonen Der ew ge Lorbeer nicht die Stirnen kränzte? Daß meiner That des Glückes Stern nicht glänzte, Darf man das Unglück denn mit Schande lohnen?

D

Daß Deutſchland ich geliebt bis in den Tod, Daß ich gekämpft mit ungebeugtem Muthe, Daß ich gezahlt mit meines Herzens Blute,

Daß ich dafür gelitten Schmach und Noth,

Daß man auch mich verbannt aus Schleswigs Gauen, Da Deutſchland man daraus zu bannen wagte, Und daß ich, Deutſchland, deine Schmach beklagte,

Verdient' ich des Verräthers Loos zu ſchauen?

Bremen, J. G. Heyſe's Verlag. 1859.