Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
450
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ALBIIIM. Zahn Milton.

L'ALLEGRO.

Verhaßte Schwermuth, flieh!

Von Cerberus und ſchwarzer Mitternacht Erzeugt in tiefſtem Höllenſchacht,

Wo grauſer Spuk und widriges Gebilde Und Klageruf den Umkreis füllte,

Fort, düſtere Melancholie! Einſiedlerhöhlen ſuche Dir,

Wo brütend Dunkel eiferſüchtig webt, Der Eule Krächzen bebt!

Verbirg Dein ſtruppig Haupt in Felſenklüften, Dem Lichte fremd, den Himmelslüften! Dort in Polarnacht weile für und für!

Du aber komm aus Himmelshöh', Den Göttern als Euphroſyne,

Uns hold als wunderthät'ge Freude! Dich und die Grazienſchweſtern beide Hat Venus einſt dem Gott der Reben An Einem Freudentag gegeben; Wenn nicht, wie beßre Mähre geht, Der Wildfang, der den Frühling weht, Zephyr, ſich neckend mit Auroren, Am Maienfeſte Dich geboren: Damals, auf duft'gen Veilchenbeeten Und jungen Roſen, thauumwehten, Beſcheert' er ihr das holde Kind, Roſig lachend, ſüß und lind.

Nymphe! Raſch und bring mir ſchnelle Witz und Jugendluſt zur Stelle! Neckerei nebſt loſen Streichen, Lippenkräuſeln, Wink und Zeichen, Lächeln, wie es Hebe'n ſchmückt,

Gern aus Wangengrübchen blickt, Spaß, des hagern Grams Verächter, Seitenhaltendes Gelächter, Haſche ſie und bring ſie mit

In phantaſtiſch leichtem Tritt! Bring' an Deiner Hand geſchwind Freiheit auch, das Bergeskind! So, wenn ich Dich würdig ehre, Nimm mich auf in Deine Chöre: Ganz an Dich und ſie ergeben

Laß mich froh und ſchuldlos leben!

Die frühſte Lerche laß mich hören, Wenn ſie, die ſäum'ge Nacht zu ſtören, Zur luft'gen Warte ſteigend ſingt,

Und farb'ge Dämmerung uns bringt! Laß gramerleichtert dann mich treten Ans Fenſter und den Segen beten, Umwebt von duft'gen Zweig' und Ranken, Von Reb' und Roſenbuſch, den ſchlanken. Den ſäum'gen Schatten bietet ſchon Der Hahn mit lautem Krähen Hohn, Und leitet ſtolz den Weiberchor

Zum Fruchtfeld oder Scheunenthor; Der muntre Schall von Horn und Rüden Durchbricht der Morgenfeier Frieden, Und eines Hügels rauhe Wand Wirft luſt'gen Jagdlärm weit ins Land.

Oft zieh' ich dann auf grünen Höhn Am Ulmweg hin, nicht ungeſehn;

Mein Auge ſucht des Oſtens Thor: Schon tritt in Pomp die Sonn hervor, Gehüllt in Gluth und Strahlenglanz, Deckt das Gewölk mit Purpur ganz, Indeß der Pflüger nah zur Hand Pfeift über'm friſchgefurchten Land, Die muntre Melkrin trillernd ſpringt, Des Mähders Senſ' und Wetzſtein klingt, Und unter'm Haindorn bläſt im Thal Der Hirt das Stücklein ſeiner Wahl. Wie ſich noch das Auge weidet, Iſt ihm neue Luſt bereitet: Graue Brachen, ſaft'ge Raſen, Wo vereinzelt Lämmer graſen; Höhn, um deren rauhen Rücken Oft ſich Wolken brauend drücken; Au'n mit Blumen reich beſtreut, Flache Bäche, Ströme breit; Auch Thürme ſieht's und Mauerkronen Hoch ob gewölbten Wipfeln thronen, Und ſucht der holden Herrin Spur, Der Nachbaraugen Cynoſur. Ein niedrer Schornſtein zwiſchen zwei Bemoosten Eichen raucht hart bei, Wo Corydon und Thyrſis eben Dem leckern Mahl die Ehre geben. Was Küch' und Vorrathskammer hält, Hat Phylllis' flinke Hand beſtellt; Nun läßt ſie Hütt' und Mahl dahinten, Mit Theſtylis die Frucht zu binden, Wenn nicht die frühre Jahreszeit. Das Heu zu thürmen ſie entbeut. Harmlos uns der Luſt zu weihn, Lädt uns bald das Bergdorf ein; Ringsum tönen luſt'ge Glocken, Und die wackern Fiedeln locken, Daß ſich Burſch und Dirne ſchaart Und zum Tanz im Schatten paart. Jung und Alt zum Spiel ſich ſchlagen An ſolch hellen Feiertagen, Bis ſpät das liebe Taglicht ſank. Dann hin zum würzig braunen Trank; Von manchem Spuk weiß man zu ſagen: Wie Mab den Kuchen fortgetragen, Und, ſagt die Frau,mit Geiſtergriffen Mich obendrein gezwickt, gekniffen. Geweihte Kerz' in der Laterne, Sah Er, wie noch vorm Morgenſterne Der Kobold, ſich im Schweiße plagend, Mit mächt'gem Geiſterflegel ſchlagend, Einſt draſch die ganze Scheune leer, In einer Nacht, was zehn und mehr Geſchickte Knechte nicht gethan, Und ſo die Schüſſel Rahm gewann, (Die ſtand ihm an verſproch'ner Stelle) Und lag, der lümmelnde Geſelle, Am Heerd geſtreckt, ſo lang er war, Und briet ſich ſchier mit Haut und Haar, Bis er beim erſten Hahnenſang Sich pumpſatt durch die Thür entſchwang. So müd' erzählt ſchleicht man zu Bette, Schnarcht mit dem Nachtwind um die Wette.

L'Allegro und il Penſeroſo, oder Lebens Luſt und Weihe. Eine Doppel⸗Ode von John Milton.(Als Manuſcript gedruckt.) Gotha, 1859.