Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
387
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Martin Alrich.

Eine Erzählung aus der Ober⸗Lauſitz

Ernſt Willkomm.

(Fortſetzung.)

So kam die Zeit der Weizenernte heran. Bauern und Gutsbeſitzer haben dann immer mehr zu thun als ſonſt. Die gemähten Felder werden dann nämlich von Schaaren ſogenannterLeſer umſchwärmt, die den Ab⸗ fall der Aehren mit Eifer ſammeln und kleine Bündel, Sengel genannt, binden, dieſe heim tragen und hier ent⸗ weder auf der Diele ihrer beſchränkten Wohnung aus⸗ llopfen oder mit Erlaubniß eines Beſitzenden deſſen Scheuertenne dazu benutzen. Zum Herbſt und Winter will auch der Aermſte gern etwas Weizenmehl im Hauſe haben. Es liefert ihm die einzigen Delicateſſen, die im janzen langen Jahre auf ſeinen Tiſch kommen weizene Klöße, dünne radgroße Kuchen zum Kirchweihfeſt und zu Weihnachten das beliebteChriſtbrod.

Martin Ulrich, ein tüchtiger Landmann, der ſeine Aecker ſehr ſorgfältig bearbeitete und keine Koſten ſparte, um ſie

Won Jahr zu Jahr immer mehr zu verbeſſern, erzielte vor⸗

zussweiſe trefflichen Weizen. Er ſäete von dieſer Frucht jern reichlich aus, und man ſah ihn noch einmal ſo glück⸗ lch, wenn im Auguſt die kornſchweren Aehren mit den gol⸗ deren Früchten ſich tiefer und tiefer zur Erde neigten.

Sobald es bekannt wurde, der Bergbauer werde Wei⸗ nſchneiden, fand ſich gewiß die Mehrzahl allerLeſer aff ſeinen Feldern ein. Betreten durften ſie dieſe erſt, penn der Bauer ihnen die Erlaubniß dazu gab. Martin l ich hielt wie überall auch hier ſtreng auf Ordnung. Er örnte den Armen ihr Theil, aber er duldete keinen eigen⸗ mächtigen Eingriff. Erſt wennabgeſchleppt war, d. h. Mein ſeine Knechte und Arbeiter auf einem gemähten Wei⸗ aueld mit großen Rechen den gröberen Abfall der vollen neiwen zufämmengebracht hatten, ward es denLeſern Irüs gegeben.

Bisweilen ging das nicht ohne Streit ab. Himiſchen Leſern, die Martin Ulrich allein

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Martin Ulrich ließ daher all' Zu den hinter einander mähte, in ür berechtigt ſabeth ſich dabei die f gt ſ

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Zeitung.

Knechte fortgejagt. Das Verfahren bei ſolchen Feldver⸗ weiſungen war niemals liebreich, es geſtaltete ſich aber un⸗ höflich, wenn der fremde Zuzügler nicht ſogleich das Feld räumte, und trug bei etwaigem Widerſtande dem Ueber⸗ müthigen wohl auch fühlbare Püffe ein. Dieſe Strenge des eigenſinnigen Bauers, die im Grunde nur Lob verdiente, hatte Martin Ulrich bei allen fremden Aehrenleſern ſchon längſt verhaßt gemacht. Sie ſuchten an dem reichen Manne NRache zu nehmen, ohne daß er ihnen etwas anhaben konnte. Dies gelang denn auch ſo gut, daß Martin Ulrich in empfindlichen Schaden ge⸗ rieth. Es verging nämlich kein Jahr, ohne daß er tüch⸗ tig beſtohlen wurde. Dadurch wurde ihm die Weizen⸗ ernte ſelbſt, früher ſein größtes Vergnügen im ganzen Jahre, zum Aerger und bereitete ihm Verdruß über Verdruß.

Vorkehrungen, die er traf, hatten nicht den gewünſch⸗ ten Erfolg. Er hielt Wächter, die er gut bezahlte, damit ſie den nächtlichen Felddieben aufpaſſen möchten, allein dieſe Wächter betrafen Niemand, und doch fehlten dem Bauer oft mehrere Garben auf einem kleinen Stücke Land. Dies veranlaßte Martin Ulrich, die koſtſpieligen Wächter wieder abzuſchaffen. Er vermuthete und wohl nicht ohne Grund, daß die von ihm Beſoldeten mit den her⸗ umlungernden fremden Dieben gemeinſchaftliche Sache machen und die gewonnene Beute ſpäter brüderlich unter einander theilen möchten.

Geſtattete es die Witterung, ſo eilte Martin Ulrich mit dem Einheimſen ſeines Weizens. Immer jedoch ließ ſich das nicht machen. Bei veränderlichem Wetter und gerade zur Zeit des Weizenſchnittes fiel gern häufig Regen mußte die Frucht Tage lang im Freien liegen bleiben, um doch ſo viel abzutrocknen, daß ſie ſpäter nicht in der Scheuer vor dem Ausdruſch zu keimen begann. Man band ſie in ſolchen Fällen ſogleich von der Senſe weg in Garben und ſetzte dannPuppen, die den Vortheil gewährten, daß ſelbſt bei ſehr ſchlechtem Wetter von je acht bis neun Garben höchſtens eine einzige wirklich vom Regen litt. Alle andern blieben unverſehrt, trockneten gut aus, und nach Verlauf von acht bis zehn Tagen konnten ſie ruhig vom Felde in die Scheuer geſchafft werden.

Auch diesmal war die Witterung ungemein ungünſtig. ſeinen Weizen, den er raſch Puppen ſetzen. Als Frau Eli⸗ Bemerkung erlaubte, er gebe damit

flärte Aehren auf ſeinem Felde zu ſammeln, geſellten ſich den Felddieben Gelegenheit, mehr als ſonſt ſich an ſeinem

ulch Zuzügler von benachbarten Ortſchaften. Entdeckte das ea fe Auge des Bauers ſolche Bönhaſen, ſo wurden ſie In. Gnade entweder von ihm ſelbſt oder durch einen der

Eigenthum zu vergreifen, erwiderte er trocken: Das iſt meine Sache! Ich rechne, wer Luſt kriegt auf meinem Felde lange Finger zu machen,

dem ſoll's V