Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
366
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Materialismus zur Abſchreckung veranſchaulicht werden. Dieſes wieder modern gewordene Stichwort iſt auf einen Bücherrücken geſchrieben, daneben ſtehen die Zeilen: Es gibt keinen Gott, es gibt keine Seele. Als die Conſequenz dieſer Weltanſchauung ſteht ein Mann davor, von deſſen Phyſiognomie nur der untere Theil ſichtbar iſt, weil der obere Theil in den Pulverdampf der eben abgedrückten Pi⸗ ſtole verhüllt iſt, die ſeinen Schädelſtücken und ſeinem Ge⸗ hirn ſichtbar die Bewegung nach der Zimmerdecke zu ge⸗ geben hat.

Auch die ſocialiſtiſchen Probleme zieht dieſer Maler der Probleme in das Bereich ſeiner Wiſſenſchaft. In dem Tableau mit der Ueberſchrift: Hunger, Tollheit, Ver⸗ brechen, ſehen wir ein wahnſinnig blickendes, hexenartiges Weib ein Kind ſchlachten und ſtückweiſe im Keſſel kochen. Die erwähnte Programm⸗Brochüre ſagt dazu:Hat der Maler hier das Schreckliche zum Vergnügen gemalt? Hat er nicht vielmehr zeigen wollen, zu welchen Reſultaten das Elend führen könne? Die Antwort liegt außer Zweifel, er hat den Gedanken gehabt, daß es gewiſſe Thatſachen gibt, die man nackt hinſtellen muß, wie abſcheulich ſie auch ſeien, und ſein Bild, ſo voll von entſetzlicher Wahrheit, ſo kräf⸗ tig gemalt, ſo correct gezeichnet, eine wahrhafte Augen⸗ täuſchung, iſt ein gewaltiger Aufruf an die Herzen der Mütter, die im Ueberfluß leben! So ſehen wir die Tendenzkunſt, die ihrer Zeit in Deutſchland ſich ſo aus⸗ ſchließlich geltend machen wollte, hier bis in die Einzelhei⸗ ten im Auslande noch heute wiederholt.

Wir können nicht alle die graſſeſten Motive von der Welt aufzählen, die Wiertz ſich ausgeſucht hat; um Pu⸗ blicum herbeizulocken, hat er außerdem noch allerhand kleine Scherze in ſeinem Atelier angebracht. So ſehen wir z. B. durch die Leinwandtapete, vermöge optiſcher Täuſchung ſo draſtiſch wie Wirklichkeit, eine unbekleidete junge weib⸗ liche Figur mit einem Buche in der Hand auf einem Lager ausgeſtreckt, ſo üppig und ſo lockend man es ſich nur den⸗ ken kann. Was ſagt unſer Programm dazu? Auch hier hat der Künſtler nur um der moraliſchen Beſſerung willen gemalt:Die Romanleſerin(ſo iſt das Tableau übertitelt) iſt damit beſchäftigt, mit Gefallen eines jener ſataniſchen Bücher zu leſen, welche den Geiſt und die Sinne der jungen Naturen verwirren; ſie ſieht nicht, die Unglückliche, daß der Dämon nahe bei ihr iſt und daß er es iſt, der ihr die gefährliche Nahrung beſorgt, mit der ſie ihre Phantaſie füttert u. ſ. w. Man hat noch nicht gehört, daß dieſes Bild von Erzieherinnen mit Erfolg benutzt ſei, die jungen Mädchen von den Romanen abzuſchrecken.

Gleich dicht neben dieſem Bilde finden wir eine andere Attrape. Wir ſehen wieder durch eine Tapete und er⸗ blicken in der Wand gegenüber eine Thüre ſich ein wenig

öffnen, durch deren Spalte eine entkleidete weibliche Ge⸗ ſtalt herausblickt; wir ſind verlegen und fürchten eine

Modellſteherin vielleicht, im Begriff ihre Toilette zu vollen⸗ den, überraſcht zu haben, und wenden uns weg. Da ſehen wir dicht daneben an die Wand mit Bleiſtift geſchrie⸗ ben:L'interieur est visible, la clef est à gauche. Wer

nun hier dreiſt genug iſt um neugierig'zu ſein, wendet ſich

nach links, er ſieht den Schlüſſel am Nagel hängen, der ſeinen Schatten deutlich über die Wand wirft, er greift da nach, und ſiehe da, er faßt die Luft. nur eine gemalte Täuſchung. Doch welches hier die Moral?

Die Wände hat Herr Wiertz noch zu andern Bemer⸗ kungen benutzt. Wir finden ein Citat nach Voltairer Die Ohren der Großen find nicht ſelten große Ohren. Oder folgende Ironie:Ein Künſtler mit leerem Knopf⸗ loch hat kein Verdienſt, ein Künſtler mit einem Kreuz hat wenig Verdienſt, ein Künſtler mit zweien ſchon mehr, mit dreien ſchon viel, mit vier Kreuzen und mehr außerordent⸗ lich und mehr Verdienſt.

Man ſieht, der Maler der Probleme wie alle Künſtler der Probleme leidet an Verkanntſein. Seine Conflicte mit der Kritik und der öffentlichen Meinung haben ihn zu mancherlei nicht unwitzigen Herausforderungen veranlaßt, Zur Pariſer Kunſtausſtellung vor zwei Jahren hat er ein Rubens'ſches Bild nebſt einem Seitenſtück ſeines eignen Pinſels geſchickt und die Freude gehabt, durch kleine Aeußerlichkeiten die Kritik ſo zu täuſchen, daß man die Urheber beider verwechſelte. Beide Gemälde befinden ſich in dem Brüſſeler Atelier, und unter das ſeinige hat der Ma⸗ ler die Worte geſetzt: pour être placé à côté du tableau de Rubens, représentant le même sujet, dans le musée de Pavenir. Eine andere Kundmachung eben daſelbſt iſt merk⸗ würdig. Um das Urtheil über ſeine Gemälde auszuſprechen, will der Künſtler alle Kritiker der Welt in ſeinem Atelier verſammeln, eine Tribüne ſoll in der Mitte deſſelben errich⸗ tet ſein, auf der die verſchiedenen Anſichten discutirt wer⸗ den, bis diejenige Meinung ſich herausgeſtellt hat, die als die allein richtige ohne Widerſpruch ſich geltend zu machen vermag. Wenn ihm dieſe dann angeſagt iſt, will der Ma⸗ ler, mit ſeinen Pinſeln bewaffnet, in Gegenwart ſeiner Richter die Fehler verbeſſern, die ſie ihm angeſagt haben werden u. ſ. w. 3

Man ſieht, Herr Wiertz iſt ein Typus der Epigonen⸗ periode, die auch wir in verſchiedenen charakteriſtiſchen Ge⸗ ſtaltungen bei uns ſehen. Es iſt ſchade, daß er nicht bloß die Tollheiten treibt, die er unter anderem Namen treibt, denn dann könnte man ſich von Herzen über ihn amuſiren, und es iſt andrerſeits noch mehr ſchade, daß er nicht nur der Künſtler iſt, als den wir ihn kennen lernten, denn dann würde man ihn mit allem Ernſte der Aufmerkſamkeit wür⸗ dig finden. Herr Wiertz konnte ſich nicht mit dem innerenn Selbſtbewußtſein abfinden Künſtleriſches zu leiſten, A wollte Aufſehen um jeden Preis, und er hat es erreicht, freilich auf die Gefahr hin um dieſes Aufſehens willen ver⸗ ſpottet zu werden.

In dem Album, das im Atelier ausgelegt iſt, findet man die bunteſten Urtheile über ſeine Eigenthümlichkei den beißendſten Spott neben der wärmſten Begeiſterung. Irgend Jemand hat hineingeſchrieben: Rubens. Guſtar Doré+ Delirium tremens ä= Wiertz. Von einer deren Feder laſen wir: Justement G'est le Richard ag- ner de la peinture.

(Wird fortgeſetzt.)

Der Schlüſſel in

Literan Hußland. ſeiga, Verla 8858.

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