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„Das iſt das erſte geſcheidte Wort, das ich heute von Dir höre,“ erwiderte Martin, der Tochter den begehrten Schlüſſel reichend.„Ich rathe Dir auch Gut's, Mädel! Gefaulenzt und mit den Augen in die Luft gewetterleuchtet wird morgen nicht! Die Mäher müſſen zeitig hinaus nach der Bergwieſe, und ſobald das Vieh beſorgt iſt, nimmſt Du fein den Rechen, trollſt ab und zerſchlägſt die Schwa⸗ den. Wenn ich um neun oder zehn nicht Alles in Ord⸗ nung finde, dann weißt Du, wo's Wetterglas auf Sturm und Gewitter ſteht!“
„Gute Nacht,“ ſprach Marianne kleinlaut, nickte der Mutter zu und ging nachdenklich hinauf in ihre Kammer.
Dieſe Unterredung fand am Abend des zweiten Pfingſt⸗ tages ſtatt. Nach Landesſitte— unſere Erzählung ſpielt im Oberlauſitzer Gebirge— war Marianne Ulrich mit der Mehrzahl ihrer Altersgenoſſen Abends gegen Sonnenunter⸗ gang in den Kretſcham gegangen, um ſich hier an dem Tanz zu vergnügen. Bei ſolchen Luſtbarkeiten ging es in der Regel etwas wild zu. Die jungen Burſchen, namentlich die Söhne der begüterten Bauern, ließen an jedem„Bier⸗ abende“— ſo nennt man dieſe dörflichen Bälle— etwas darauf gehen. Das regte ſie an und auf, und oft genug ſteigerte ſich die Luſt zum Uebermuthe. Ein wenig Lärm liebt der Bauer überhaupt, wenn er ſich vergnügen will. Auch hat er nichts gegen ſpitze Worte und Fauſtſchläge ein⸗ zuwenden, vorausgeſetzt, daß er hoffen kann aus einer an⸗ ſtändigen Schlägerei als Sieger hervorzugehen.
Bauern ſind die excluſiveſten Ariſtokraten in ihrer Art. Sie ſehen Jeden über die Achſel an, der nicht eine gleich große Zahl Acker Land beſitzt, weniger Pferde zu halten vermag und mit einem geringeren Viehſtande zufrieden ſein muß. Iſt er indeß ein Voll⸗ oder Hufenbauer, d. h. ein Mann, der eine volle Hufe Land ſein nennt und dieſes Beſitzthum mit wohl genährten Pferden beſtellt, ſo gilt er auch den Reicheren als gleichberechtigter Standesgenoſſe.
Der Halbhüfner dagegen, gewöhnlich Gärtner genannt, der einen Garten beſeſſen habe,
Novellen⸗
Zeitung.
ſein Feld meiſtentheils mit Kühen, bisweilen wohl auch mit Ochſen beſtellt, iſt dem Bauer nicht ebenbürtig und wäre er noch ſo reich.
Im gewöhnlichen Leben und täglichen Umgange ſpürt Niemand etwas von dieſem ſtark ausgeprägten Kaſtengeiſte, häufig aber macht er ſich in greller Weiſe bemerkbar, wenn etwa der Sohn eines Bauers die Neigung einer Gärtners⸗ tochter gewinnt und dieſe zu ehelichen begehrt. Solche Verbindungen, die eine wirkliche gegenſeitige Neigung vor⸗ ausſetzen, werden oft durch alle Mittel der Intrigue ver⸗ hindert, und nicht ſelten führen ſie zu lang' andauernden Feindſchaften oder ſind die Veranlaſſung zu erzwungenen höchſt unglücklichen Ehebündniſſen, die nicht die Herzen, ſondern die Berechnung ſchließen.
Martin Ulrich war ein Bauer alten Schlages vom Wirbel bis zur Zeh. Kein Stand galt ihm mehr, keinem zollte er größere Achtung. Sein drittes Wort war immer: der Bauer iſt von Gott eingeſetzt! Als Menſch ſtand er in hoher Achtunz bei allen ſeinen Mitbauern. Er hielt ſtreng auf Recht, übervortheilte Niemand, ließ ſich aber auch von keinem Schelme betrügen und ſchenkte nichts weg. Mit den Worten:„es muß Alles ſeine Ordnung haben“ wies er jedes Anſinnen, das ſeinem Bauernverſtande zu nahe trat, energiſch zurück.
Ein Mann von ſolchen Grundſätzen mußte es ſeltſam finden, daß ſein einziges Kind ſchon frühzeitig die Welt und ihre Ordnung mit andern Augen betrachtete. Martin liebte ſeine Tochter mit wahrer Zärtlichkeit, wenn er es auch
Marianne durch Worte nicht eben merken ließ. Deshalb verdroß es ihn, daß ſie, kaum der Schule entwachſen, ſo wenig auf ihre bäuerliche Reputation hielt.— Es waͤr dem muntern, aufgeweckten Mädchen ganz einerlei, wer ſie zum Tanze führte, wenn der Burſche nur jung und flink war. Ob ſein Vater von einem der alten angeſeſſenen Bauergeſchlechter abſtamme, oder ſeit Menſchengedenken nur das kümmerte Marianne nicht.
Feuilleton.
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Rahel und die deutſchen Salons.
Dieſes Blatt gab kürzlich Mittheilungen aus einer Histoire de la conversation von E. Deschanel(collection Hetzel, Leipzig, Alphons Dürr). Natürlich war es ausſchließlich die franzöſiſche Haben wir ja doch gar keine Geſchichte einer deutſchen Converſation, und wenn man an eine ſolche bei uns denkt, iſt es der Name Rahel Lewin's, ſpäter der Gattin Varnhagen's v. Enſe, der in ihr leuch⸗
Converſation, auf die hier Bezug genommen war.
tend hervortritt, ja mit dem ſie in gewiſſem Sinne erſt beginnt
Eduard Schmidt⸗Weißenfels, der Herausgeber der öfter erwähnten„Kritiſchen Blätter für Literatur und Kunſt“ in Prag, hat ein Portrait der berühmten Frau(„Rahel und ihre Zeit.— Leipzig, F. A. Brockhaus. 1857) entworfen, in dem er dieſen bedeukungsvollen Zug ihrer Eigenthümlichkeit beſonders hervor⸗
hebt. Er ſagt:
Rahel wurde das ausgezeichnete Weib, welches wie nie vor ihr ein anderes alle Schöngeiſter, alle großen Männer ihrer Zeit um ſich verſammelte. Sie hielt Reichstag mit ihnen und wurde gewiſſermaßen die Sonne, um welche hundert Sonnen und hun⸗ dert Sterne fortwährend kreiſten, bald ihren Glanz mit dem ihri⸗
gen tauſchend, bald von ihm ſich befruchtend, bald auch ihm Nah⸗ rung zuſpendend. Rahel, die in ihrem ſchon 1787 beginnenden Briefwechſel mit ihrem Bruder Robert, mit Guſtav von Brinck⸗ mann und David Veit den Geiſt entfaltete, der ſie„zum Salz und zum Quirl“ alles geiſtigen deutſchen Lebens bis zu ihrem Tode machte, war unſtreitig eine der begabteſten Frauen, welche jemals einem literariſchen Salon Glanz verliehen haben. Sie war für uns Deutſche die Erſte, welche überhaupt einen Salon geſchaffen, wie Frankreich dergleichen ſchon in Ninon de l'Enclos, Frau von Sévigné, Mademoiſelle de l'Eſpinaſſe und Andern beſeſſen hatte. Die Frauen des 17. Jahrhunderts in Frankreich, welche ſi auch zugleich zu Königinnen des Salonlebens machten, in den die Schöngeiſterei ihre Pflege fand, haben niemals in Deutſchlan exiſtirt; es gab keinen Salon, kein Salonleben und, geſtehen ei es uns, keine empfänglichen literariſchen Geiſter dafür. Erſt 4 Epoche, welche von den Siegen des großen Friedrich und de 1 Erdbeben der franzöſiſchen Revolution erſchüttert wurde, war e vorbehalten in Deutſchland dergleichen Geiſter hervorzubringe 1 Das Schickſal fügte es, daß die Poeſie der deutſchen Muſe mche und herrlicher denn jemals ihre Leier ſchlug und das claſſiſ 3 Zeitalter unſerer Literatur erweckte, ſpät wohl, aber dann vo
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(V. Jahrg. N. 23.
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