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Drei Theile.— Braunſchweig, Verlag von Fr.
Deutſche Träume. Roman von Ludwig Steub. Vieweg und (Sohn. 1858.
Ludwig Steub, der durch ſein treffliches Buch„Drei Sommer in Tyrol“ einen Namen als ethnographiſcher und antiquariſcher Schriftſteller ſich erworben hat, trat vor fünf Jahren zum erſten Male mit novelliſtiſchen Verſuchen auf: „Novellen und Schilderungen“(Stuttgart, C. P. Scheit⸗ lin. 1853). In der Erzählung„Der Staatsdienſtaſpi⸗ rant“ ſchilderte er damals in humoriſtiſcher, faſt burlesker Weiſe die Sorgen, Aengſte und endlichen Freuden eines ar⸗ unen kleinſtädtiſchen Candidaten der Jurisprudenz. Auf ninen ähnlichen Schauplatz führt uns der vorliegende um⸗ fangreiche Roman, deſſen Anfang unter dem Titel„der Helden Jugend“ in der erwähnten Sammlung bereits auf⸗ Fenommen war. Vom idylliſchen Geſichtspunkte jener No⸗ velle erhebt der Verfaſſer ſich hier auf den Standpunkt des tendenziöſen, in die Geſchicke des Vaterlandes eingreifenden geitromanes. Seine Helden ſind Demagogen, Demagogen niis den liberalen vierziger Jahren, ihre deutſchen Träume ſind die Träume eines einigen und freien Deutſchland. Jörg v. Bolzen kommt nach Vollendung ſeiner Studien aus Acceſſiſt des Staatsdienſtes nach ſeiner Heimath Schnurrenburg zurück. Er findet dort die Genoſſen ſeiner erſſten phantaſtiſchen Knabenträume wieder; das iſt zunächſt Kinz, des Förſters Sohn, der nach vielen Abenteuern in deutſchland und Amerika ebenfalls Förſter geworden iſt, uld dann Heinz von Theurenſtein, ein ſehr freiſinniger Ba⸗ ori, der nach ſeltſamen Reiſen in Europa und Indien die nahhegelegene Burg ſeiner Väter bezogen hat. Die drei Jgendbekannten erneuern den alten Freundſchaftsbund und zwar jetzt zum Segen des Vaterlandes, in der Ab⸗ icht für ein großes und ruhmreiches Deutſchland in die Sthranken zu treten. Das, was ſie dafür thun können, ſt zunächſt das, daß ſie mit ihren Vorgeſetzten und den Ritgliedern der Schnurrenburger Behörde einige gelinde Snicheleien und Reibereien beginnen, und dann, daß ſie uunch eine Feier der Schnauzlinger Verfaſſung(Schnur⸗ relburg gehört zu dem verühmten Staate Schnauzlingen) ine diplomatiſch angelegte Demonſtration im Sinne des imachenden Zeitgeiſtes auszuführen beſchließen. Die Ver⸗ wenheit, in welche darüber die Herren vom Schnurren⸗ ſunger Landgericht gerathen, iſt ſehr nett geſchildert; es niwfen ſich Intriguen an die Frage nach der Berechtigung Ceces Patriotismus, Beziehungen zwiſchen Schnurrenburg m dem Schnauzlinger Hofe hin und wider laufend, die
Ueliebſt erſonnen ſind. Als die pfiffigen Herren aus den Aureaux das Feſt ſelbſt in die Hand zu nehmen beſchließen, is ſie daſſelbe nur als eine Falle für die angehenden ge⸗ ichilichen Demagogen und zugleich als eine Staffel zu ei⸗ ennen Verdienſten und Beförderungen zu benutzen geden⸗ In da geben wir uns der Lectüre dieſes Romanes mit dem erlloſen Behagen hin, das wir bei einem liebenswürdigen Serebilde oder einem feinen Luſtſpiele als berechtigte Ab⸗ khtanſehen. Leider aber hat Verfaſſer mit dieſem Buche
Helden den Wein des Elephantenwirthes beim Zweckeſſen getrunken haben, werden ſie hochpathetiſch; ſie halten lange Reden, die heutzutage wahrſcheinlich von den meiſten Le⸗ ſern als bekannt angeſehen werden dürften, deren Inhalt man aber einigermaßen daraus erkennen kann, daß dema⸗ gogiſche Unterſuchungen ſich daran knüpfen. Jörg v. Bol⸗ zen wird eingekerkert, und nun erhebt die niedliche humo⸗ riſtiſche Geſchichte ſich plötzlich auf die tragiſche Höhe poli⸗ tiſchen Märtyrerthums und eines ſehr ernſt gemeinten rit⸗ terlichen Heroismus. In Heinz v. Theurenſtein erwacht der fauſtrechtliche Baron, der mittelalterliche deutſche Freiherr; er läßt ſatteln, er wappnet ſich, er thut noch einen Trunk und macht dann zur Befreiung ſeines Genoſſen auf offnem Schnurrenburger Markte einen kühnen Reiterangriff gegen den Schnauzlinger Lieutenant und ſein Dutzend Infante⸗ riſten. Das gibt eine erhabene Scene. Eine verlaſſene Schuhmacherstochter findet ſich als Clärchen ein, die Bür⸗ ger zur Befreiung ihres Jörg⸗Egmont zu ſtacheln;'eine wahnſinnige Alte, die von Friedrich Barbaroſſa und ſeinem langen Barte phantaſirt, kommt dazu und erhöht den Ef⸗ fect. Jörg aber iſt ein edler Charakter, er hat eine ſtarke Ader des Rechtsbodenbewußtſeins in ſich, er will nicht be⸗ freit ſein, er zieht es vor Märtyrer zu bleiben. Seine Abneigung gegen des Freundes ſelbſthelfende Romantik mag auch ihr verſtändiges Motiv gehabt haben, denn Heinz v. Theurenſtein muß dieſelbe mit einigen empfangenen Kopf⸗ ſtücken bezahlen, die ihn ohnmächtig werden laſſen. Der wackere Held aber hat eine zu kräftige Natur, als daß er daran umkommen ſollte; er rappelt ſich auf, flucht, ſchwört Rache, legt Befreiungspläne an, läßt nochmals ſatteln, erſteigt den Thurm, iſt im Begriff Jörgen v. Bolzen halb wider Willen zu entführen,— da fallen Schüſſe, die ver⸗
und ſeinen Leſern andere Zwecke vorgehabt. Als ſeine
thierte Soldateska erſchießt den edlen, jungen, heldenmüthi⸗ gen Rechtspraktikanten. Seine Geliebte geht natürlich ins Kloſter, Heinz nach Amerika; ſpäter beſinnt er ſich, kehrt zu— rück und heirathet die trauernde Schuſterstochter. Dies der verſöhnende Schluß.
Ein verfehltes Buch mehr oder weniger würde ſonſt dem Referenten und dem Publicum das Herz nicht ſchwer machen. In dieſem Falle aber müſſen wir des Verfaſſers Verirrung wegen des Talentes bedauern, das er in der Ausführung im Uebrigen offenbart. Welche allerliebſten Genrebilder ſind dieſer Geſchichte als Staffage beigegeben! In welch köſtlichen Humor iſt die Erzählung bis dahin ge⸗ hüllt, wo ſie pathetiſch zu werden beginnt! Wie duftet aus dem Felſenkeller und ſeinem offenen Berggarten des Ele⸗ phantenwirthes treffliches bairiſches Bier uns entgegen! Wie bieder ſind dieſe Spießbürger, die hier ſich verſam⸗ meln, und mit welcher Geſundheit ſehen wir ſie ſo viel die⸗ ſes Bieres vertilgen! Und dieſe Herren aus den Bureaur, vom Präſidenten bis zum Büttel, mit welcher Sicherheit, mit welchem Humor ſind ſie conterfeit! Und dieſe munte— ren Weiberchen dort oben auf dem Schloſſe, wie ſind ſie mit ſolcher Keckheit und Grazie, man möchte beinahe fagen


