Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
261
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innigen Liebesblick ihrer Augen zu empfangen um auf das kleine Grab ſeines Kindes die heißen Schmerzens⸗ thränen zu weinen.

Feſter, inniger preßte der Prinz ſeine Tochter in die Arme, als habe er ſie dem Grabe abgerungen, als öffne ſich der gähnende Abgrund von Neuem, ſie ihm zu entrei⸗ ſen. Nein, ſie war ſein! lebenswarm und jugendfriſch lag ſie in ſeinen Armen, an ſeinem jubelnden, ſo lang' ver⸗ eimſamten Herzen! Wie die Gedanken wirbelten, wie er den Schleier von der Vergangenheit hätte reißen mögen, zu ergründen, weshalb man des Kindes Tod erlogen! Ob es die Hand grauſamer Rache war, die das Bubenſtück voll⸗ führt ob die Angſt vor der Strafe die Dienerſchaft den Raub des Kindes nicht eingeſtehen ließ, und ſie, durch die bdtliche Krankheit, die gänzliche Bewußtloſigkeit der Mut⸗ ter in ihrem Thun begünſtigt, es für geſtorben erklärten? das Geheimniß wird ſich niemals lichten; die Zeit iſt darüber hingerauſcht mit ihrem wechſelnden Flügelſchlage; vielleicht weilen ſie nicht mehr unter den Lebenden, die ein⸗ iig und allein Auskunft geben könnten, und wenn ſelbſt, ob dann nicht die Furcht vor der Strafe die ſcheue Zunge bände? Wenn auch in dem ſtillen Cypreſſenhain in der Välla am blauen Meeresgeſtade um die beiden Gräber die Roſen Jahr aus Jahr ein, von ſorgender Hand gepflegt, fliſch und duftend blühen ſo wird ſich dennoch keine band finden, den Schleier von dieſem dunklen Geheimniß

u lüften. Und es ſei! der glückliche Vater gelobt es ſich dieſer heiligen Stunde der Weihe, in welcher die Seele iberfließt vor Dankbarkeit, nicht einmal nach den Frevlern

b zu forſchen, die ihn um Jahre des Glückes betrogen.

d und l Anna iſt die Erſte, die aus dem ſeligen Verſunkenſein

ken vieder erwacht bleiſchwer fällt die Wirklichkeit auf ſie; in der Ueberraſchung, dem Freudentaumel hat ſie ſelbſt

Ihn vergeſſen..

Vater! während wir glücklich ſind, iſt ſein Leben be⸗

eweſen, u

ſie floſſen

t ſie ihm d

Dritte Folge.

Wyoht; rette ihn, rette ihn um jeden Preis! Sende ihn fort,

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weit fort in andere Lande, ſelbſt wenn ich ihn niemals, nie⸗ mals wiederſehe nur rette ihn! Liebſt Du ihn ſo mächtig, und warum verwarfſt Du

ſeine Hand?

Weil ich nimmer Kummer und Elend über ihn bringen mochte. Glück wollte ich ihm geben, das Beſte, Herrlichſte, was ein Menſchenherz dem andern zu bieten ver⸗ mag aber nicht Qual und Verwirrung in ſein Leben bringen.

Der Schmerz zuckt um die erblaſſenden Lippen, der

tiefe Schmerz, von ſeinem Liebſten zu ſcheiden, aber das Auge hat einen Blick des Muthes, der Entſchloſſenheit, wie

ihn nur die rechte Liebe verleiht, die nicht nach dem eige⸗ nen Wehe fragt, wenn es ſich um das Wohl des Geliebten handelt.

Lorenza und ganz ſie flüſtert der Prinz leiſe; und er gedachte der Stunde, als auch ſie ſich geſträubt die Seine zu werden, in dem richtigen Ahnen, daß dieſe Ver⸗ bindung Haß und Zwietracht in ſeine Familie ſtreuen würde.

Er ſchellte ſeinem Kammerdiener, ihm ſeine Befehle zu ertheilen. Wie an den Boden feſtgewurzelt ſtand der Getreue beim Eintritt in das Zimmer; ſeine Augen ſtarr⸗ ten mit ungläubigem Staunen, mit einem Entſetzen, als er⸗ ſtehe ein Geiſt vor ihm, auf die junge Dame. Er war der Einzige, der ganz und voll das Geheimniß des Prinzen kannte, der mit ihm dort die Zeit des Glückes durchlebt. Er war Zeuge geweſen, wie in der kleinen, verfallenen Waldkapelle die beiden ſchönen Geſtalten knieten er in der vollen Reife und Fülle des Mannesalters, ſie in der erſten Blüthe der Jugend, in dem kurzen, ſchönſten Mo⸗ mente, wo die Knospe die Hülle ſprengt, um ſich zur Blume zu entfalten und die Weihe der prieſterlichen Hand ſie vereinigte. Wie oft hatte er dann ſpäter die kleine Lorenza in ſeinen Armen durch die blüthenreichen Gänge des Garten getragen und auf das ſüße Kind ge⸗

rarf ſchnell hintereinander originelle Fragen auf und beantwor⸗ ete ſie ſelbſt. Dann fragte ſie mit einer ſeltſamen Schalkheit: Habe ich nicht Recht? Dabei glitt ihr Auge, wenn ſie ſprach, dortwährend im Kreiſe herum, und ein Lächeln bezeichnete, daß ſie uuſd dieſe, bald jenekomiſche Figur ſo eben bemerkt hatte. Sie pprach Einiges über die moderne Literatur, charakteriſirte ein paar brſcheinungen ziemlich genau, ſagte dann aber gleich lachend: Aber ich habe nichts geleſen. Dann ging ſie auf Berlin über Pontrait und rieth mir die Bildergalerie zu ſehen.Es wird Ihnen, ſetzte ſewiederum ſarkaſtiſch lächelnd hinzu,gehen wie dem Schul⸗ neſſter, der ſeine Schüler überſehend ausrief: Ich ſehe Viele, die u fehlen! Man kann die Berliner Sammlung nicht treffender un zugleich nicht boshafter charakteriſiren. Störend war es, daß und zuklappte; ich

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ſe im Geſpräch fortwährend ihren Fächer auf⸗ däte dieſen verwünſchten Fächer ihr aus den Händen reißen mö⸗ gen. Sie machte jetzt eine kleine leichte Verbeugung und das Ge⸗ ſſrich war zu Ende. Ich habe ſie ſpäter nie wiedergeſehen. Noch eine fürſtliche Frau, die die Blicke auf ſich zog, war die ezogin von Sagan, dieſer weibliche Ulyfſes, der durch allerlei Jefahrten und manche Inſel der Circe ſich hindurchgearbeitet hat, un als ſchönes Kunſtwerk an dieſem Hofe zu glänzen. Ich ſah ſe die Treppen niederſteigend, und der graziöſe Wurf ihres Her⸗ nelinmantels machte mich ſtaunen, denn ich glaubte eine Geſtalt dls einem Gemälde Paul Veroneſe's zu ſehen. Neuerdings iſt iie Büſte modellirt worden, und ſie iſt trefflich gerathen, obgleich en wenig zu ſehr hinüber idealiſirt in vergangene Tage. Eine Jäſſtin nach altem Schnitt, ſtarr, reſpectgebietend war die Prin⸗ zihn Wilhelm, Tante des Königs, eine lange, etwas hagere Fi⸗ zur Die, die ihr naheſtanden, rühmen ihre ſeltene Herzensgüte;

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einen ſchwarzen L

im Aeußern prägte ſich dieſer Zug aber nicht aus. Da ſie die fürſtliche Freundin der Frau Paalzow war, ſo nehme ich an, daß ihr Bücher und Literatur nicht ganz fremd geblieben ſind, im Ge⸗ ſpräch mit ihr that ſich aber nicht das Mindeſte von derlei Paſſio⸗

nen kund. Die Fürſtin Liegnitz zeigte ſich völlig als Privatdame;

anders geberdeten ſich die Töchter des Waldenburg, von denen die Eine herausfordernd in Putz und Ge⸗ ſpräch Anſichten über Kunſt und Literatur mit großer Sicherheit in die Welt warf. Dabei trug ſie eine Art Turban von ſo ſchil⸗ lernden Farben, daß Einem die Augen wehthaten. Dieſe Dame galt für bizarr und geiſtreich.

Unter den Prinzen war unbeſtritten der Prinz von Preußen die impoſanteſte Figur, die anziehendſte war jedoch der Prinz Auguſt. Damals ſchon ſehr bei Jahren, machte er doch aufs beſte eir zen Lockenkopf und brillante ſchwarze Augen geltend. Stellung, Lächeln, artige Form und zugleich eine ihn nicht übel⸗ kleidende Koketterie mit ſeinen dunkeln Augen und einer Geſtalt, Alles franzöſiſch. Man ſah ihm an, daß er der Liebling der män⸗

Prinzen Auguſt, Gräfinnen

nerkundigen Frau von Staël geweſen, bei der er lange in Coppet

ſich aufhielt. Aber er war auch ſonſt Liebling vieler anderer Frauen, bis dieſes Lieblingsfach zuletzt eine ſo enorme Ausdehnung ge⸗ wann, daß er faſt darin Auguſt dem Starken gleichkam. Prinz Auguſt war der Bruder des genialen Louis Ferdinand, der eben⸗ falls perſönlich ſehr anlockend geweſen ſein ſoll, wie die Frauen ſeiner Zeit bezeugen. Dieſes Brüderpaar war eine exotiſche Er⸗ ſcheinung, poetiſche Dioskuren am märkiſchen Himmel.

Dies war der Hof von damals. Der junge Anwuchs war noch nicht auf dem Parquet der Hofbälle erſchienen. Unter dieſen ſind bekanntlich ſehr ſchöne Geſtalten.