Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
176
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der, daß man die Kunſt in Philoſophie auflöſt und dies dann Philoſophie der Kunſt nennt. Dem Kritiker liegt ein Kunſtwerk vor; ſtatt es an ſich zu beurtheilen, ſucht er dahinter zu kommen, ſich darunter zu ſchleichen, dem

Schöpfer des Werks in die Tiefen der Seele zu dringen;

nicht zufrieden mit dem was der Künſtler gegeben, verlangt er auch zu wiſſen was er gewollt hat, räth danach herum, und je weiter dieſe Abſicht des Künſtlers entfernt liegt auf ſeiner Gedankenwanderung, deſto mehr iſt er von ſeiner Entdeckung erbaut und verwirft zu ihren Gunſten jede ein⸗ fache und natürliche Erklärung. So lagern ſich kunſtphilo⸗ ſophiſche Grillen wie ein Nebel um die Kunſt und entziehen uns ihren klaren Anblick. Zwar hat von dieſer angeblichen Abſicht des Künſtlers Niemand vorher etwas gewußt, am allerwenigſten der Künſtler ſelbſt, aber das iſt eben der Stolz des Kritikers; er kann ſich rühmen in die Tiefen der Künſtlerſeele eingedrungen zu ſein. Von allem was es für den Deutſchen von dieſer Schule Schreckliches gibt, iſt das ſogenannte Oberflächliche der ſchrecklichſte der Schrecken. Das ſechste und vorletzte Buch des ganzen Werkes iſt betiteltDie Freundſchaft mit Schiller. Das perſön⸗ liche Verhältniß der beiden großen Rivalen, wie ein ſolches zwiſchen ähnlichen Größen wohl kaum eine andere Nation auch nur in entfernteſter Annäherung aufzuweiſen hat, gibt hier Stoff zu einer der liebenswürdigſten und innigſten Schilderungen, kaum weniger ſchön und edel gehalten, als die bezügliche Darſtellung in Rudolph Haym's Leben Wilhelms v. Humboldt iſt. Wir heben hier, ‚um einer falſchen Anſicht deutſcher Kritik, diesmal einer beſchuldi⸗ genden, zu begegnen, nur folgenden Paſſus hervor: Beide, Goethe und Schiller, waren auf das Tiefſte überzeugt, die Kunſt ſei kein müßiger Luxus, kein anmuthi⸗ ges Spiel zum Zeitvertreib oder zur Erholung, ſondern ein mächtiger Trieb, eben ſo ernſt in ihren Zielen, wie hei⸗ ter in ihren Mitteln, eine Schweſter der Religion, und ihre Aufgabe ſei, den großen Weltplan verwirklichen zu helfen. Das war bei ihnen mehr als Schönrednerei, ſie nahmen es damit völlig ernſt; ſie glaubten, die Cultur werde die Menſchheit zu der vollen Höhe ihrer Kraft erhe⸗ ben, und als Künſtler wußten ſie, daß das höchſte Bil⸗ dungsmittel die Kunſt ſei. Die Wahrnehmung dieſes Glaubens hat wahrſcheinlich Karl Grün zu dem Aus⸗

ſpruch veranlaßt, Goethe ſei der idealſte Idealiſt geweſen, den die Welt je geſehen, ein äſthetiſcher Idealiſt, und daher rührt auch der weit verbreitete Irrthum, Goethe habe das das heißt, die menſch⸗ liche Natur habe für ihn nur in ſofern Intereſſe gehabt,

Leben nur als Künſtler betrachtet,

als ſie ihm künſtlichen Stoff bot.

Wie man gegen Goethe dieſen Vorwurf erheben kann, ab⸗ geſehen von ein paar amüſanten Liebesaffairen, in denen er haben mag, begreifen wir nicht. Vor allem anderen iſt ja doch die Maſſe ſeiner naturhiſto⸗ riſchen Studien der umfaſſendſte, ſchlagendſte Beweis da⸗ Wer auf ganze Jahre ſo völlig wie er in Oſteolo⸗ gie, Geologie, Pflanzenmetamorphoſe, Farbenlehre u. ſ. w., meiſt ohne augenfällige Reſultate zu fördern, nur um dem inneren uneigennützigſten Wiſſensdrange zu folgen, vertieft vereint.

und er iſt mit großer Beſtimmtheit erhoben, vielleicht

lyriſche Motive geſucht

gegen.

Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig. Verlag von Alphons Hürr in L

ſeiner Thätigkeit im praktiſchen jedem Tage, jeder Stunde der V Behagen zu entlocken,

war, dem will man nachſagen, er habe nur gelebt um zu produciren? Müßten wir, wenn wir vom praktiſchen Stand⸗ punkt der Gegenwart aus die Dauer ſeines Lebens mit der verhältnißmäßig geringen Zahl ſeiner abgeſchloſſenen poe⸗ tiſchen Werke vergleichen, nicht im Gegentheil den Wunſch ausſprechen, er habe bei ſeinem Leben mehr, directer und ausdauernder an die Production gedacht? Wer dieſe bio⸗ graphiſchen Schilderungen von Lewes, namentlich während der erſten zehn Jahre bei Hofe, ſo auch das eben darauf bezügliche Diezmann'ſche BuchGoethe und die luſtige Zeit in Weimar geleſen hat, kann der es überſehen, daß Goethe nicht weniger Lebemann als Dichter geweſen, daß er über der unmittelbaren Freude des Daſeins ſeine Muſe nur zu leicht vergeſſen konnte, daß er, bei ſeiner glück⸗ lichen, kräftigen Befähigung für den Genuß einerſeits, und den idealſten Anforderungen andrerſeits, die er an die Production machte und die ihm die Ausübung derſelben als eine der ſchwierigſten Thätigkeiten von der Welt er⸗ ſcheinen laſſen mußte, Zeit ſeines Lebens mit einer gewiſſen Arbeitsſcheu oder doch mit jener Angſt zu kämpfen hatte, die eine natürliche Begleiterin jeder Conception und Erzeu⸗ gung iſt und der er, von der ſüßen, freundlichen Gewohn⸗ heit ſelbſtgenügſamen Daſeins ſich losreißend, nur mit einer ſichtlichen inneren Anſtrengung ſich überliefern konnte? Von Goethe zu ſagen: er lebte nur um zu dichten, iſt ebenſo ungerechtfertigt, als wollte man von dem fleißiger produ⸗ cirenden Schiller umgekehrt ſagen: er dichtete nur um leben zu können! Wenn ſchließlich die Aeußerung, die von deutſcher Kritik in Bezug auf Goethe gethan iſt, daß ſein Leben doch vielmehr als ſeine Schriften dem Publicum zum Ge⸗ genſtande der Vergötterung gedient, im höhnenden oder doch polemiſchen Sinne gethan ſein ſollte, ſo verweiſen wir, auch zur Widerlegung dieſer Polemik, auf die Lectüre des Lewes'ſchen Werkes, das ein neuer Beleg dafür iſt, wie das Leben Goethe's in der That uns ein Gegenſtand der Bewunderung, der Verehrung und Belehrung zu ſein ver⸗ dient, freilich nicht ausſchließlich in ſeiner Auffaſſung der angenehmen, ſondern vielmehr der ernſten Verhältniſſe des Lebens. Seine Weisheit im Genuſſe, ſeine Gewiſſenhaf⸗ tigkeit in der Arbeit, ſeine Verſtändigkeit im Arrangiren aller äußeren wie inneren Beziehungen, ſeine Umſicht bei Leben, ſeine Fähigkeit, Alltäglichkeit Wonne und das Alles ſind Züge, die ihn ſtets zum Muſter des wahren ideal realiſtiſchen Lebens ſtempeln werden; ſeine Freundſchaft aber zu Schiller, ſein Anerken nen der gleichen menſchlichen Ziele in einer ſo völlig ent⸗

gegengeſetzten, auf völlig verſchiedenem Wege vorſchreiten⸗

den Natur, ſtellt ihn unſerem öffentlichen Leben von heut⸗ zutage als ein, wie es ſcheint, unerreichbares Vorbild hin. Wie Herr Lewes die Anerkennung dieſes Schatzes, der uns in der Geſammtheit der Goethe⸗Reliquien bewahrt iſt, ohne irgend in panegyriſche Vergötterung zu verfallen, auszuſprechen verſtanden, das gibt Zeugniß, wie er den Sinn des Mannes der großen Welt mit der Gabe der künſtleriſch begrenzenden Darſtellung in gleichem Maße R. Giſeke.

eipzig. Druck von Gieſecke& Devrient in Leipzig

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