Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
175
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Nr. 11.] Dritte

Literariſche Beſprechungen.

Goethe's Leben und Schriften. Von G. H. Le⸗ wes. Band. Berlin, Franz Duncker(W. Beſſer's Verlags⸗ handlung). 1857.(Schluß.)

Ueber Iphigenie urtheilt Lewes unter Anderem:

Kunſtkritiker charakteriſiren die Iphigenie gewöhnlich mit einer Wendung, die gerade hinreicht, ihre Kritik zu verurtheilen. Iphigenie, heißt es, habedie ganze Ruhe der griechiſchen Tragödie. Man überlege nur Ruhe in einer Tragödie! Das wäre wie Friedensſtille in dem furchtbaren Aufſchwellen vulcaniſcher Leidenſchaften.

Ariſtoteles lehrt, wirkt die Tragödie durch Schrecken und

Mitleid, indem ſie in unſerm Herzen Mitgefühl mit dem Leiden erweckt, und nun zu meinen, dies geſchehe durch die nachdenkliche Ruhe, die jeder Vers athmet, heißt doch nicht weniger als meinen, ein Kriegslied feure das Blut der Kämpfer am heißeſten an, wenn es den Ton eines Wie⸗ genliedes annehme.

Unſere Begriffe von griechiſcher Kunſt haben ſich un vermerkt nach der griechiſchen Sculptur gebildet; daher vielleicht dies Gerede von Ruhe. griechiſchen Drama's hätte vor ſolchem Irrthum bewahren und zwiſchen der Ruhe der Entwicklung und der Ruhe des Lebens unterſcheiden lehren ſollen. Die leidenſchaftloſe Einfachheit der ſceniſchen Darſtellung bei den Griechen be⸗ ruhte auf ſceniſcher Nothwendigkeit, aber wir nennen einen Vulcan doch nicht kalt, weil auf ſeinem Gipfel Schnee liegt.

Lewes' Anſichten über Egmont treffen im Allgemeinen mit dem, was Rudolph Gottſchall im erſten Theile ſeiner Literaturgeſchichte, vielleicht noch präciſer, darüber ſagt, eng zuſammen. Lewes ſchreibt:

Es gibt Menſchen, deren Betragen wir nicht billigen

können, die wir aber doch mehr lieben als viele andere von muſterhafter Führung. Wenn ſtrenge Sittenrichter die Sünden unſerer Lieblinge ans Licht zu ſtellen wiſſen, ſo

mag unſer Verſtand ihnen Recht geben, aber unſer Herz Wir proteſtiren nicht laut, aber im Stillen

empört ſich. halten wir unſere Liebe unwandelbar feſt. Wie mit Menſchen, ſo iſt es mit Gedichten. Die Lieblingswerke des Publicums ſind durchaus nicht tadellos vor der Kritik

und die Günſtlinge der Kritik ſind nicht die Lieblinge des Damit widerfährt der Kritik kein Unrecht,

Publicums. ſo wenig wie der Moral mit unſerer Neigung für liebens⸗ würdige Sünder. In beiden Fällen treten nur eingeſtan⸗ dene Fehler vor einem hervorſtechenden Vorzuge zurück. Solch ein Werk iſt Egmont. Weit, ſehr weit ent fernt ein Meiſterſtück zu ſein, iſt es der allgemeine Liebling. Als eine Tragödie hat es vor der Kritik einen ſchweren

Stand, aber was der Kritiker auch ſage, der Leſer denkt

an Egmont und Clärchen und heißt ihn ſeiner Wege gehen. Dieſe beiden Geſtalten haften im Gedächtniß, glänzende, lichte, herrliche Geſchöpfe der Dichtung, ebenbürtig jedem andern in der langen Reihe der Kunſtwerke.

Als ein Drama, d. h. als ein für die Darſtellung an⸗ gelegtes Werk, entbehrt es der beiden Grundbedingungen,

eines Conflicts elementarer Leidenſchaften, aus dem das

tragiſche Intereſſe entſpringt, und der Verarbeitung ſeines Stoffes in dramatiſche Form. Jenes iſt ein Fehler der

Ueberſetzt von Dr. Julius Freſe. Zweiter

Wie

Aber das Studium des

golge. 175

Anlage, dies der Ausführung; jenes ein Irrthum des dra⸗ matiſchen Dichters, dies des Dramatikers. Shakeſpeare würde beides vermieden haben, aber Egmont und Clärchen hätte er, glaube ich, nicht übertroffen. Das Stück hat einen langſam ſchleppenden Gang und bei der Aufführung ermüdet es einigermaßen, weniger durch die Länge der Re⸗ den und Scenen, als wegen der undramatiſchen Behandlung der nebenſächlichen Einzelheiten. Das Stück iſt ein dia⸗ logiſirter Roman, kein Drama. Schiller, in ſeiner berühm⸗ ten Recenſion, preiſt die Kunſt in der getreuen Anwendung der geſchichtlichen Localfarben; ich meinerſeits gäbe gern die ganze geſchichtliche Treue für etwas mehr dramatiſches Leben. Dieſes Verdienſtgeſchichtlicher Localfarben unter⸗ ſchätzt Herr Lewes denn doch. Wenn er zwar ſagt:nicht wie im Götz und in Walter Scott's Romanen ſind die Lo⸗ calfarben ſo glänzend und friſch, um jene Epoche in vollem Leben uns zu vergegenwärtigen, ſo müſſen wir ihm wohl zugeben, daß die politiſche Situation im Egmont nicht die Hauptſache iſt und daß die Genremalerei darin vielleicht mehr einen allgemein volksthümlichen als beſtimmt hiſtori⸗ ſchen Charakter trägt. Aber dieſe Kunſt der Genremale⸗ rei, des nationalen Localtons einVerdienſt der Gelehr⸗ ſamkeit, nicht der Kunſt des Dichters zu nennen, wie Le wes thut, iſt denn doch ein offenbarer Mißgriff. Gerade dieſe Detailſchilderung iſt das Zeichen des eigentlichen poe⸗ tiſchen Darſtellungstalentes und ihre Individualiſirung Goethe's bewundertſter Vorzug!

Noch ein Irrthum paſſirt dem engliſchen Autor in Be⸗ treff Egmonts. Weiter unten bei Gelegenheit eines der beherzigenswertheſten Capitel,Goethe als Theaterdirec⸗ tor, deſſen Daten freilich der Geſchichte des Theaters von Eduard Devrient entlehnt ſind, heißt es, Schiller habe den Egmont faſt wie ein Singſpiel und auf Effect berechnet für die Bühne bearbeitet. Das iſt eine Aeußerung irgend eines der unbedingten Goethe⸗Enthuſiaſten, die Lewes unvorſich⸗ tiger Weiſe adoptirt hat; bekanntlich wollte Schiller gerade die opernhafte Erſcheinung des letzten Actes geſtrichen wiſ⸗ ſen, und hätte Lewes die kürzlich von Diezmann beſorgte Ausgabe der Schiller'ſchen Goethe-Bearbeitung(Cotta, 1857) verglichen, ſo würde er darin das Bemühen gefun⸗ den haben, am Egmont jene dramatiſche Prägnanz herzu⸗ ſtellen, über deren Nothwendigkeit er ſich ſelbſt häufig ſo ſehr vernünftig ausſpricht.

Die Kritik über Wilhelm Meiſter wird mit einer Po⸗ lemik eingeleitet, die von den Studien des Verfaſſers über deutſche Vorarbeiten Zeugniß gibt:

In Deutſchland iſt eine Art philoſophiſcher Kunſtkritik ſehr beliebt und auch in England zählt ſie ihre An bänger, die ſich am Wilhelm Meiſter faſt ſo erbarmungs⸗

los als am Fauſt verſucht hat und ſich bei der Erklärung Shakeſpeare's auf den Gipfel des Unſinns ſteigert. Ge⸗ wiß gibt es in Deutſchland viele vortreffliche Kritiker, und es ſollte mir leid thun, wenn mein Spott gegen Pedanten und hochmüthige Thoren auf wirklich philoſophiſche Köpfe gemünzt zu ſein ſchiene; aber im Namen der Kunſt und des geſunden Menſchenverſtandes muß ich gegen den Grundirr⸗ thum und die Uebertreibungen einer Schule Verwahrung einlegen, die höchſt tiefſinnig zu ſein beanſprucht und doch nichts iſt als höchſt abgeſchmackt. Der Grundirrthum iſt