Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
158
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Novellen⸗

Hugo Kaßner. 1.

Ich ſah des jungen Lenzes Morgenſtrahl, Der lächelnd ſich vom Blüthenbett geſchwungen, Auf goldner Bahn die grünen Dämmerungen Durchziehn im feierſtillen Waldesthal.

Ich⸗ſah den Thau vom ſtarren Traum der Nacht Wie Freudenzähren an den Blättern hangen, Die Blüthen grüßten, tauſend Stimmen ſangen

Des jungen Tages ſonnenheller Pracht.

Es drang das Licht zum ſchattig-fernſten Ort, Wo träumend noch der nächt'gen Wipfel Rauſchen; Da wollt' es ſäumen, freudezitternd lauſchen

Des hehren Waldes leiſem Märchenwort.

So biſt auch Du des jungen Lenzes Glück: Du kannſt der Schmerzen nächt'ges Dämmern hellen, In Deiner Nähe Sonnenglanze quellen

Der Freude Zähren aus der Sorge Blick.

Dich trug auf goldner Bahn die Phantaſie In ihres Zauberwaldes heil'ge Räume, Der Deinem Geiſte lichte Sonnenträume

Und Deiner Jugend frohen Jubel lieh.

So leuchte denn des Glückes Sonnenzeit

Stets Deines Lebens freudenheller Lichtung, Daß ſtets ein Blüthenfrühling Deiner Dichtung Mit neuem Sang an jedem Morgen mait!

2.

Ich will ja ſtaunend nur von ferne ſteh'n, An meinen ſchönen Kindestraum nur denken: Daß Lichtgeſtalten goldne Flügel lenken V Zu froher Dichtung ſonnenklaren Höh'n.

Du weißt ja nicht den Schmerzgebilden Dank,

Daß Dir des Sanges Zauberland erſchloſſen, Dir blühte nicht der Dichtung leuchtend Sproſſen Aus banger Sorge wucherndem Gerank.

So iſt gewiß Dein Lied am Blüthentag

Der Lenzesfreude lautes Jubelklingen,

Und nicht der müden Lerche wundes Singen, Die lang' verſchneit im ſtarren Felde lag.

Und warm vom Herzen quillt es wie Gebet: Daß Dich des Glückes Sonnenſtrahlen hüten Und Deines Sanges reiche Frühlingsblüthen

Mit Eiſeshauch kein wilder Sturm umweht!

4

eitung.[(IV. Jahrg II. Emmi von Albert Traeger. 1.

Des Lebens Leid haſt Du noch nicht erfahren, Kaum nippſt Du ſchüchtern an des Lebens Luſt, Im Knospentraum von ſechzehn Lenzesjahren Schlägt leiſe nur das Herz an Deine Bruſt.

Ich trank den Becher aus in langen Zügen, Nicht beut das Leben Luſt mir mehr, noch Leid,

Nichts kann mich locken mehr und nichts mir lügen, Mich hebt kein Hoffen, mich verzehrt kein Neid.

Doch ſchau' ich Dich, faſt will mich's dann beſchleichen, Als ob mich wieder Neid und Haß belebt,

Und der Gedanke ſchon macht mich erbleichen,

Daß einſt Dein Herz in raſchern Schlägen bebt.

2.

Als ich Dich zuerſt geſehen, Wähnt' ich wieder jung zu ſein, Frühlingslüfte fühlt' ich wehen Und im Herzen Sonnenſchein.

Jener Freude hört' ich's ſchlagen, Die ſo tief ich ſonſt empfand, Wenn nach langen Wintertagen Ich das erſte Veilchen fand.

Noch liegt der Winter in der Stadt,

Belagert die Häuſer und Straßen,

Doch draußen vor dem Thore hat Der Frühling Reveille geblaſen.

Plänkler ſchickt er ins Land hinaus, Es halten ihm Wache die Bäume; Hinter den Bäumen ſteht ein Haus, Drin träumt er noch wonnige Träume.

Blätterumrahmt und duftumhaucht, Friſch wie Thau am ſonnigen Morgen,

Roſig empor ein Köpfchen taucht, Von den Blumen

neidiſch verborgen.

4.

Und würdeſt nie die Hand Du falten, Daß betend ſie zum Himmel fleht, Stets wird er ſegnend ob Dir walten: Du biſt ja ſelber ein Gebet.

und wirſt auch keinen Laut Du ſingen, Der Lorbeer, den die Dichtung flicht, Wird Deine ſchöne Stirn' umſchlingen: Du biſt ja ſelber ein Gedicht.