Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
147
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Schweige!

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emach!

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Novellen-Zeitung.

Der pPhiloſoph in Aniform.

Erzählung nach dem Leben aus der Cavalier⸗Perſpective.

(Fortſetzung.)

Mit dieſen Worten wendete ſie ſich erröthend um, und als ſie gleich darauf landeten, ſprang ſie ohne zu ſprechen ans Ufer und ſetzte ſich ſtill auf die Bank. Reginald be⸗ feſtigte den Kahn, ſetzte ſich zu ihr und ſagte:Habe ich Dich beleidigt? Zürnſt Du mir?

Nein, erwiderte ſie uhig aufblickend.

Du haſt mir noch keigen Morgenkuß gegeben.

Weil Du keinen verlußßgt haſt.

Ich bitte Dich jetzt umf ihn.

So nimm ihn, entgegnete ſie ſanft.

Reginalds Blut wallte auf, als ihre Lippen ſich be⸗ gegneten und einen Augenblick lang aufeinander ruhten; aber er dachte an Arthur, er dachte an ſeine Pflichten als Gaſt, er dachte an Helene, kämpfte ſeine Erregung nie⸗ der, nahm Clärchens Hand und küßte das Gelenk, welches der Handſchuh nicht bedeckte. Dann ſtand er auf und ſagte:Du biſt ſehr lieb, liebes Clärchen, und ich bin Dir ſehr gut. Ich will unſere Namen einſchneiden, wie Tau⸗ ſende vor uns thaten und Tauſende nach uns thun werden. Die Freundſchaft wie die Liebe und der Glauben verlangt ſichtbare Zeichen und einen Cultus der Reliquien.

Während er die alte Borke abtrennte und in die junge Rinde die Namenszüge ſchnitt, pflückte Clärchen die blauen Bluthen des Vergißmeinnicht am Ufer und wand einen Kranz, der vermittelſt einiger Stecknadeln um ihres Freun⸗ des gelungenen Verſuch in der Holzſchneidekunſt befeſtigt wurde. Dann beſtiegen ſie wieder ihren Kahn, und Regi⸗ nald rief:Nun wollen wir hinüber zum blauen Meere fahren und uns einen Theil deſſelben pflücken, wenn es Dir recht iſt.

Mir iſt Alles recht, lieber Reginald, was Dir Ver⸗ gnügen macht.

Dieſe Antwort ängſtigte Reginald, dennmir iſt Alles recht ſagt nur die Liebe oder die muſterhafte Freundſchaft, und Freundſchaft iſt zwiſchen einem jungen Mädchen und einem jungen Lieutenant doch ſehr ſelten! Fremde Liebe aber ängſtigt, wenn man ſie nicht theilt, weil man fühlt, der Augenblick der Ausſprache muß kommen, und dann wird man gegen ſeinen Willen Jemanden, den man ſchätzt, in tiefſter Seele verletzen müſſen. Man ſucht in ſolchem Fall jeden Anlaß zur Ausſprache zu vermeiden, und ſo rief auch Reginald:Jetzt, Clärchen, können wir unſere!

Kunſt als Seeleute zeigen, wir müſſen gegen Wind und Wellen kämpfen.

Hierdurch aufgerufen wandte Clärchen ihre ganze Auf⸗ merkſamkeit dem Ruder zu, welches ſie wirklich mit großer Geſchicklichkeit regierte, und der Kahn flog über die plät ſchernden Wellen ſeinem Ziele entgegen, das er bald er⸗ reichte.

Als ſie ausſtiegen, kreiſte über ihnen, hoch über ihnen ein Storch, aber die häßlichen, langen Beine konnte man nicht ſehen, und ſeine Bewegungen glichen faſt denen eines Adlers. Reginald verfolgte beim Erſteigen des Hügels ſeine fortſchreitenden Kreiſe, und oben angelangt bat er Clärchen denſelben zu betrachten.Sieh, ſagte er,es iſt doch kein Thier ſo graziös als ein kreiſender Aar: es iſt die Grazie der Kraft und Kühnheit; in dieſer Höhe aber iſt mir der Storch noch lieber. Wenn er auf die nordweſtliche Peripherie ſeiner Kreiſe kommt, dann glänzt das weiße Ge⸗ fieder ſeines Rückens blendend in der Sonne, und ich muß unwillkürlich an eine Stelle meiner Lieblingstragödie denken, in welcher Julia ihrem fernen Romeo zuruft:

Komm Nacht! Komm Romeo! Du Tag in Nacht!

Denn weißer wirſt Du ſchimmern auf den Flügeln

Der Nacht, als Schnee auf eines Raben Rücken.

Reginald fühlte ſtatt jeder Entgegnung oder Beiſtim⸗ mung den Blick Clärchens auf ſein Geſicht gerichtet, und als er niederſah und dieſem tieftraurigen Blicke der unver⸗ ſtandenen Liebe begegnete, da vergaß er Alles, Aar und Storch, Romeo und Julia, Arthur und Helene, Alles, Alles; er war nur noch der geliebte junge Mann dem lie⸗

benden Mädchen gegenüber, er riß ſie zu ſich empor, und

ihre Lippen fanden ſich zu langem, langem, glühenden Kuſſe; endlich entwand ſich ihm Clärchen und flüſterte: Wie küſſeſt Du ſchrecklich, Reginald!

Da erwachte dieſer aus ſeinem plöͤtzlichen Rauſch und andere Erinnerungen wurden ſeiner mächtig; er ſchlug ſich vor die Stirn, ergriff haſtig ihre Hand, küßte ſie und rief: Verzeihe mir! verzeihe mir, liebes Clärchen! dann warf er ſich auf die Bank und ſtarrte vor ſich nieder. Aus Clär⸗ chens Herzen war auch ſchon alle Freude wieder entflohen;

ſie verſtand ihn zwar nicht, aber ſie ſah ſeine tiefe Trau⸗ trigkeit, und ſo ſtand ſie vor ihm und ſah ihn betrübt an.

Laß uns nach Hauſe fahren, ſagte ſie endlich.

Ja komm, wir wollen nach Hauſe fahren, wieder⸗ holte Reginald. Und ſie fuhren ab, ohne eins der tau⸗ ſend Veilchen gepflückt zu haben, von denen ſie gelockt wor⸗

den waren und die ſich ihnen darboten.

Am Nachmittage bat Reginald ſelbſt mit hinaus aufs Feld zu nehmen eine

den Baron ihn Bitte, die bereit⸗