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Novellen-Zeitung.
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Der Philoſoph in Aniform.
Erzählung nach dem Leben aus der Cavalier⸗Perſpective.
(Fortſetzung.)
Die Schwalben begrüßten am nächſten Morgen kaum das dämmernde Roth des Oſtens mit ihrem zwitſchernden Geſang, auf den Regenrinnen ſitzend, als Reginald er⸗ wachte und ſich augenblicklich erhob, um ſich anzukleiden. Dann ging er durch das ſchlafende Schloß an der großen Uhr des Flurs vorbei, die ihn antickte, als wollte ſie ihn von ſeinem Vorhaben abmahnen, hinüber zu Gottlieb und befahl ihm zwei Pferde zu ſatteln, wenn er abgefüttert hätte. Dann ging er wieder zurück durch das noch immer lautloſe, aber nicht mehr unbewachte Schloß, denn Franz hatte die Hausthüre gehen hören und war aufgeſtanden, um nachzuſpähen, daß ſich kein Dieb einſchleiche, und war nicht wenig erſtaunt, in Reginald den frühen Wanderer zu erkennen. Doch Reginald ließ ihn mit ſich gehen, damit er nicht mehr Lärm mache, und ſagte ihm, er wolle für ei⸗ nige Tage fort und nur wenige Wäſche mit ſich nehmen, die er bequem in einer kleinen Taſche bergen könne, und übergab dem alten Franz ſeine übrigen Sachen mit einer Anweiſung, wie ſie verpackt werden ſollten, wenn er ſie nachgeſchickt wünſchte. Dann ſchickte er Franz mit der Reiſetaſche zu Gottlieb, gab ihm die Weiſung, ihn dort zu erwarten, und ſetzte ſich noch einmal nieder, um einige gleichgültig entſchuldigende Zeilen ſeiner plötzlichen Ab⸗ reiſe wegen an Arthur zu hinterlaſſen. 8 Zu ſich ſelbſt aber ſagte er:„Ich liebe ſie und begreife das jetzt erſt, wo ich die Thorheit geſprochen, die ihren Be⸗ ſitz mir unmöglich macht. Hier hilft nur Flucht, ſchleu⸗ nige Flucht in die Berge, in denen die Freiheit wohnt!“ Nachdem er noch einen Brief an den Poſtmeiſter von R. gerichtet hatte, mit der Weiſung alle Briefe zu behalten, bis er ihm ſchreibe wohin ſie zu ſenden ſeien, ging er hin⸗ über zum Stall, beſchenkte Franz für ſich und die andere Dienerſchaft, beſtieg den längſt ausgeruhten, ſchon wieder
übermüthig gewordenen Cicero und ritt von Gottlieb ge⸗
folgt durch den Park den Bergen zu. Eine halbe Stunde langer, ſcharfer, wortloſer Ritt brachte ſie an den erſten Paß, ein enges Thal, durch welches ſich der plätſchernde Fluß ſchlängelte, der den Schönauer Park durchſtrömt. Reginald wollte in das Thal einbiegen, doch Gottlieb ritt heran und ſagte:„Wollen der Herr Lieutenant nicht über
die Höhe reiten, es iſt lange nicht der . lbe Weg, und die Pferde klettern!“ hulbe K
„Auch Cicero?“
„Auch. Iſt eigene Zucht, Herr Lieutenant. Die Mut⸗ ter iſt das Handpferd, das neulich mit nach R. ging.“
„So wollen wir über die Höhe reiten,“ ſagte Reginald.
Der ſchmale Weg hob ſich allmählich, darauf wurde er ſteil, dann ganz flach, aber an den Seiten waren oft tiefe und ſteile Abhänge, die für ein unſicheres Pferd und einen unaufmerkſamen Reiter gefährlich waren. Als wollte das Schickſal Reginald warnen, ſah man gleich bei dem erſten aber nicht tiefen, auch nicht ſteilen Abhang die Spuren, welche ein hinabgleitendes Pferd hinterlaſſen hatte, und Reginald, der es bemerkte, ſagte:„Hier muß auch in den letzten Tagen ein Unglück geſchehen ſein.“
„Kann auch ſchon bis vierzehn Tage her ſein, ſo lange hat es nicht geregnet,“ erwiderte Gottlieb; er ſchien noch mehr ſagen zu wollen, doch hielt er inne.
Der Leſer wird gewiß bei dieſer Spur, gleich Gottlieb, ſich Arthurs Unfall in Erinnerung bringen, doch Reginald hatte keinen Gedanken für ihn. Der Liebende gleicht eben einem Mann, der mit einem Fernrohr vor dem Auge einen beſtimmten Gegenſtand beobachtet: dieſen und ſeine Be⸗ wegungen und ſeine Verhältniſſe zu ſeiner Umgebung wird er weit deutlicher und klarer erkennen wie jeder Andere; aber für Alles, was um ihn ſelbſt geſchieht, iſt er vollkom⸗ men blind.
Als ſie hinabritten, kamen ſie nach L., einem der langen Gebirgsdörfer, die ſich durch die Windungen der ſchmalen Thäler oft meilenlang hinziehen. Dort ſtieg er vor dem reinlich ausſehenden, ziemlich großen, oft von Ge⸗ birgsreiſenden beſuchten Gaſthauſe ab, ließ für ſich und Gottlieb Frühſtück unter die blühenden Bäume heraus⸗ bringen, verabſchiedete dann dieſen mit den Pferden, der gern an jedem Tag ſolchen Morgenritt machen wollte, wie er bei der Heimkehr dem Stalle pantomimiſch verſicherte, und ließ dann einen Boten holen, der ihn und ſeine Taſche nach Waldbrunn brächte; denn in dieſen Gegenden iſt Gehen ein Genuß, Fahren aber eine Qual.—
Es ſchlug grade ſieben Uhr vom Dorfkirchthurm, als ſie die Höhe hinter dem Gaſthausgarten erſtiegen hatten, und Reginald fühlte es ordentlich, wie die Glockentöne durch Luftwellen an ſein Ohr getragen wurden, ſo ſtill war es hier oben ſchon. Der Weg führte unter hohen Bäu⸗ men hin, mit vielem Unterholz durchwachſen, und nur zu⸗ weilen konnte man einen Blick ins Thal werfen, deſſen Wände auch ganz bewaldet waren und mit ihren vielfachen Schattirungen, vom hellſten Lichtgelb der jungen Sproſſen bis zum tiefen Schwarzgrün der Tanne einen wundervol⸗ len Anblick gewährten. Rings duftete das junge Grün, die Vögel ſangen, der Himmel war ſo ſonnig blau und die
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