Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
99
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IV. Jahrg.

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Merlag⸗

Nr.

Der phiſoſoph in Aniform.

Erzählung nach dem Leben aus der Cavalier⸗Perſpective.

(Fortſetzung.) 4

Im Gartenſaale zu Schönau hatte ſich bereits das Halbdunkel des Maiabends gelagert, und ein leichtes Lüft⸗ chen trug die verſtärkten Düfte des blühenden Flieders durch die geöffnete Thür bis zu Arthur, der noch immer ſeinen anziehenden Träumereien hingegeben im Armſtuhl lehnte; da that ſich die Thür nach dem Corridor auf und Tante Boddel trat ein, gefolgt von Friedrich, der zwei große Lampen trug und ſie auf dem ausgeſchweiften Tiſch vor Arthur niederſetzte, ſo daß dieſer, geblendet von dem ihn plötzlich grell beleuchtenden Licht, die Augen mit der Hand bedeckte.

Friedrich ſchlich ſich ſchnell und leiſe wieder hinaus und entging dadurch den wohlverdienten Scheltworten. Tante Boddel aber blieb mit beſorgtem Blick neben ihrem Neffen ſtehen, ſtrich ihm leiſe mit der weichen, weißen Hand die Haare aus der Stirn und ſagte in ihrem ſanfteſten Ton: Du biſt krank, mein Goldjunge, Du haſt Fieber.

Nein, liebe Tante. Ich bitte, nimm Deine Hand fort, ich bin ganz geſund.

Du fühlſt das nicht ſo, mein Kind, aber die Pulſe an Deinen Schläfen ſchlagen fürchterlich voll und ſchnell.

Sie hatte kaum ausgeſprochen, als ein ſchneller Griff von Arthurs kräftiger geſunder Hand ihren Arm faßte, von ſeinem Kopf ſchleuderte und die ſorgſamſt gefälteten und gepufften Aermel grauſam zerdrückte und zer⸗ enitterte.

Natürlich war es, daß ſie ihrem ungeduldigen Neffen eine Strafpredigt hielt, die mitDu böſer unartiger Junge begann und mitwenn man Dir nur nicht trotz⸗ dem ſo gut ſein müßte endete. Zum Schluß küßte ſie in auf die Stirn, legte noch einmal die Hand auf die alte Stelle und ſagte:aber Fieber haſt Du doch.

Bis hierher hatte Arthur mit muſterhafter Reſignation das, wie er wußte, Unvermeidliche über ſich ergehen laſſen,

um die Tante, die ihn wirklich außerordentlich liebte, nicht

nutzlos zu verletzen, nun aber ſprang er auf und rief: Setzeſt Du Dich nicht ſogleich nieder, Tante, dort drüben auf die andexe Seite vom Tiſch, ſo gehe ich fort.

Bleibpur, bleib, rief die eilig zu dem angewieſenen Seſſel trippelnde alte Dame,ich ſitze ja ſchon. Kaum ber hatte ſie das Körbchen mit geſtickter Borte, in welchem ihr Werkzeug lag, vor ſich hingeſetzt, ſo begann ſie von

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Neuem:Aber die fürchterliche Heftigkeit mußt Du Dir abgewöhnen, mein Herzensjunge. Wenn Du Dich nur in ſolchem Augenblick einmal im Spiegel ſehen könnteſt! Du wirſt Dir Dein hübſches, feines Geſichtchen ganz ver⸗ zerren.

Dies iſt mir ganz gleichgültig. es aushalten, ſo gequält zu werden.

Gequält zu werden? Ich bitte Dich, welch unpaſſen⸗ der Ausdruck iſt dies! Dein Freund Reginald würde ge⸗ wiß nicht ſo zu ſeiner alten Tante ſprechen.

Wenn er in ſolcher Stimmung wäre, gewiß.

Er iſt aber nie in ſolcher Stimmung, und Du biſt es nur, weil Du krank biſt.

Nein, nicht weil ich krank bin, ſondern weil Du mich in meinen beſten Gedanken geſtört haſt.

An was denkſt Du denn? Denkſt Du an Helene?

Nein.

Denkſt Du an die Drainage auf dem Mühlvorwerk?

Nein.

Denkſt Du an Deine neuen Gartenanlagen?

Nein.

Denkſt Du an Dein armes Reitpferd mit dem ge⸗ brochenen Bein?

Auch an das.

Auch an das? Nun, an was denkſt Du denn ei⸗ gentlich?

An Nichts. Herr Gott! liebe Tante, mußt Du denn immer fort fragen!

Ernſtlich in ihrer Neugierde beleidigt ſetzte ſich Tante

Boddel feſt hinten über, ſtreckte ſich kerzengrade und ſtrickte ihre Nadeln mit zornigem Eifer ab. Arthur erkannte ſein Unrecht, reichte nach einer Pauſe ſeine Hand über den Tiſch und ſagte:Verzeihung, Tantchen! V Doch Tante Boddel war keineswegs gewillt, ihrem Nef⸗ fen die Verſöhnung ſo leicht zu machen; im Gegentheil, ſie ſah gar nicht auf, einige ſtets bereite Thränen traten in die Aungen, und ſtatt der Hand ihres Neffen ergriff ſie das ge⸗ ſtickte und geſtärkte, wirklich geſtärkte Taſchentuch und rieb damit ihre unglücklichen Augenlider ſo roth, daß es den Eindruck machte, als habe ſie mindeſtens einen halben Tag lang heftig geweint.

Arthur gerieth außer ſich:Ich bitte Dich, Tante, laß doch dies Weinen ohne allen Grund und das verwünſchte Reiben! Deine Augen werden ganz entzündet ausſehen. Was ſollen Helene und Reginald denken, wenn Du ſie ſo empfängſt!

So! ich weine ohne allen Grund? entgegnete Tante V Boddel mit thränenvoller Stimme.Ohne allen Grund nennſt Du das, wenn Du Deine alte Tante, die nur Dir

Kein Menſch kann