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Literariſche Beſprechungen. V
Buch der Sachſen. Originaldichtungen aus der b ſächſiſchen Geſchichte. Von Adolf Böttger. Mit einem Titelbilde nach Kretzſchmer geſtochen von Lämmel.— Leip⸗ jig, Gieſecke und Devrient. 1858.
Als wir vor zwei Jahren Adolf riſch⸗epiſche Dichtung„der Fall von Babylon“ hier be⸗ V ſprachen, durften wir ſagen: dieſer Dichter iſt mehr denn irgend Jemand als ein Talent des Luxus anzuſehen, d. h.
des ideellen, äſthetiſchen Luxus, wie er eine Berechtigung und eine Nothwendigkeit bei jeder Nationalität von hoher
Culturbildung ſein wird. A. Böttger iſt kein Dichter von vorzüglich tiefen Ideen und energiſchen ſittlichen Intentio⸗
aen; er iſt ein Dichter der Form vornehmlich, mehr als ein V Dichter— ein Künſtler, ein Virtuoſe der Ausführung,
e er Darſtellung in einſchmeichelnden Rhythmen und präch⸗
gen Farben; ſeine Dichtungen nicht eigentlich erhebend
dder ergötzend, ſie ſind vornehmlich blendend, nicht das
Gemüth bewegend, ſondern die Phantaſie, ja die Sinne
anregend. ung aus ihnen, nicht ſüßen Troſt im Unglück, nicht ſittliche
Weihe im Glück, aber man ſchwelgt gern in dieſer Fülle von
Bildern, Empfindungen und Gedanken, die ohne irgend
welche Entartung, das Süßliche wie das Ueberkräftige ver⸗ meidend, ſtets geſchmackvoll, ſtets intereſſant aneinander ge⸗ eeiht ſind.—
Böttger's letzte größere V
ogen; rgezogen.
rflogen.
Kein anderes Talent konnte ſo wie das Böttger's zur
Ausführung des vorliegenden Werkes geeignet ſein. Die Geſchichte des ſächſiſchen Volksſtammes,„wie ſie aus dem Dunkel der Vorzeit in deutlicheren Umriſſen hervortritt und von ſeiner Helden kühnen Unternehmungen, von ſeiner
„Ausbreitung und Fortentwicklung genauere Kunde gibt,“
ſollte in Monumenten künſtleriſcher Offenbarung ſeine dich⸗ teriſche Verherrlichung finden; was in der Geſchichte dieſes — Stammes und ſeiner Fürſten zur Darſtellung in Balladen⸗ aglen bubt orm Geeignetes überliefert iſt, das hat hier eine des In⸗ g Jahten haltes würdige Geſtaltung erhalten. Jede dieſer Origi⸗ naldichtungen rundet ſich als einzelnes Ganzes in Roman⸗ enform ab, und wenn ſie als ſolches durch Gedrängtheit des Inhaltes, Spannung der Handlung und Concentri⸗ ung der Idee nicht immer für ſich ſelbſt eine erſte Bedeut⸗ ſemkeit wird in Anſpruch nehmen können, ſo gewinnt eine jede doch durch das Verhältniß zu den anderen, und die Geſammtheit endlich ſtellt ſich als ein neues Ganzes von
un mehr?“
„SZobn iſt ganz
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zen Manne⸗ ſgen Manne,
Sagenkreis oder Geſchichtsabſchnitt verherrlichen wollen, nüöchten wir deshalb dieſe Balladenreihe vergleichen, da aauch in ihm das einzelne Tableau an Vertiefung der Idee unnd Innigkeit der Behandlung nicht immer mit einem Verk concurriren dürfte, bei dem in einem Momente die anze Meiſterſchaft ſich concentrirt, während wieder in der Aufeinanderfolge von Kunſtwerken das einzelne an groß⸗
„ Anzeige: Vor⸗
annigfaltigkeit der Stimmungen wie an Erhabenheit Intention gewinnen muß.
Im Prologe ſpricht der Dichter über ſeine Aufgabe ſich ſt wie folgt aus:
Man ſchöpft nicht Erſchütterung und Erbau-
ſechöhtem Eindrucke und künſtleriſcher Vollendung dar. Mit einem Cyklus von'Frescogemälden, die ebenfalls einen
Dritte folge.
V
Miger monumentaler Haltung und die Geſammtheit an 46
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Kühn hab' ich gewagt, rhapſodiſchen Flugs Euch Thaten zu ſingen der Sachſen,
Sind's Blätter auch nur vom gewaltigen Baum, ſie bilden doch immer ein Kränzlein.
Blutfarben der Schlacht verwob ich im Lied mit den tröſtlichen Farben des Friedens,
Im Herzen den Wunſch, ſie möchten ſich ſchön wie der Bogen der Iris verſchmelzen,
Daß günſtigen Sinns der Befreundeten Kreis gern horche dem rhythmiſchen Reigen.
Wem theuer das Volk, wem heilig das Land, das eigen er nennt von Geburt an,
Der ehrt in der Bruſt die Ahnen des Stamms, die Beſchirmer des heimiſchen Heerdes;
Dem dringt in das Mark elektriſch das Lob unſterblicher Helden der Vorzeit,
Bald regt ſich in ihm die begeiſterte Gluth, Gleichgroßes zu
3 ſchaffen und Gutes. 4 Das Lorbeergeflecht um die blendende Stirn verewigter Todten in Marmor 8
Uebt magiſche Kraft auf der Enkel Gemüth, zu erobern die Kränze der Nachwelt,
Themiſtokles gleich, den ſtündlich zum Ruhm anſpornte Mil⸗ tiades' Standbild.
Es vererbte der Stolz Jahrhunderte Lich, aus der Sachſen Geblüte zu ſtammen,
Von Geſchlecht zu Geſchlecht, als trautes Symbol die erwär⸗
3 mende Sonne der Gradheit. 3
Ob klein das Gebiet, hell leuchtet der Ruhm der väterlich wal⸗ tenden Fürſten,
Die der Willkür Schwert umwandelten ſtets in das wonnige Zepter der Milbe. 3
Sie lohnten gerecht das gerechte Verdienſt Selbſtſucht nicht fennender Treue;
Sie hoben die Kunſt und des Genius Flug, ſich wiegend im Aether der Schönheit,
In des Thrones Zenith und verherrlichten ſtolz die Kron' im Bekrönen der Dichtkunſt.
Hoch preiſt Deutſchland den verkkärten Auguſt in dem wohl⸗ lautathmenden Ilmthal,
Wo Wieland geſtrebt, wo Herder gelehrt, wo Schiller gewaltet
und Goethe.
Noch ſchwingt ſich empor mit geſtaltender Kraft melodiſch die Muſe zu Koburg,
Und königlich rauſcht an der Elbe Geſtad die prophetiſche Harfe des Dante.
Rings hebt dankbar ſich der freudige Blick zum gewaltigen Len⸗ ker des Weltalls 5
Und erbittet von Ihm allſegnendes Glück für die Häupter der
ſächſiſchen Lande, aß feſten Vertrauns ſie beſchirmen das Volk in des Friedens belebender Freiheit, enn der tägliche Kampf mit dem Leben, er droht dem Weiſeſten ſelber Gefahren.
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O! die Städte, ſie blühn in dem regſten Verkehr, Gold trägt des Gewerks thatkräftiger Fleiß, Und der forſchende Geiſt wie die ſchaffende Kunſt Scheucht lächelnd hinweg die Gewölke des Wahns: Wenn der Fürſt ausſtreut auf jeglichen Heerd Und in jegliches Herz Die beglückenden Roſen der Liebe.
Die einzelnen Romanzen gehen vom Urſprung der al⸗ ten Sachſen aus, ſchildern uns germaniſches Heidenthum, Bekehrung zum Chriſtenthum, die Hunnenſchlacht bei Mer⸗ ſeburg, die ſächſiſchen Kaiſer, dann mannigfache Züge aus der weiteren Entwickelung ſächſiſcher und thüringer Stämme; dem Prinzenraub iſt ein eigener Cyklus gewid⸗ met; die Reformation gibt ferner Stoff zur Verherr⸗ lichung der Kürfürſten Friedrich des Weiſen, Johann Friedrich des Großmüthigen, Moritz und Auguſt, ſo wie
Ernſts und Bernhards von Weimar. Einer der letzten
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