Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
14
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ſtürmiſch die Marſeillaiſe. Der Haß gegen die fremde Uniform ging ſo weit, daß eines Tages das Theater ge⸗ ſchloſſen blieb, weil die Franzoſen nicht mehr die fremden Truppen ſpielen wollten, und ein Decret des Directors ver⸗ ordnete, daß fernerhin ſeine Leute abwechſelnd die Ruſſen oder Franzoſen, Beſiegte oder Sieger vorſtellen ſollten. Jetzt iſt Karl der Zwölfte an der Reihe; aber was kümmert den Kaiſer die Schlacht bei Pultawa? Ob die Schwe⸗ den oder Ruſſen ſiegen, iſt ihm ganz gleichgültig, der Pul⸗ verdampf entzückt den Franzoſen nur, wenn die Tricolore dazwiſchen flattert und ſiegreich auf eine Höhe von Thea⸗ terleinwand gepflanzt wird, und wenn unter Trommelwir⸗ bel und Hörnerſchmettern der Kaiſer auf ſeinem Schimmel erſcheint und das Publicum grüßt!

Das Théatre de la Gaité neben dem Cirque hat die meiſten Sympathien der bürgerlichen Claſſe und der Ar⸗ beiter. Hier werden jeden Abend ſechzehn Acte Edel⸗ muth und Schurkerei gegeben, hier fließen die meiſten Thränen der gutmüthigen Pariſer, hier iſt das Treibhaus des Schauerdrama's, hier kann man lernen, daß alle reichen Leute ausgemachte Schurken und jeder pariſer Laternen⸗ putzer ein edles Weſen iſt. Gift und Dolch, Heuchler und Verräther beleben dieſe Dramen, in welchen die Tugend regelmäßig kurz nach Mitternacht ſiegt. Hier verbirgt die pariſer Bürgerfrau ihr thränenſchweres Antlitz in dem claſ⸗ ſiſchen Taſchentuche, während die Arbeiterin dort oben ſich ungenirt vor Angſt und Bewegung enger an den Beſchützer ſchmiegt und ihre Thränen hinunter gleiten läßt auf das Parterre⸗Publicum; der Gamin ſchwebt in erſchreckend kühner Stellung über die Brüſtung weg, mit ſtierem Auge den Verräther verfolgend, und wenn einige Sceptiker der Proſceniumsloge etwa über den Schmerz eines verfolgten Opfers lächeln, dann erhebt ſich die Galerie wie ein Mann und kreiſchtà la porte!

Laſſen wir nun die beiden Vaudeville⸗Theater liegen, ſo gelangen wir an die zwei niedrigſten Volkstheater, welche

3 14 Novelſſen⸗Zeitung.

Paris aufzuweiſen hat, les Funambules und le petit La- zary. In Beiden herrſcht der Arbeiter und der Gamin ungenirt; von den Autoren der hier aufgeführten Stücke werde ich in meinem ſpäteren Aufſatzedunkle Exiſtenzen reden. Die Stücke ſelbſt ſind etwa Vaudevilles oder Pan⸗ tomimen, das Corps de Ballet der Funambules flickt ſeine Tricots ſelbſt und wäſcht ſie nur ſelten. Vor dem Lazary aber ſteht ſchon der herkömmliche Ausrufer der Jahrmarktsbuden und lockt das Publicum unter Aus⸗ kreiſchung der zu gebenden Stücke zum Eintritt ein. Der Gamin bittet den Vorübergehenden um funfzehn Centimes zu einem Parterrebillet, und der Arbeiter lehnt ſich ohne Rock über die Brüſtung der Logen zu zehn Sous weg. Die letzten Bouquet⸗Händlerinnen findet man an der Gatté. Darüber hinweg hat das Volk kein Geld mehr für Blu⸗ men, und als das höchſte Zeichen der Anerkennung fliegt eine Apfelſine von der Loge herab auf die Bühne. Von dieſen ärmlichen Beluſtigungsorten des Volkes zu der demi- monde iſt nur ein Schritt. Der Speculationsgeiſt hat die pariſer Corruption mitten unter die arbeitenden Claſſen des Boulevard du Temple verpflanzt. Das ſeit einigen Jahren beſtehende Théatre des Folies Nouvelles be⸗ ſucht man weniger des Schauſpiels auf der Bühne, als des Schauſpiels im Saale halber. Hier iſt das Rendezvous der weiblichen demi-monde und der jungen Dandy's oder Börſenſpeculanten. Das Publicum kennt ſich und unter⸗ hält ſich ungenirt während der Aufführung. Sperrſitz und Logen begrüßen und beſuchen ſich. Das Schauſpiel iſt ungefähr nur ein Vorwand, und manche pariſer Arbeite⸗ rin im einfachen Kattunkleide, welche eine ihrer früheren Gefährtinnen hier in eleganter Toilette wiederfindet, legt Abends ſorgenſchwer das Köpfchen in das Kiſſen und denkt darüber nach, ob es nicht beſſer wäre, die Manſarde gegen die parfumirten Boudoirs des Quartier Notre Dame de Lorette zu vertauſchen.

Doch die Müller verſtanden keinen Spaß. Ohne erſt noch⸗ malsVorgeſehen zu rufen, ſielen ſie über Jahn her, der mit ſeiner Eiſenfauſt Schlag durch Schlag vergalt und gleich ſein Turn⸗Vater⸗Machtwort ertönen ließ:D'rauf, Jungens!

Und die Jungens, echte Turner, gingen auch wirklich derauf wie Blücher; aber wie die Hunde von den Fängen des wüthenden Ebers in die Luft geſchleudert und kampfunfähig gemacht werden, ſo hier die Knaben. Wie Bälle flogen ſie von den kräftigen Müllerfäuſten geſchleudert in der Luft umher und ſtürzten viele Schritte weit zu Boden, daß ihnen im eigentlichſten Sinne des Wortes die Rippen krachten. 3

Buald war die Hälfte des Knaben⸗Schwarmes außer Gefecht geſetzt, aber auch die Müller hatten einſehen gelernt, daß ſelbſt ſo kleine Feinde nicht zu verachten ſind, während Jahn's Püffe, kunſtgerecht verſetzt, ihnen gewiß noch verſchiedene Tage lang fühl⸗ bar im Gedächtniß blieben. Sie ließen ab von dem Turnvater, dieſer ſammelte ſeinen Trupp und verfolgte, zwar unter Schimpf⸗ reden, weiter aber unbeläſtigt, den anfangs verbotenen Weg.

So hatte er denn den Sieg errungen, und der Triumph, den er darüber empfand, ließ es ihn verſchmerzen, daß die Müller ihm nicht nur etwas weiß gemacht hatten, ſondern ihn auch blau anlaufen ließen. a.

Palmas geliebte.

In Venedig giebt es zwei Gemälde von Palma. Das eine ſtellt die Menſchen in Erwartung des jüngſten Gerichts dar. Unter den Engeln erblickt man dabei das reizende Geſicht der Geliebten Palma's. Das andere Gemälde iſt die Hölle; man ſieht hier

dieſelbe Frauengeſtalt, wie ſie von den Teufeln weggeſchleppt wird. Es war nämlich in der Zwiſchenzeit zwiſchen der Vollendung des erſten und dem Beginn des zweiten Gemäldes die Ge⸗ liebte Palma's dem Künſtler untreu geworden, und er rächte ſich

nun dadurch an ihr, daß er ſie von den Engeln unter die Teufel. verſetzte. 3

Dieſe Rache erinnert an die, welche auch Dante und Michel Angelo an ihren Feinden ausübten, der Eine in ſeinerHölle,

der Andere in ſeinem Gemälde:das jüngſte Gericht. a.

Rünſtler⸗Criumph.

Eine gefeierte Tänzerin der großen Pariſer Oper, welche in dieſem Augenblicke Europa durchreiſt, mit unnachahmlicher Grazie auf den Fußſpitzen ſchwebend, gewinnt überall, wo ſie ſich zeigt, den lebhafteſten Beifall, erregt Entbuſiasmus, feiert Triumphe. So auch in Palermo, wo ſie vor einigen Monaten gaſtirte. Wäh⸗ rend der Vorſtellung ertönte betäubender Beifallsjubel, man warf ihr Kränze, Bouquets, Blumen zu. Nach der Vorſtellung ſpannte eine enthuſiasmirte Menge ihr die Pferde ein wahres Pracht⸗ geſpann vom Wagen, und unter Begleitung eines vivatſchreien⸗ den Gefolges wurde ſie von Enthuſiaſten⸗Armen bis nach ihrem

Hötel getragen.

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Sie ſchlummert nun Von Glück und Ruhm nur träumend, aber ihre Pferde hat ſie niemals wieder zu ſehen bekommen.

[IV. Jahrg.

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