III. Jahrg.
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ſtantismus bekannte,
Dritte Folge.
Literariſche Beſprechungen.
Maria Thereſia und ihre Zeit. Hiſtoriſcher Ro⸗ man von Franz Carion. Drei Theile.— Leipzig. F. A. Brockhaus. 1857.
Dieſes Buch gehört innerhalb der Romanliteratur zu der Gattung, die im theatraliſchen Fach die beſſeren Stücke der Frau Birchpfeiffer einnehmen: die große Maſſe des Publicums fühlt ſich unbedingt dadurch angezogen, gefeſ⸗ ſelt und befriedigt, und auch der excluſiv Gebildete kann ſowohl dem ſtofflichen Reichthum als auch der geſchickten Behandlung ſein Intereſſe nicht verſagen. In dieſen drei Bänden ſind uns die hauptſächlichen Lebensmomente der Kaiſerin Maria Thereſia, die ihrem Regimente zu Grunde liegenden Situationen und darin ſie unterſtützenden Perſo⸗ nen mit der Einfachheit, Klarheit und ſelbſt Schärfe der
Zeichnung veranſchaulicht, die den neuen Romanen von
L. Mühlbach ein ſo großes Publicum gewonnen haben. Ausführlich und mit Liebe geſchildert iſt namentlich Fürſt Kaunitz. Ihm gegenüber ſteht der Beichtvater der Kaiſe⸗
rin, der Jeſuit Pater Hambacher. Auch der ſpätere Kaiſer
Joſeph II., deſſen Lebenslauf vom Jüngling bis zum Ende verfolgt iſt, ſpielt eine große Rolle. Es iſt eine ganz be⸗ ſtimmte Tendenz, in der der Verfaſſer dieſen Roman ge⸗ ſchrieben und in der er die geſchichtlichen Verhältniſſe und Conflicte jener Jahre in entſchieden geiſtiger Auffaſſung zu
pointiren und mit den freien Erfindungen ſeiner Phantaſie Die confeſſionellen Con-
zu combiniren verſtanden hat. fliete, der letzte Kampf des böhmiſchen Proteſtantismus gegen die herrſchende Kirche des öſterreichiſchen Staates iſt der ideelle Gehalt der Handlung.
Mit großer Gewandtheit iſt zur Verſinnlichung ſolcher Tendenz die Erzählung angeknüpft. Wir ſehen im Jahr 1743 die noch ganz jugendliche Kaiſerin, die ſo eben die grauſamſte Rache genommen hat an den böhmiſchen Adels⸗ familien, die im bairiſchen Erbfolgekriege für Kurfürſt
Karl Albrecht gegen ſie Partei ergriffen hatten. Unter dieſen iſt auch die gräflich Wrtby'ſche Familie, die ſeit
dem dreißigjährige Kriege her ſich noch immer zum Prote⸗ und über deren letzten Sproß das Todesurtheil verhängt iſt. Die Gräfin Wrtby in hochgeſeg⸗ ietem Zuſtande naht ſich mit einer Bittſchrift der Kaiſerin. Die Kaiſerin empfängt die Bittende; beide ſprechen aufs Schärfſte die religiöſen Gegenſätze aus, die ſie gegen einan⸗ der führen; die arme Unglückliche imponirt der Herrſcherin denn doch durch die menſchliche Berechtigung ihres Glaubens und durch den weiblichen Opfermuth trotz ihres Elends. Die Kaiſerin beſchließt mit ihrer Rache einzuhalten. Aber koch ehe die Audienz geendet, erreicht der phyſiſche Zuſtand jer Gräfin ſeine Kataſtrophe; im Zimmer der Kaiſerin ommen Zwillinge zur Welt. Ehe Maria Thereſia die Ret⸗ ting des in Prag eingekerkerten Grafen Wrtby hat voll⸗ ſähren können, kommt die Nachricht ſeiner Hinrichtung in Vien an. Es iſt der Kaiſerin ein Troſt, daß die Gräfin, de in Folge ihres Zuſtandes ſtarb, nicht mehr die Trauer⸗ letſchaft ernommen. Von den Zwillingen iſt der Knabe g ſtorben; nur ein Mädchen bleibt am Leben und die Kai⸗ ſcrin beſchließt für daſſelbe zu ſorgen, indem ſie es,
ohne
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zu Egon.
einer Feuersgefahr
ihm nur eine Ahnung ſeines Herkommens zu laſſen, im Schutze der alleinſeligmachenden Kirche ſtandesgemäß er⸗ ziehen läßt.
Der aufmerkſame Leſer wird aus dieſem Berichte ſchon gemerkt haben, daß ſolche Situation entſchieden als auf thatſächlichem Irrthum beruhend ſich documentiren muß. — Ein verſtändiger Romanſchreiber läßt, ebenſo wie die Wirklichkeit, nicht ſo leicht Zwillinge zur Welt kommen, damit eine der beiden Seelen alſobald ohne weitere Folgen wieder aus dem Leben ſcheide. Nein, Herr Franz Carion iſt ein verſtändiger Romanſchreiber, und ſomit hat ſein klei⸗ ner Graf nicht umſonſt das Licht erblickt. Das Kind iſt nicht todt, es wird dem Leben erhalten, aber von Pater Hambacher entführt und ebenfalls heimlich, ohne Bewußt⸗ ſein ſeiner Abſtammung, für den katholiſchen Glauben er— zogen. Der junge Sprößling der Wrtby's kommt als Egon Little dann nach Wien, um Medicin zu ſtudiren; bei rettet er einem Fräulein Conſtanze v. Barlaimont, die ſich natürlich ſpäter als ſeine Schweſter entwickelt, das Leben; Conſtanze ſoll einen ungariſchen Gra⸗ fen heirathen, es entfaltet ſich in ihr aber eine Neigung Dieſe Neigung erhält Nahrung, als Egon, der Arzt, um der auf das Gemüth unglückſelig wirkenden Blutarmuth des Zwillingskindes abzuhelfen, ſein Blut dazu hergiebt, der Leidenden es künſtlich in die Adern ein— zuführen,— eine Operation, die in der That früher mehr⸗ fach verſucht worden iſt und die der Dichter hier zu einer ſpannenden und eigenthümlichen Entwicklung benutzt hat. In Egon, der ein Freund des jungen Erbprinzen Joſeph geworden iſt, macht das angeborene proteſtantiſche Naturell ſich geltend, und er neigt ſich zur Freigeiſterei; ſeine Liebe zu Conſtanze, die er als ſeine Schweſter entdeckt, wird zur Kataſtrophe, die ihn in den Arm der A lleinſeligmachenden und in den Frieden des Kloſterlebens zurückführt. Die Entdeckung der Unterſchlagung des jungen Wrtby durch Pater Hambacher wird die Urſache, das Mißtrauen der Kaiſerin gegen die Jeſuiten zur Entſcheidung und die Auf⸗ hebung des Jeſuitenordens in Oeſterreich zur Ausführung zu bringen. So führt die Handlung des Romanes uns ſchließlich zum inneren und äußeren Siege des Katholicis⸗ mus und der kirchlichen wie ſtaatlichen Einheit in Oeſter— reich, aber auch zur Läuterung des Ultramontanismus
ſelbſt und zur endlichen Verſöhnung der anfangs ſo grauſam
entbrannten Conflicte durch die echt humane Toleranz. Uns ſcheint, es könne keinen beſſeren Katholiken und öſterreichiſchen Patrioten geben, als der Verfaſſer dieſes Buches ſich erweiſt. Dabei iſt es in politiſcher wie con— feſſioneller Hinſicht mit einer allgemein gebildeten Auffaſ⸗ ſung geſchrieben, die die Gegenpartei nicht nur nicht ver— letzen, ſondern geradezu erfreuen wird. Wir denken, es wird unſeren Leſern nicht unintereſſant ſein, wenn wir nächſtens mit dieſem den über dieſelbe Zeit geſchriebenen Roman der Frau L. Mühlbach in Vergleich ziehen, der ja doch aus proteſtantiſchem und preußiſchem Bewußtſein her⸗
vorgegangen iſt.
R. Giſeke.
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