Jahrgang 
01-26 (1857)
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Nr. 19.)

Literariſche Beſprechungen.

Die beiden Sträflinge. Auſtraliſcher Roman von Friedrich Gerſtäcker. Drei Bände. Leipzig, H. Coſtenoble. 1857.

Fritz Gerſtäcker iſt eine der eigenthümlichſten und lie⸗ benswürdigſten Erſcheinungen der gegenwärtigen deutſchen Literatenkreiſe, zu denen wir ihn dreiſt zählen dürfen ohne die Furcht, ihn damit zu beleidigen, denn eine ſeiner herz⸗ gewinnendſten Seiten iſt jene zuverſichtliche Offenheit, die ſich nie für etwas anderes ausgab als ſie war, und die doch ſicher ſein konnte, auch damit die gewünſchte Achtung ſich erwerben zu können. Für Gerſtäcker iſt es eine Freude, dieſem abenteuerlichen Völkchen anzugehören, in dem jeder Ein⸗ zelne auf nichts als ſeine Feder, ſeinen Kopf und ſeinen Muth angewieſen iſt, um der Nation all jene tiefſte Anre⸗ gung und höchſte Begeiſterung, all jene Belehrung, momen⸗ tane Beluſtigung und handwerksmäßige Beleuchtung der täglichen Ereigniſſe zu verſchaffen, die ſie eben in der Preſſe fünden will, jenem Völkchen, deſſen Schickſale ſo ſelt ſam zwiſchen Noth und Glanz, Verachtung und Unſterb lichkeit, verfehltem Daſein und beneidenswerthen Erfolgen ſchwanken. Unſer Weltumſegler hat eine der ſeltſamſten Carrièren von allen ſeinen Standesgenoſſen gemacht, und nach dem glücklichen Reſultate derſelben kann er getroſt von ſich ſagen laſſen, was man uns ſonſt ſo gerne nachſagt und was wir meiſt nicht gerne von uns hören: er wurde in der That Literat, weil er nichts anderes werden konnte. Der Sohn eines theatraliſchen Künſtlers, eines ſeiner Zeit be⸗ rühmten Tenoriſten, der früh ſtarb, war Gerſtäcker von Jugend an auf ſich ſelbſt geſtellt; eine hohe Schulbildung hat er nicht genoſſen, und die genoſſene mag ihm nicht ſon⸗ derlich behagt haben; ja, er ſelbſt geſteht es ein, daß er in jenen Jahren, die Jean Paul ſo reizend als Flegeljahre ſchildert, nicht zu denen ſeiner Altersgenoſſen gehört habe, von denen man ſagen konnte, daß ſie ſtets das Beſte thaten. Die im Uebrigen ſehr ehrenwerthe Thätigkeit hinter dem Eadentiſche, zu der die Familie ihn beſtimmte, mochte ihm ſicht ſo intereſſant erſcheinen, als ſein College Guſtav Frei⸗ ag ſie neuerdings finden konnte, da er ſelbſt nichts damit zu thun hatte, und ſo beſchloß der einundzwanzigjährige Zurſche denn, im gelobten Lande jenſeits des Oceans ſein Hlück zu ſuchen. Bekannt iſt es, wie er hier als Schiffs⸗ ſeizer, Farmer, Holzhauer, Pillenſchachtelfabrikant( da⸗ ler vielleicht noch ſeine jetzige Animoſität gegen die Con⸗ currenten in dieſem Fache), dann als Jäger in den Ur⸗ mäldern und Höôtelunternehmer ein abenteuerreiches Daſein ſührte. Ohne Reſultate all dieſer Verſuche kehrte er in die Heimath zurück, und es gehörten wahrlich Talente, Ener⸗ gie, eiſerner Fleiß und Glück dazu, aus dem Europa- und Amerika⸗müden Wanderer, der Gerſtäcker damals gewiß war, zu dem weltbekannten Schriftſteller ſich emporzuar⸗

leiten, als der er jetzt in allen civiliſirten und uncivili⸗

ſrten Erdtheilen genannt und geleſen wird. Daß er das Alles ſeiner Arbeit verdankt, iſt Gerſtäcker's größter Stolz und noch heute erzählt er es gern, wie er, ſchon ein ge⸗

rannter Name, um ſeine Familie ohne Sorgen zu hinter⸗

liſſen, die letzte Nacht in Deutſchland bis Morgens um

Dritte fo(ge.

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3 Uhr an der Vollendung eines Romanes arbeitete und um 6 Uhr ſeine große Weltumſeglung von 1848 und 1849 antrat.

Gerſtäcker iſt keiner von den Autoren, die eine über ſie gehegte Illuſion zerſtören, wenn man ſie perſönlich kennen lernt; im Gegentheil, ſeine Schriften lernt man erſt ver⸗ ſtehen, lieben und ſelbſt glauben, zum Theil wenigſtens, und das will oft ſchon viel ſagen, wenn man mit ihm verkehrt hat. Georg Salfeld in Freitag'sValentine, der durch den Ocean geſchwommen und in den Urwald ge⸗ taucht ſein wollte, iſt nur eine blaſſe Abstraction gegen⸗ über dieſem Fritz Gerſtäcker, der das und viel mehr wirk lich gethan hat und, obgleich er Literat von Fach iſt, doch viel weniger jungdeutſche Literatenhaltung an ſich hat, als jener. Man kann ſich das Bild eines kühnen Jägers nicht vollendeter und ausdrucksvoller denken, als es dieſe kurze, kräftige und doch ſo zierliche und geſchmeidige Ge ſtalt, die ſchmale gebogene Naſe, das dunkle, die Stirne ungezwungen umkräuſelnde Haar und vornehnlich der ſelt⸗ ſam ſichere und ſpitz ſtechende Blick aus dem kleinen hell⸗ blauen Augenſterne in Wirklichkeit darbieten. Die bedeu⸗ tende, jetzt ſchon hoch hinaufreichende Stirn und gewiſſe über die Geſtalt verbreitete äſthetiſche Verhältniſſe laſſen dabei den Künſtler durchaus nicht vergeſſen. Wenn dieſe Erſcheinung im Ganzen einen ſeltſamen, phantaſtiſchen Ein⸗ druck macht, ſo daß namentlich der volle, nach unten zuge⸗ ſpitzte Bart, den Gerſtäcker eine Zeit lang trug, mich an das Bild eines ſpaniſchen Zauberers und Wunderdoctors, das ich irgend wo geſehen, erinnerte, ſo iſt im Gegenſatze dazu ſein Benehmen ein ganz überraſchend einfaches, unge⸗ zwungenes und anſpruchloſes; er iſt nichts weniger als ein famoſer Kerl, ſondern durchweg der bon compagnon, mit dem ſich's auf die beſte Art verkehrt. Niemand verſchmäht wie er alle Vornehmthuerei, und obgleich ſeine Garderobe meiſt in ſeltenen und koſtbaren Stoffen beſteht, hat er noch nie einen Frack getragen; ja die erſten Handſchuhe, die er anziehen mußte, um einſt bei Hofe zu erſcheinen, ſind von ſeinen Freunden als eine naturhiſtoriſche Merkwürdigkeit heilig aufbewahrt.

Als Schriftſteller iſt Gerſtäcker von einer unglaublich ausdauernden und ſchnell concipirenden Arbeitskraft. Wenn er ſelbſt auch kein Hehl daraus macht, ſo wollen wir doch, wie raſch er ſeine beſten Romane geſchrieben, dem Publicum lieber nicht verrathen, das immer noch gern glaubt, was lange währt, wird gut. Der vorliegende iſt vielleicht Gerſtäcker's intereſſanteſter Roman. Wenn das Buch leicht geſchrieben iſt, ſo lieſt es ſich auch unendlich leicht und keinen Augenblick kommen wir in dieſen ganzen drei Bänden aus der lebhafteſten Spannung. In der Anlage ſeiner Handlung, in der Schürzung des Knotens und dem Arrangement der Situationen hat der Verfaſſer hier eine Kunſtfertigkeit entfaltet, die es zeigt, wie er der Technik des Romans im höchſten Grade Meiſter iſt, und wenn nicht eben ſein Name auf dem Buche ſtände und nicht die Ge⸗ ſchichte in Auſtralien ſpielte, das, ſo viel wir wiſſen, außer ihm noch kein Romanſchriftſteller beſucht hat, ſo könnten wir glauben, Walter Scott oder einer der beſten engliſchen oder franzöſiſchen Romanciers habe dieſe Fabel combinirt. Solche romantiſche Fabel an ſich aber macht freilich ein Buch noch nicht für Jeden leſenswerth; hier kommt dazu