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Dritte Folge.
Literariſche Beſprechungen.
Deutſche Liebe. Aus den Papieren eines Fremd⸗ ngs.— Leipzig, F. A. Brockhaus. 1857.
Was hat doch jener Begriff, den man gewöhnlich mit dem Worte„Liebe“ bezeichnet, theoretiſch den Poeten und Vhiloſophen, praktiſch aber auch den meiſten andern leben⸗ den Weſen für Kopf⸗ und Herzbrechen verurſacht! So viel bber auch immer über dieſes Thema gedacht und gedichtet worden iſt, noch immer gibt es keine ausreichende Definition eeſſelben, und wenn wir jeden Liebenden, ſo wie jeden Richtliebenden nach dem fragen, was er ſich unter Liebe nnkt, ſo wird uns Jeder etwas anderes ſagen. Der Ver⸗ iſſer des vorliegenden kleinen, aber eigenthümlichen Büch⸗
eins hat nach der einen Seite hin tiefe Blicke in das Reich
ſeſer Gedankenwelt gethan.
Der innerſte Quell der Liebe i*ſt der auch der Religion. lus allgemeinem Bewußtſein taucht das Einzelnbewußtſein
dr Menſchenſeele hervor; das iſt ihr pſychologiſches Wachs⸗
hurn vom erſten Erwachen bis zum Alter der Reife, daß ſe mehr und mehr die Abſonderung ihres Ich von der
Jelt des allgemeinen Seins empfinden lernt, daß ſie end⸗
Iih mit dem Bewußtſein einer eigenen abgeſchloſſenen Welt kiſich der anderen Welt gegenübertritt, der ſie fremd und findlich, nichtig wie ein Atom, ihr Daſein erſt entringen ruß. Und die Sehnſucht dieſes Atoms, dieſes Nichts, jeder Einzelne in der unendlichen Weſenreihe iſt, nach de Anerkennung und Erhaltung der Unendlichkeit in ihm ebſt, iſt dieſe Sehnſucht nicht der Urſprung der Religion, i dem Einzelnen die Gewißheit gibt, daß er nicht nur ſiſer einſame, verlaſſene Einzelne, ſondern daß er mit n Mittelpunkt und der Geſammtheit unauflöslich ver— alyft, daß er nicht nur dieſes vergängliche nichtige Weſen, Adern das unvergängliche Abbild des Unendlichen iſt? ſechts anderes will die Liebe, als auch nur aus dieſer Srlaſſenheit die arme, der Welt entfremdete Seele be— fien, nur daß ſie das Band ihrer Verſöhnung nicht über — Sternenzelt hinaus an den Gedanken des Unſagbaren an Unbegreiflichen knüpft; ſie ſucht ihren Troſt bei dem emandten Atom, bei dem andern mitleidenden Ich, das iich Dir vor dem Verſchwinden in der Unen n, das, Deine Innerlichkeit begreifend, von Dir be⸗ gſifen ſein will.
Dies ungefähr iſt der Gedankeninhalt der„Deutſchen Acche“ eines unbekannten Verfaſſers, und die Weiſe, wie en Einzelheiten deſſelben zur Ausführung gebracht hat, iſt olt as echt poetiſch zu bezeichnen. Wir rechnen dahin mmentlich den Abſchnitt, in dem der Verfaſſer aus ſeinen
Kaßheitserinnerungen den Moment ſchildert, in dem es 7 gibt, und ferner,
iinklar wird, daß es„fremde Menſchen“ meer es ſpäterhin kennen lernen muß, daß lauter Peiſchen“ und nichts als ſolche um ihn in der Cleilſch aber findet er die Liebe, in der eine fremde Seele iliripertraut, verwandt und ganz ihm eigen wird, und deſn nun bricht er in die myſtiſchen Entzückungen aus, diſ er ganz ſpeciell als die Eigenheiten der„deutſchen“ Lbe bezeichnet:„Mit der Gabe der Liebe iſt es wohl wi mit der Gabe des heiligen Geiſtes. Die, auf welche
„frem de
dlichkeit ge⸗
Welt leben.
er ſich„ſetzt,“ die hören ein Brauſen vom Himmel als eines gewaltigen Windes und ſehen die Zungen zertheilt als wären ſie feurig. Die Andern aber entſetzen ſich und werden irre, oder haben ihren Spott und ſprechen: Sie ſind voll ſüßen Weines!“ u. ſ. w. u. ſ. w.
Erſchrecken Sie nicht, geehrter Herr Verfaſſer, wenn Referent, der Sie bisher wohl ganz verſtanden zu haben ſchien, nun doch— wenn nicht über Sie ſich„entſetzt,“ ſo doch an Ihnen etwas„irre“ wird und jedenfalls zu denen gehört, die Sie als„Spötter“ werden bezeichnen wollen, weil ſie die abſolute Berechtigung Ihrer„Beſeſſen⸗ heit“ nicht ganz anerkennen können!
Die Liebe beglückt in der That wohl durch all' die Zau⸗ ber des ſüßeſten Rauſches; doch wie es, wenn man„ſüßen Weines voll“ iſt, immer noch ſehr nothwendig bleibt, ein gut Theil ſeines geſunden Verſtandes beiſammen zu haben, ſo iſt das in noch viel höherem Grade bei dem Rauſche der Liebe der Fall. Wir Menſchen ſind ja nie die abſtrac⸗ ten Geiſter, nie abſolute Ichs, ſondern wir ſind nun ein⸗ mal alle in ganz beſondere und beſtimmte Perſönlichkeiten und Verhältniſſe verwachſen und verpuppt, ſo daß wir immer nur als dieſe eigenthümlichen, alten oder jungen, geſcheuten oder dummen, hohen oder niedrigen Leutchen auftreten, die wir einmal ſind. Da nun alſo in der Liebe ſich nicht abſolute, ſondern lauter ſolche, aufs mannigfachſte bedingte Ichs zuſammenzufinden haben, ſo iſt dabei außer dem ſüßen Rauſche auch noch ein recht klarer verſtändiger Verſtand dazu nöthig, daß ſich dabei ſolche Ichs, die eben zu einander paſſen, zuſammenfinden, und nicht ſolche, die durch den Contraſt ihrer Verhältniſſe oder Perſönlichkeiten zu allem eher, als zu gemeinſamer Liebe beſtimmt erſcheinen, denn ſonſt— vom Erhabenen zum Lächerlichen gibt es ja nur einen Schritt! Wenn eine altersſchwache Frau einen blutjungen Mann, oder wenn ein blutjunger Mann eine greiſe Dame lieben will, ſo wird man das oft höchſt ſon—
derbar finden; ein häßlicher, vielleicht verkrüppelter Mann, der ein ſchönes Mädchen liebt, wird leicht lächerlich erſchei⸗ nen, und Mesalliancen verſchiedener Stände haben ſtets dann etwas höchſt Bedenkliches, wenn der Mann der nie— deren, die Frau aber der höheren Geſellſchaftsſchicht ange⸗ hört, weil dieſe wohl jenem, nicht aber der andere umge⸗ kehrt der Frau, ſeinem inneren Stolze und der poetiſchen Rechtfertigung nach, eine Lebensſtellung verdanken darf. Eine ſolche Mesalliance iſt der Inhalt des novelliſti— ſchen Theiles vorliegender„Deutſcher Liebe.“ Ein Um⸗ ſtand erhöht dabei in unſeren Augen das Bedenkliche die⸗ ſes Verhältniſſes um ein Bedeutendes, da die geliebte Gräfin, oder Quaſi⸗Prinzeſſin, ein engelſchönes, aber con⸗ tractes, ihrer eigenen Glieder nicht mächtiges Weſen, von ihrer ebenbürtigen Geſellſchaft ſo gut wie aufgegeben iſt, und da ſomit ihre Neigung zu dem jungen bürgerlichen Gelehrten, wie ſie hier geſchildert iſt, den entfernten An— ſchein gewinnen könnte, als ſei ſie eine Reſignation, faute de mieux! Dadurch kann andrerſeits auch wieder auf den jungen Gelehrten ein Licht fallen, als gebe ereſich dazu her, ein Weſen zu lieben, das von ſeines Gleichen nicht die gewünſchte Beachtung findet. Nicht als wollten wir


