Jahrgang 
01-26 (1857)
Einzelbild herunterladen

210

Noveſſen⸗Zeitung. III. Jahrg.

Robert

Prüfungszeit.

I.

O. es war eine lange Prüfungszeit, Die Pilgerreiſe durch die heiße Wüſte,

Vo nur der Hoffnung trügeriſch' Geleit Der ſeltnen Brunnen ſchalen Trunk verſüßte;

Wo ſcheinbar nah, und doch ſo endlos weit,

Der Wand'rung goldnes Ziel uns neckend grüßte Und wo das Herz in ſtumpfer Mattigkeit

Von Neuem ſtets des Wahnes Trugbild büßte.

Wohl war's die Hoffnung, die uns vorwärts trieb, Doch wären wir verſchmachtet und erlegen, Wenn uns die Kunſt nicht treu zur Seite blieb.

Sie aber hielt uns! Auf den öd'ſten Wegen Blieb uns durch ihre Gunſt das Leben lieb, Und ſelbſt das Schwerſte wandte ſie zum Segen.

II. Die Wüſte iſt durchwandert, grünes Land Und Wieſendüfte heißen uns willkommen; Von unſern Füßen ſchütteln wir den Sand Nur guten Muth und friſch bergan herkonnnen!

Siehſt du am fernen, fernen Himmelsrand ie Hütte dort, von Nebelduft umſchwommen? ur vorwärts und den Blick nicht abgewandt, Es iſt der rechte Weg, den wir genommen.

22

Ni

icht achten wir der Hinderniſſe mehr, er h ochgeſchwollnen Ströme Waſſermaſſen, es Hügels nicht, ob Berg er worden wär!.

89

Durch Schutt und Trümmer bahnen wir uns Gaſſen; Denn wer von ſolcher Wandrung kommt daher, Darf ſich das Ziel nicht mehr verſperren laſſen.

III. Im Vorwärtsſchreiten aber laß uns Dank Den guten Mächten, die uns ſchützten, ſagen; Sie haben uns, wo Mancher ſchlaff verſank, Mit treuer Hand behütet und getragen.

Und war auch unſtet unſer Schritt und ſchwank, Ja, irre ſelbſt in manchen Lebenslagen, Beſcheiden wohl, doch grade, frei und frank Iſt's uns erlaubt die Augen aufzuſchlagen.

So oft mein Muth, erſchüttert und geknickt, es Lebens und der Liebe müd geweſen, Hat mich dein Liebesüberfluß erquickt.

29

In deinen Augen habe ich geleſen, Hab' dich, die Nimmer⸗Zage, angeblickt Und bin zum Glauben an mich ſelbſt geneſen.

e

Waldmüller.

Lenau.

I. In ſeiner hellen, luftig hohen Zelle Saß er gekauert in des Sopha's Ecke Und ſtarrte ſcheuen Blickes nach der Schwelle, Als ob mein leiſer Tritt ihn ſchon erſchrecke.

V Welch ſchmerzlich Bild! Es mühte ſich die Helle, Wie ſie des Geiſtes Nacht zum Lichte wecke,

Doch war verſchüttet die geweihte Stelle

Und lange eingeſtürzt des Tempels Decke.

Ich ſtand und konnte nicht die Blicke wenden Von ſeinem lieben Aaüih welche Fülle

Von Geiſt im Auge noch, ſelbſt in den Händen!

Doch täuſchte anfangs auch der Züge Stille, Nicht lange Zeit vermochte ſie zu blenden, Es war der Geiſt entflohen dieſer Hülle.

II.

Wo war errhin? Von bangem Schmerz bezwungen,

Schlich durch des Parkes Gänge ich von dannen; Entſeelt ſchien mir die Welt. Wie traumumſchlungen Umſtanden mich die Birken und die Tannen.

Mir war, als ob auf einen Ton, verklungen

Seit langer Zeit, ſie trauernd ſich beſannen,

Als ſei die Glocke, die ihn gab, zerſprungen, Und Wehmuth drohte mich zu bermannen.

Da nahm ſein Buch zur Hand ich; klagend ſah'n Die Lettern aus, und ohn' es faſt zu wiſſen, Las ich:Was hat, o Schickſal, er gethan,

* Daß mit des Wahnſinns bangen Finſterniſſen. Du ihm verſchüttet haſt die Lebensbahn, Aus ſeiner Seele ſeinen Gott geriſſen?

III.

Er hat geliebt, ſo klang es dumpf zurück, Er hat zelielt mit glübendem Verlangen, Doch iſt entſch hwund en das erträumte Glück Gleich ſeinem Widerſchein, dem Roth der Wangen.

Dann hat er mit dem waltenden Geſchick Gegrollt, noch einmal mit verhaltnem Bangen Hat er geglaubt an einen Sonnenblick,

Dann iſt im Sturm zu Trümmern er gegangen.

Nicht dringe weiter in des Dunkels Nacht, Des lauten Tages grelle Lichter blenden Dein Aug', verſchüttet iſt der edle Schacht;

Er wird nie wieder Geiſtesſchätze ſpenden; Verehre⸗, was zu Tage er zebrnht Da iſt ſein Geiſt, du hältſt ihn in den Händen.

Gedichte von Robert Waldmüller. Hamburg, Otto Meißner. 1857.