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beſchreibliche Aufregung verſetzt, und wäre es nicht bereits zu ſpät geweſen, und hätte er nicht befürchten müſſen, He⸗ lene durch die Unterredung mit Albrecht— der offenbar in ihre Vergangenheit eingeweiht war— allzu ſehr anzu⸗ greifen, ſo hätte er den Letzteren gebeten, noch heute mit Jener Rückſprache zu nehmen. Bald darauf verabſchiedete ſich jedoch Albrecht von ſeinem Wirthe und ſomit waren für heute alle weiteren Erörterungen abgeſchnitten.
Die Nacht war ſchon ſehr weit vorgerückt, als ſich Beide trennten, Beide noch zu munter und bewegt, um Ruhe zu finden, Beide aber auch einer Fortſetzung des Geſprächs, welches dieſe Wendung genommen hatte, ent⸗ ſchieden abgeneigt.
Draußen verbreitete der Vollmond beinahe Tageshelle Albrecht hatte das Fenſter in ſeinem Zimmer geöffnet und blickte tief ergriffen in die mondbeglänzte Zaubernacht hin⸗ aus. Er hatte heute ſo manches erfahren, was wie ein Alp auf ſeiner Bruſt laſtete. Sollte ihm denn die heimiſche Erde den gehofften Frieden verſagen? Er hatte als gewiß vorausgeſetzt, daß die Jahre jeden Schatten des leichten Kummers verſcheucht haben würden, deſſen Urheber er früher geweſen, und daß zwiſchen jener Vergangenheit und der Gegenwart nunmehr ein feſtes undurchdringliches Boll⸗ werk von Verhältniſſen und Anſchauungen aufgethürmt ſei, welches jeden Rückblick unmöglich mache. Schon in Weilheim war er aber eines Anderen belehrt worden.
Helene war nicht nur die Gattin des nahen Verwandten geworden, ſie war auch unzufrieden mit ihrem Looſe, krankte an den Nachwirkungen längſt vergangener Tage und ſtand, wie er ſo eben gehört, im Begriffe, ſich von dem Gatten zu trennen. Helene, wie er ſich ihrer erinnerte, und ein ſol⸗ cher kräftiger, weit tragender Entſchluß! Welch einen Sturm der Empfindung und der Pflicht ſetzte dieſer Ent⸗ ſchluß in dem zarten, leicht verletzbaren Weibe voraus! Er dachte darüber immer von Neuem nach, und während er dies that, ſtieg ihr Bild allmählich immer deutlicher und
Noveſlen⸗Zeitung.
III. Jahrg
kennbarer in ſeiner Seele empor. Es hatte lange, lange geſchlafen; nun gewann es plötzlich neues Leben, ja, kaum konnte er den Augenblick erwarten, der ihn überzeugen ſollte, ob ſeine Erinnerung, ob die Jahre treu geweſen. Wie Vieles hatte Albrecht in dieſen Jahren, die gewiß auch an Helene nicht ſpurlos vorübergegangen waren, durchlebt und welche reiche Nahrung hatte ſein Geiſt, ſeine Phantaſie in dieſem langen Zeitraume empfangen! War aber nicht eigentlich ſein Herz ohne Nahrung geblieben?
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Ihm dünkte es jetzt, daß darin eine gewaltige Armuth uu Bod herrſchte, eine Armuth, die allen geiſtigen Lurus nur küm⸗ ſdinaufß
merlich zu bedecken vermöge, Ja, wahrhaftig! das arg
Lärm i
vernachläſſigte Herz verlangte nun auch wieder ſeine Rechte. vurde! Aber freilich, Schmerzen kommen auch darein, wenn von Tabine
dieſen Rechten die Rede iſt. Er mußte an Helene, an Ab Werner und an— eine dritte Perſon denken, die ihm Albrech näher ſtand als Beide, und ſeine Gedanken brachen ab. obſchon
Schlafen konnte er nicht. Aus ſeinem Zimmer führte och ih eine von innen verſchloſſene Thüre in den Garten. Diſſe ſſe zu
öffnete er und trat hinaus, um auf den lang geſtreckten ſſe für
Kiesgängen ſich Ruhe und ein wenig Schlaf zu ergehm Im Hauſe war es ſtill; allen Seiten.
Er
er betrachtete ſich daſſelbe von Näher, Die Spitze des nach vier Richtungen lin noch ni
verlaufenden Dachs war abgeſtumpft und mit einem Ge⸗ unter?
länder umfaßt. ſein in die zauberiſch beleuchtete Gegend. warf Albrecht einen Blick hinauf, leiſe wünſchend, ohne Störung gleich jetzt dorthin gelangen könne, Da ge⸗
wahrte er plötzlich eine weiße Geſtalt auf der Plattform
Dort oben mußte eine herrliche Ausſiht ſuchen? Sehnſüchtig ſi, ſl daß er daß er
dr G Hauſe
des Dachs, die an das Geländer gelehnt in die Nacht hin. unert
ausblickte. Regungslos blieb er ſtehen und konnte den Blick nicht trennen von dem anmuthigen Frauenbilde, deſen Geſicht ihm jetzt noch abgekehrt war. Wer anders ſolle es ſein, als Helene? Aber es wollte ihm ſcheinen, als ſei ſie größer und anſehnlicher geworden, ihre ganzen Formen weit vollendeter; oder täuſchte ihn bloß das magiſche Lich
zund Alle ſchienen in einem Wettſtreit begriffen, wie ſie ihr Geld auf die ſchnellſte und thörichtſte Weiſe loswerden könnten.
Bald daher waren ſie gezwungen, Schulden zu machen, und mußten ihre Zuflucht zum britiſchen Kaufmann nehmen, welcher die nothwendigen Vorſchüſſe geben mußte, damit ſie den Betrieb ihrer Zuckerfabrikation fortſetzen konnten. Der Engländer wurde der eigentliche Eigenthümer der Pflanzungen, deren Beſitzer Jene nur dem Namen nach blieben. 5
Die hohen Zuckerpreiſe, eine Folge des Umſtandes, daß die Einfuhr von Zucker nach England aus nicht britiſchen Colonien durch hohen Zoll unmöglich geworden war, veranlaßte das nur zu ſehr gefühlte Bedürfniß, ſich ihrer bedrängten Lage zu entreißen,
und zwang ſie, auf Erweiterung ihrer Anpflanzungen und Ver⸗
größerung ihrer Zuckermühlen bedacht zu ſein Arbeiter wurden mit einem mit dem Ertrage nicht in Verhältniß ſtehenden Lohne bezahlt, theure Dampfmaſchinen aus England verſchrieben, noch unbebautes Land zu hohen Preiſen gekauft, und die Colonie war von einer Specularionswuth beſeſſen, welche dem Schwindel Law's unter der Regentſchaft des Herzogs von Orleans während der Minderjährigkeit Ludwigs XV. gleichkam und in ihren Folgen eben ſo unheilbringend war,
Einige Jahre lang ging alles in Herrlichkeit und Freuden. Leute, welche keinen Pfennig Vermögen hatten, galten für reich. Pflanzungen wurden von ihnen zu ungeheuren Summen ge⸗ und verkauft, aber kaum ein Kaufſchilling dafür gezahlt, ſo daß das ſchnell erworbene Vermögen, wie die erblichen Fehler in einer Fa⸗ milie, als Hypothek von einem Käufer zum andern übergeſchleppt wurde. Die vielen damals reichen Leute in Isle de France, welche nicht ermangelten auf großem Fuße zu leben, ſtanden
allerdings
auf ſehr zweifelhaftem Boden, oder vielmehr auf Triebſand. Konnte der erſte Käufer nicht zahlen, ſo fielen alle Verkäufer und Käufer mit ihm, und die Herrlichkeit hatte ihr Ende erreicht. Aber daran dachte man nicht; im Gegentheil, der Speculationsſchwindel nahm immer mehr zu, und es war eine Periode der ſtolzeſten Hoffnungen, der Pracht und des Wohllebens. Da fand nun in England eine der faſt regelmäßigen Handelskriſen ſtatt. Zucker fiel im Priiſt. Einige Häuſer in Port Louis ſtellten ihre Zahlungen ein. Pflanzier folgten. Das Zutrauen, der Credit ſchwankte, das künſtliche Ge⸗ bäude des Wohlſtandes ſtürzte zuſammen, wie das Kartenhaus eines Knaben.
Neger, Mulatten, Franzoſen und Engländer hatten daſſelhe Schickſal. Familien waren an den Bettelſtab gebracht. Das U⸗ glück war allgemein. Wie viele hat der Verfaſſer gekannt, die geſtein noch in eleganter Barruche von zwei werthvollen Cappferden gi⸗
zogen durch die Straßen der Stadt paradirt hatten, welche einige Tage darauf beſcheiden herumliefen und ſich in blauer Jacke uſd blauem Beinkleide eine Stelle als Aufſeher in einer Pflanzung ſuchten! Sic fata eunt!. Dieſes iſt der Nachtheil, welcher namentlich der weißen W⸗ völkerung aus der Emancipation der Sclaven erwuchs, nämlich än Herausreißen aus den gewohnten Verhältniſſen und ein Szecu⸗ lationsgeiſt, welcher viele ſonſt wohlhabende Familien in Elad und Armuth geſtürzt hat. Aber auch für welche die Wohlthat beſtimmt war, theilig gewirkt und für die lebende Generation, das rechnet, wenig des Guten geſtiftet, übereilt ausgeſprochen. Wenn die Emancipation wahrhaft ſegenbringend hätte ſein
hat die Emancipation nah⸗
Princiy alge⸗ denn ſie wurde zu raſch unde
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auf die Claſſe von Menſchen,
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