überlegtes, nicht minder auf Liebe gegründetes mit meiner Mutter angeknüpft hatte, den Stab zu brechen und Jenen
ſeitdem wie einen für ihn Geſtorbenen anzuſehen, ja ſogar
die ihm dargebotene Hand der Verſöhnung wiederholt ſchnöde zurückzuweiſen. Und war er nicht auch gegen mich voreingenommen, obſchon er mit mir Verkehr hatte und
mich nicht ebenfalls von ſeiner Schwelle verbannt hielt?
Ja, nur zu oft ließ er es mich empfinden, daß ich vor ſeinen Augen der Abkömmling eines Nichtswürdigen ſei, nur zu ſichtlich zog er Dich mir vor, obſchon ich damals keine Schuld hatte. Siehe, Werner, das verbitterte mich mehr und mehr, und als ich drüben in Indien war, vermochte ich's am wenigſten, meinen Groll zu beherrſchen, weil ge⸗ rade dort dem Alten vielleicht mein Händedruck etwas werth geweſen wäre, und ſo viel hatte er an mir und mei⸗ nem Vater nicht verdient!“
Werner, von dieſer Rede unangenehm berührt, ſchüt⸗
telte mißbilligend den Kopf und Jener fuhr fort:
„Aber als ich wieder auf dem Schiffe ſtand, als der
Anker gelichtet worden und ich der prachtvollen Inſel Valet ſagen ſollte, da faßte mich mit einem Male die Reue ſo ge⸗ waltig am Herzen, daß ich hätte in das Waſſer ſpringen und zurückſchwimmen mögen, um den verſäumten Hände⸗ druck nachzuholen und mich dem Alten, der es doch ſo ehr⸗
lich meinte und ſo brav geſinnt war, an die Bruſt zu wer⸗
fen. See!
Aber es war zu ſpät, das Schiff ging bereits in die Von jenem Augenblicke an aber fühlte ich daſſelbe,
was Du vorhin ausgeſprochen haſt: daß ich dem Oheim gegenüber ein ſchweres Unrecht begangen hatte, ein Un⸗ recht, welches kaum wieder gut zu machen. Auf der Heim⸗
reiſe dachte ich wohl bisweilen daran, daß mich mein Weg noch einmal hinführen könnte in jene tropiſche Wunderwelt
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von der noch heute mein Herz voll iſt, und daß mir dann
doch nochmals Gelegenheit würde, dem Oheim durch mein unerwartetes Kommen eine frohe Stunde zu ſchaffen, aber das ſind bloße Träumereien geweſen und nun hat gar der
Novellen Zeitung.
III. Jahrg.
Tod ein entſchiedenes Veto dazwiſchen gerufen.— Dich hatte der Alte unendlich ins Herz geſchloſſen, Werner!“ „Aber auch Dir war er keineswegs abhold“— warf Dieſer eifrig ein—;„Du ſollſt Dich aus ſeinen eigenen brieflichen Aeußerungen überzeugen, wie er von Dir dachte. Lerne mir nur den Mann recht ſchätzen und verehren, Albrecht; dann können auch wir recht herzliche Freunde werden. Ich bedarf eines Freundes!“
Die beiden jungen Männer gaben ſich die Hand zum Zeichen ihrer größeren geiſtigen Annäherung. Albrecht nahm ſodann das gefüllte Weinglas— der Diener hatte inzwiſchen einen Abendimbiß und eine Flaſche Rheinwein aufgetragen— und hielt es ſeinem Wirthe, der noch keinen Tropfen getrunken, zum Anſtoßen entgegen. Dieſer lehnte jedoch ab und ſagte mit tief bewegter Stimme:
„Nimm es nicht übel auf, wenn ich Dir keinen Be⸗ ſcheid thue. Ich kann heute wahrhaftig kein Glas klingen hören, ohne vor mir ſelbſt zu erröthen. In meinem Hauſe herrſcht kein froher, freundlicher Geiſt. Du haſt mich, ſchonungsvoll genug, noch nicht nach meiner Gattin ge⸗ fragt; vielleicht hat man Dir auch bereits in Weilheim einige Dich vorbereitende Andeutungen gemacht und Du ahnſt nun ſchon einen gewiſſen urſachlichen Zuſammen⸗ hang. Ich will Dir aber volles Licht geben, Albrecht, da uns das Geſchick nun einmal zuſammengeführt hat und wir uns heute gegenſeitig ſchon ſo vielfach verſtanden haben. Ich bin von einem ſchweren Schlage betroffen worden; meine Frau, die ich liebe und achte wie am erſten Tage unſerer Ehe, hat mir heute offen erklärt, wie ſie darauf beſtehen müſſe, daß wir uns trennen, noch vor mei⸗ ner Reiſe trennen!— Das, Albrecht, iſt meine heutige Lage; nun urtheile ſelbſt!“
Albrecht, der bisher offenbar gefliſſentlich jede leiſe Erwähnung oder Anſpielung auf die inneren Verhältniſſe des Hauſes, deſſen Gaſt er war, vermieden hatte, obſchon er bei jeder hierauf bezüglichen Wendung in Werner'’s
Phantaſien, ſondern nach den genaueſten Urkunden, wie er wirk⸗ lich geweht hatte. Wie auf dieſe Weiſe Sturm nach Sturm be⸗ rechnet worden war, ſo ergab ſich die Thatſache, daß die Orkane der Tropengegenden nichts Anderes als ungeheure Wirbelwinde von 100 bis 300 geographiſchen Meilen Durchmeſſer ſind, und daß ihr wirbelnder Kreislauf ſüdlich vom Aequator gleichſam der Bewe⸗ gung des Uhrzeigers(von Nord durch Oſt nach Süd und Weſt), nördlich vom Aequator dagegen der entgegengeſetzten Richtung folgt; ferner, daß auf der nördlichen Halbkugel die Orkane unge⸗ fähr auf dem 15. Breitengrade aufſpringen und dann in der eben beſchriebenen Bahn in ungeheuren Kreiſen nordweſtlich bis zum 25. oder 30. Grade fortlaufen, dort in ihrer Wuth nachlaſſen, eine Biegung nach Nordoſt machen, in welcher Richtung ſie immer in
ob vor oder hinter, rechts oder links vom Orkan befindet, und wie in jedem Falle das Schiff geleitet werden muß. In dem einen jener beiden Werke haben wir die genaue Geſchichte eines Sturmes nach dem Logbuche des von Indien kominenden Schiffes„Blen⸗ beim“, Capitain Metloven, mit Anmerkungen und einſchlägigen Berichten. Würde dieſes Beiſpiel von vielen Schiffsführern be⸗ folgt— und das ſteht zu hoffen— ſo würde man eine Menge von Beweiſen erhalten, daß durch dieſes neue Syſtem ein Capitain ſein Schiff vor Orkanen bewahren, ſicher in ihrer Geſellſchaft ſegeln und mit ihrer Hülfe ſeine Reiſe ſogar beſchleunigen kann. Wir ſind überzeugt, daß es dann nicht mehr lange dauern wird, um die Sturmlehre zu einem Gegenſtande jeder Seemannsprüfung erhoben zu ſehen.
ihrer ſpiralförmigen Bewegung mit erneuter Wuth bis zum 50.
Grade fortſtürmen und dann zwiſchen dem 50. und 55. Grade allmählich ſterben. Auf der ſüdlichen Halbkugel beginnt der Orkan ebenfalls etwa auf dem 15. Grade, geht ſüdweſtlich und biegt auf dem 25. Grade nach Südoſt ab, bis er auf dem 50. Grade aufhört. Weil der Orkan, einem ſpürenden Jagdhunde ähnlich, nicht gerade aus, ſondern in weiten Kreiſen läuft, ſo bewegt er ſich nur lang⸗ ſam von Punkt zu Punkt in gerader Linie 2 ½ bis 4 geographiſche Meilen in der Stunde. Um ſo furchtbarer aber iſt die Schnel⸗
ligkeit, mit welcher er die einzelnen Kreiſe ſeiner Spirallinie durch⸗
mißt. Oberſt Ried hat in zwei Werken dieſes Geſetz genau feſt⸗ geſtellt und zugleich gezeigt, daß die Kenntniß der Stürme auch die Macht iſt, ſie zu entwaffnen, indem ſie dem Seemanne die ein⸗ fachen Mittel an die Hand gibt, zu bemeſſen, ſobald er in der Nähe eines Orkans iſt, ob das Schiff den Sturm oder der Sturm das
Zur Länder⸗ und Völkerkunde.
folgen der Sclaven⸗Emancipation.
Zu den ſchwierigſten Problemen der menſchlichen Geſellſchafts⸗ zuſtände, welche unabweisbar eine Löſung fordern und eine ſolch dennoch weder vom Geſichtspunkte des abſtracten Naturrechtes, noch von dem der beſtehenden hiſtoriſchen Verhältniſſe zu erreichen im Stande ſind, gebört ohne Zweifel die Frage der Sclaven⸗ Emancipation. Von allen Principien der Morak, der Vernunft und der Religion iſt dieſelbe unbedingt geboten, und doch ſteht ihrer Erfüllung nicht nur die Berechtigung des gegenwärtigen Beſitzzu⸗ ſtandes entgegen, ſondern auch die Erfahrung, daß die Befreiung
Schiff einholt, ob es ſich im Centrum oder an der äußern Grenze, der Sclaven da, wo ſie verſucht iſt, nur zu oft dem Freien wie den
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