Rovellen-Zeitung.
Phosphorus Hollunder.
Eine beherzigenswerthe Geſchichte.
Der Zufall muß hinweg und aller falſche Schein, Du mußt ganz weſentlich und ungefärbet ſein, A. Sileſius. 1.
Der Held meiner Geſchichte ſaß im feindecorirten Zim⸗ mer ſeiner neuausgebauten Apotheke am Markt und me⸗ morirte die Rede, mit welcher er heute am Sylveſterabend die Schweſternloge zu erbauen gedachte. Denn Phosphorus Hollunder war Maçon— welcher Apotheker wäre es nicht? — und ein begeiſterter Wortführer beim königlichen Bau, deſſen Vortrag an den Schweſterntagen ſelten ein ſchönes Auge trocken ließ. Er hatte laut gelernt und ein lodern⸗ des Feuer in ſeinem Innern angefacht; ten ging er im Zimmer auf und ab. Phantaſie war ſicher in das Gedächtniß hinübergeleitet, kein Anſtoß zu fürchten, und wenn ja, ſo konnte ein Mann wie Hollunder ſich auf ſeine Inſpiration verlaſſen. ſeine Seele war einmal aufgeregt durch liebliche Bilder von Frauenhuld und Frauenſchöne, welche den Gegenſtand ſeiner Schweſternrede bildeten; die Imagination trug ihn auf leichten Schwingen aus dieſer allgemeinen Region in die ſpecielle ſeines eigenen Herzens, ſie zauberte ihm den Gegenſtand ſeiner Minne lebendig vor die Augen; da ſtand ſie, die Hehra, die Cäcilie ſeiner ſtillen, lichten!— Lieder—(brauchen wir wohl zu ſagen, daß Urania und die bezauberte Roſe unſeres Freundes Lieb⸗ lingsdichtungen waren?)— das während er in heftiger Bewegung rief er aus:„Verſchmähſt Du mich, Blanka? o Mädchen, halte ein! beſinne Dich! bedenke, ich bin ein gebildeter Mann, ein angeſehener Mann!— nicht auch ein anſehn⸗ licher Mann?“
Dritte folge.
mit großen Schrit⸗ Der Erguß der
Aber
ſagen. Aber dieſer Lieutenant! Was entzückt euch Frauen,
eer einmal eine kühne, eine edle That vollbracht.
— nie veröffent⸗
Herz ging ihm über und auf- und niederſchritt,
Sein Blick fiel bei dieſen Worten in den goldgerahm⸗
ten Trumeau zwiſchen den Fenſtern, erröthend ſchlug er ihn aber ſchnell wieder nieder.„Bedenke,“ fuhr er dann fort, „bedenke, ich bin ein guter Mann, oder wenigſtens ich könnte es werden, denn ich liebe Dich, Blanka, und die Liebe macht gut.“
Seine neue koſtbare Stutzuhr ſchlug in dieſem Augen⸗ blicke ſechs und mahnte ihn an ſeine Toilette; denn um ſieben ſollte die Verſammlung ihren Anfang nehmen und Hetr Hollunder war an wichtigen Tagen gern der Erſte. Er zog daher ſeinen ſtattlichen Schlafrock aus, der ihm in zn pbindung mit dem rothen Fez auf ſeinem Haupte ein ßte gemein türkiſches Anſehn gab, wiewohl im Allgemeinen
Wer Freund wenig von einem Muſelmanne an ſich hatte,
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und begann ſich in den auserwählten Anzug zu hüllen, der ſchon auf dem Sopha ausgebreitet lag, ohne ſich durch dieſes Geſchäft in ſeinen peripatetiſchen Ergüſſen ſtören zu laſſen. Indem er die Weſte von himmelblauem Moiré überzog, fuhr er plötzlich leidenſchaftlich auf:„Was kann Dir dieſer Lieutenant ſein, Blanka? o fliehe ihn, fliehe ihn, denn er wird Dich verderben! es iſt keine Sitte und Treue in ihm; und Sitte und Treue des Mannes ſind die Pfeiler, auf welche eine Frau ihr Glück zu bauen hat. Aber doch lächelſt Du ihm, Geliebte! o, wohl ſehe ich es, wie holdſelig Du lächelſt, wenn er unter Deinem Fenſter vorübergaloppirt. Ich ſehe es und es geht mir durch's Herz. Was reizt Dich an dem Lieutenant? Kann reiten glücklich machen? oder eine blitzende Uniform? Heißt das Bildung: über Hinderniſſe ſetzen, ein keuchendes Pferd zu Tode jagen, das As in der Karte, den armen Vogel im Fluge zu treffen ohne Fehl? Er wird Dein Herz treffen, Mädchen, er iſt ein roher Geſell. Ich habe ihn beobachtet am Pharaotiſch und bei der Bowle. Da enthüllt ſich des Menſchen Natur. Ich ſpiele niemals, Blanka, und beim Glaſe mache ich Verſe und werde traulich, wie die Freunde
ſobald er ſich zeigt? Hat er Geiſt? hat er Tugend? hat er nur ein Herz? Er trägt einen Orden, es iſt wahr, weil Aber in der Leidenſchaft, nicht aus Ueberzeugung. Das iſt kein Werth, der bleibend ein liebendes Weib beglückt. Er be⸗ ſitzt auch eine ſchöne Geſtalt, ich geſtehe es, und, und—“
Wieder fiel Phosphorus Hollunder's Blick in den Spiegel, und nicht ohne Wohlgefallen, als er die Schleife ſeines Atlastuches breit zog,—„und Schönheit iſt aller⸗ dings ein Schlüſſel, der uns die Pforten der Menſchen⸗ herzen öffnet; das zeugt Dein Anblick, Blanka, Dein Alles bewältigender Anblick. Aber Schönheit des Leibes allein? Nein, Geliebte, wäre nicht auch Deine Seele lieblich und hold, ich würde Dich fliehen wie eine Schlange.— Du biſt arm, mein Kind“— fuhr er nach einer Weile fort, als er die glänzende Diamantnadel an ſeiner Bruſt be⸗ feſtigte,—„Du biſt arm, Blanka, und das beglückt mich, ſo kann ich Dir manche Freude bereiten, die Du jetzt nicht kennen lernſt; denn ich gebe ſo gerne, und wem gäbe ich lieber als Dir? Dein wäre Alles, was mein iſt, Geliebte, und ich nur Dein Sclave! Aber Du biſt ein Edelfräulein — biſt Du auch ſtolz, Geliebte? Blanka von Horneck, ein ſtattlicher Name!— Indeſſen auch die Hollunder ſind ein Geſchlecht, Jahrhunderte alt. Siehe den Baum in grauen Stein gemeißelt und die Jahreszahl 1530 über der Apotheke, das Wahrzeichen unſeres Hauſes. Wir haben uns den ſchönen Vorzug des Adels angeeignet, das


